Nr. 21 vom 18.5.2018

Nr. 21 vom 18.5.2018

Standpunkt

Verbundenheit, die schützt

„Littering“: Der englische Begriff geht so harmlos leicht von den Lippen. Und doch verstecken sich dahinter Berge von Müll – Einweggrills, Verpackungsmaterial jeder Art, Zigarettenkippen, Becher für den Kaffee „to go“, eben alles, was in Parks, am Straßenrand oder auf Bürgersteigen ohne große Gewissensbisse nicht ordnungsgemäß entsorgt wird. „Wegwerfen“ ist die deutsche Übersetzung.

Bereits seit zehn Jahren erforschen Psychologen der Berliner Humboldt-Universität unter dem Schlagwort „Littering“ dieses Vermüllungsphänomen, das nicht nur in Metropolen auftaucht. Jüngst schlossen die Wissenschaftler die vierte von mehreren Stadtreinigungsunternehmen, darunter Berlin, Frankfurt/Main, Stuttgart, München, Bern und Wien, in Auftrag gegebene Studie zu „Wahrnehmung von Sauberkeit und Littering im öffentlichen Raum“ ab. Ziel des Projekts war es, Unterschiede zwischen einer ersten Studie von 2005/2006 herauszuarbeiten und den Kommunen Möglichkeiten vorzuschlagen, des Müllproblems Herr zu werden.

Zu den von den Berliner Forschern „favorisierten Anti-Littering-Maßnahmen“ gehören ganz praktische Dinge wie die häufige Leerung und geschickte Platzierung von Abfalleimern, aber auch die Sensibilisierung besonders gedankenloser Wegwerfer (vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sind hier die Zielgruppe) sowie tiefgründigere Anregungen, nämlich Nutzung und Stärkung der „Verbundenheit zum (Wohn)ort“. In der „Süddeutschen Zeitung“ formulierte es am 30. April eine Reportage zum Thema so: „Wer sich mit seinem eigenen Wohnort weniger verbunden fühlt, schert sich auch nicht weiter um ihn.“

Andersherum gesagt: Wer sich seinem Wohnort verbunden fühlt, kümmert sich. Die drohende Frage an auf frischer Tat ertappte „Litterer“, ob sie zuhause den Müll auch einfach auf den Boden werfen würden, bezieht ihre Hoffnung auf pädagogischen Erfolg schließlich aus ebendieser Gewissheit: dass man sein eigenes Heim eher sauber halten, also schützen möchte als einen von Anonymität geprägten und damit der sozialen Kontrolle enthobenen Ort, für den man sich nicht verantwortlich fühlt.

Die Liebe zum Ort

Diese einleuchtende Erkenntnis lässt sich über den urbanen Kontext des „Litterings“ hinaus auf den Umweltschutz allgemein ausdehnen und gibt den Blick auf die bedeutendste Triebfeder für ein umweltbewusstes Verhalten frei: eine positive Identifikation mit der eigenen Lebensumgebung. Je mehr man sich mit ihr verbunden fühlt, je mehr man sie als Heimat begreift, desto größer ist die Bereitschaft, sie vor schädlichen Einwirkungen zu bewahren, desto eher ist man bereit, sein persönliches Handeln entsprechend anzupassen.

