Nr. 46 vom 8.11.2019

Nr. 46 vom 8.11.2019

Standpunkt

Anschlag auf ein Denkmal
der Demokratie und der freien Rede

Rohe Niedertracht oder ignorante Ahnungslosigkeit? Höchstwahrscheinlich beides. Beim Anschlag auf das Burschenschaftsdenkmal in der Wartburgstadt Eisenach in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober wurden im Inneren des Gebäudes auch die Tafeln zu Heinrich Riemann und Lorenz Oken beschädigt. Es hat allen Anschein, dass linksextreme Demokratiefeinde mit dem Anschlag ihre Wut auf das gute Ergebnis der AfD bei der Thüringer Landtagswahl abreagierten. In der Nacht von Montag auf Dienstag nach der Wahl wurde der Denkmalkomplex massiv beschädigt. Das Gebäude wurde mit Farbe beschmiert und die schwere Eisentür des begehbaren Denkmals verklebt. Darüber hinaus zerstörte ein Wurfgeschoss ein Fenster, sodass auch der Innenraum inklusive des Deckengemäldes beschädigt wurde.

„Die Ausmaße dieses feigen Angriffs stellen uns unter Schock“, teilte die Deutsche Burschenschaft mit. „In Zeiten, zu denen Verbindungsstudenten jeglicher Couleur, ihre Häuser und Gedenkstätten immer wieder Ziele solcher Angriffe werden, gilt es, zusammenzuhalten.“ Die Sanierungskosten sollen sich im fünfstelligen Bereich bewegen. Von 40.000 Euro war zuletzt die Rede. Zur Beseitigung der Schäden durch den Anschlag rief die DB zu Spenden für den Denkmalerhaltungsverein auf. Außerdem lobte sie eine Belohnung von 15.000 Euro aus für Hinweise zur Aufklärung der Tat. Ein Überwachungsvideo zeigt sieben Gestalten, und auf der linksextremen Plattform „Indymedia“ tauchte mittlerweile ein Bekennerschreiben auf, das in der Drohung „Wir kriegen euch alle“ gipfelt.

Anstandslos

Den Zweiten Weltkrieg hatte das 1902 auf einem Hügel gegenüber der Wartburg eingeweihte Burschenschaftsdenkmal halbwegs unbeschadet überstanden. Zu Zeiten des SED-Regimes, das Studentenverbindungen unterdrückte, war es dann Zerstörung, dem Verfall und sogar Plänen zur Sprengung ausgesetzt. Nach der Wende wieder im Besitz der Deutschen Burschenschaft, wurde es umfangreich restauriert. Daran beteiligte sich auch das Land Thüringen, „galt es doch ein Kulturgut zu retten, das an die Freiheitsbewegung der akademischen Jugend im 19. Jahrhundert erinnert, die von der Wartburg und Jena ausging“, wie der Denkmalerhaltungsverein einmal schrieb.

Die Täter zeigten also weder Respekt vor dem kulturellen Erbe noch Ehrfurcht vor den Toten – auch die Langemarck-Gedenkstätte wurde beschmiert; im Denkmal selbst sind die Namen der 1870/71 gefallenen 87 Burschenschafter verewigt – noch Achtung vor der Kunst. Die Jugendstilfenster und das erst vor wenigen Jahren vollständig restaurierte Fresko, das die „Götterdämmerung“ darstellt, sind Werke von Prof. Otto Gussmann (1869–1926), der ein Vorreiter des Expressionismus und Mitglied der Dresdner Sezession sowie des avantgardistischen Künstlervereins „Die Brücke“ war.

Riemann und Oken

Neben jeglichem Anstand entbehren die Täter offenbar auch geschichtlicher Bildung. Oder wussten sie, welche historischen Persönlichkeiten mit Riemann und Oken hier ihrer Zerstörungswut schutzlos ausgeliefert waren?

Der Theologe Heinrich Riemann (1793–1872), als Lützower Jäger Freiwilliger der Befreiungskriege, gehörte 1815 zu den Gründern der Urburschenschaft und wurde deren erster Sprecher. 1817 trat er als Redner auf dem Wartburgfest auf. An der Ausarbeitung der „Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober“ war Riemann federführend beteiligt. Dieses radikaldemokratische Manifest verschrieb sich nicht nur der deutschen Einheit, sondern nahm auch Menschen- und Bürgerrechte vorweg, die in den Verfassungen von 1849, 1919 und 1949 wieder aufgenommen wurden, so die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit, Religionsfreiheit und Meinungs- und Pressefreiheit.

Riemann, Opfer der Demagogenverfolgung nach den Karlsbader Beschlüssen, wurde 1848 Abgeordneter im ersten demokratischen Landtag von Mecklenburg und war zur selben Zeit Verfechter der Reichsverfassungskampagne mit dem Ziel, der Paulskirchenverfassung vom 28. März 1849 Anerkennung zu verschaffen.

Über den Biologen und Philosophen Lorenz Oken (1779–1851) schrieb der Hirnforscher und Wissenschaftshistoriker Prof. Olaf Breidbach in dem Band „Lorenz Oken. Ein politischer Naturphilosoph“ (2001): „Seine Bedeutung für die Wissenschaftsorganisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts – insbesondere in Blick auf die Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte ist kaum zu überschätzen.“

Okens Rede auf dem Wartburgfest war „eher ruhig und besonnen“, hält der Historiker Klaus Ries im selben Band fest. Die anwesenden Studenten mahnte Oken, sie sollten „nichts anderes werden als gebildete Deutsche, die sich alle gleich sind und deren Geschäft überall frei ist“. Und: „Nur das geziemt euch zu überlegen, wie ihr einst im Staat handeln sollt und wie ihr euch dazu würdig vorbereitet.“ Politisch habe Oken „ganz im Mainstream des deutschen Frühliberalismus“ gestanden, „der die Gesamtgesellschaft und eben nicht einen Teil davon repräsentieren will“, ordnet Prof. Ries ein.

Trotz Geldstrafen und Gefängnisdrohung im Anschluss an den Auftritt in Eisenach veröffentlichte Oken, Professor in Jena, weiter politische Artikel in seiner Zeitschrift „Isis“. Im Mai 1819 wurde er schließlich vor die Wahl gestellt: Lehrstuhl oder Zeitung. Am 1. Juni erfolgte seine Entlassung. Letztlich führte ihn sein Weg in die Schweiz, wo er erster Rektor der Züricher Universität wurde.

Thema Meinungsfreiheit

Überregionalen Medien war die Beschädigung des Burschenschaftsdenkmals übrigens keine Erwähnung wert. Das ist umso erstaunlicher, als es erstens „dem geeinten Vaterlande“ gewidmet ist, also anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls eine besondere Bedeutung hat. Zweitens haben sich in der Woche danach „Spiegel“, „Frankfurter Allgemeine“ und die „Zeit“ des Themas Meinungsfreiheit angenommen. Da wäre die Aufarbeitung einer politisch motivierten Sachbeschädigung, noch dazu an einem Denkmal für die Vorreiterbewegung von Demokratie und freier Rede, gut aufgehoben gewesen.

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 8. November 2019

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