In der Umweltpsychologie hat sich der Begriff „Place attachment“ für die Bindung zwischen einer Person und einem Ort durchgesetzt. Darunter versteht man ein mehrdimensionales Konzept, das auch das individuelle Verhalten einschließt. Wichtig für diesen Ansatz ist es, dass Orte vor allem durch persönliche Erfahrung ihre Bedeutung für das Individuum entfalten. Es wird dabei davon ausgegangen, dass auch kollektive Erlebnisse und Erinnerungen zur Intensität der Bindung beitragen, „Place attachment“ also eine religiöse, historische und andere kulturelle Bedeutungen hat. Die Psychologen Leila Scannell und Robert Gifford zählen in einem Essay zu den Vorteilen dieser Ortsverbundenheit die Fähigkeit, Erinnerungen aufzubauen, indem sich der Einzelne über den gemeinsamen Ort mit der Vergangenheit seiner Vorfahren verbinden kann. Als Gewinn dieses Zugehörigkeitsgefühls werten sie auch „persönliches Wachstum“, da positive Emotionen als Ergebnis einer gesunden Beziehung der Person zum Ort Sicherheit und Freiheit fühlen lassen. In einem anderen Aufsatz aus dem Jahr 2010 hielt das Forscherduo fest, dass der Wunsch, die ökologischen oder auch architektonischen Besonderheiten eines Ortes zu erhalten, in direktem Zusammenhang mit der Ausprägung der Ortsbindung steht.

Heimat

Dazu fügt sich, was der britische Philosoph Roger Scruton in seinem Buch „Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz“ (auf Deutsch 2013 erschienen) festhielt – dass nämlich vor allem ein starkes „Heimatgefühl“ die Basis für einen effektiven Natur- und Umweltschutz ist. „Das Zugehörigkeitsgefühl zu einem bestimmten Territorium und der Wunsch, dieses vor Zerstörung und Verschwendung zu schützen, stellen machtvolle Triebkräfte dar, auf die die Politik regelmäßig zurückgreift, wenn es heißt, die Gürtel müssten enger geschnallt und Opfer gebracht werden. Denn diese Beweggründe haben eine starke Wurzel, nämlich die Liebe jedes Menschen zu seiner Heimat.“

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 18. Mai 2018

GRÜNES LICHT FÜR DEN FLÄCHENBRAND?

Die einseitige Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch Washington und die Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem haben eine Situation entstehen lassen, die fürchterliche Gefahren der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Eskalation birgt.

UMWELTSCHUTZ UND HEIMAT

Warum Umweltpolitik keine Aussicht auf Erfolg hat, wenn der Migration keine Schranken auferlegt werden.

KRIEGSSPIELE IM DODEKANES

Nicht nur wegen Zypern sind die Beziehungen zwischen Ankara und Athen angespannt. Es geht auch um Besitzansprüche in der Ostägäis, die im schlimmsten Fall zu einem Krieg zwischen der Türkei und Griechenland führen könnten.

WDR MIT PEINLICHER AFFÄRE

Die unappetitliche Affäre und die entsprechende Debatte um sexuelle Belästigungen beim WDR erschüttern den gebührenfinanzierten Sender. Gleichzeitig verengt sich aber der Fokus – und von anderen Arten der Frauenfeindlichkeit wird abgelenkt.

ZWISCHEN DEPRESSION
UND HOFFNUNG

Billigkonkurrenz aus China hat die Solarzellenproduktion in der Bundesrepublik Deutschland zerstört. Warum dennoch Teile der Photovoltaikbranche wieder zuversichtlich in die Zukunft sehen. Über die Hintergründe ansteigender Umsätze, neuer Arbeitsplätze und die Lage im „Solar Valley“ …

UNGEREIMTHEITEN

Mitte April erstach ein Asylmigrant aus dem Niger in Hamburg seine kleine Tochter und deren Mutter. Der Fall rüttelte bundesweit auf. Doch ist die Öffentlichkeit hinreichend über die Tat informiert worden?

MARX, TRIER, DIE SPD

Seit dem Godesberger Programm von 1959 hatte sich die SPD von Marx zunehmend distanziert – zuletzt mit dem Ruhenlassen der Mitgliedschaft in der auf Karl Marx zurückgehenden „Sozialistischen Internationale“. Nun beteiligte sie sich an der Huldigung des umstrittenen Sohnes der Moselstadt.

FAIRNESS UND REALITÄTSSINN

Am 8. Mai fand im Wiener Bundeskanzleramt ein „Festakt zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und an die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa“ statt. Dichter und Sänger Arik Brauer hielt dort vor Bundeskanzler und Bundespräsident eine eindrucksvolle Rede.

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Nr. 20 vom 11.5.2018

Nr. 20 vom 11.5.2018

Standpunkt

In der Tradition von 1832

„Schwarz-Rot-Gold war auf diesem Feste kein leeres Schaustück. Man hatte die Farben als Zeichen gemeinsamen Nationalsinns angelegt.“ Was der Leipziger Jura-Professor Ernst Jaeger (1869–1944) über das Hambacher Fest von 1832 schrieb, galt auch auf dem „Neuen Hambacher Fest“ am 5. Mai 2018. Den weit über 1.000 Teilnehmer sind die Nationalfarben mehr als Folklore und Dekoration, nämlich ein Bekenntnis zu Einigkeit und Recht und Freiheit.

Für Initiator und Veranstalter Prof. Max Otte sollte das „Neue Hambacher Fest“ dem historischen Beispiel folgend ein „Höhepunkt bürgerlicher Opposition“ werden. In einem Brief vom 27. April an seinen CDU-Parteifreund, MdB Heribert Hirte, hatte der Ökonom erklärt: „Das Hambacher Fest stand für einen aufgeklärten, weltoffenen Patriotismus und eine bürgerliche demokratische Gesellschaft. Beides ist in höchster Gefahr, weil große Teile unserer Partei es zugelassen haben, dass unsere Vorsitzende und Bundeskanzlerin die deutsche Staatlichkeit bewusst erodieren lässt und zum Teil aktiv abschafft und zweitens droht, dass die bürgerliche Demokratie durch eine Parteienfunktionärsherrschaft abgelöst wird.“

Vera Lengsfeld betonte dann in ihrer Rede: „Wir sind hier, weil wir unser Land, unsere emanzipatorischen Errungenschaften, den Rechtsstaat und das Grundgesetz nicht kampflos der Demontage überlassen wollen.“ Thilo Sarrazin freute sich, dass er nicht allein sei „mit meiner Position“. Leif-Erik Holm, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion, war gekommen, „um ein Zeichen gegen Obrigkeitswillkür, für die Freiheit und für unsere Souveränität zu setzen“.

Folgt man den O-Tönen, ging es am 5. Mai 2018 nicht darum, das historische „Hambacher Fest“ zu „okkupieren“ oder zu „kapern“ oder gar die „Geschichte umzuschreiben“, sondern darum, die Errungenschaften des Vormärz zu verteidigen, um die Zukunft aktiv gestalten zu können. Wer heute aus freiheitlicher, bürgerlicher, patriotischer und regierungskritischer Motivation zur Maxburg, dem Hambacher Schloss, zieht, darf sich in die Tradition von 1832 stellen.

Die im September 2015 gleichzeitig mit der Wiedereinführung von Grenzkontrollen verfügte Außeranwendungsetzung der Bestimmung über die Verweigerung der Einreise aus sicheren Drittstaaten (§ 18 Abs. 2 Nr. 1 AsylG) und die Einwanderungswelle seither haben die politischen Parameter in ganz Europa spürbar verändert. Hierdurch wurde nicht nur das Projekt der europäischen Integration in seine schlimmste Krise gestürzt, sondern auch für eine Spaltung der deutschen Gesellschaft gesorgt.

Aber gleichzeitig entwickelte die geistige Auseinandersetzung mit den Propagandisten einer „multiethnischen“ bzw. „multikulturellen“ Umgestaltung des Landes eine außerordentliche Dynamik. Bundesweit werden Initiativen, Demonstrationen und Vorträge veranstaltet, immer öfter finden sich Intellektuelle und auch Vertreter etablierter Parteien, die dem die Grundlagen der Verfassung gefährdenden Kurs der Bundesregierung nicht länger schweigend zusehen wollen. In diesem Zusammenhang steht auch das „Neue Hambacher Fest 2018“ an jenem Ort, an dem 1832 patriotische Demokraten hinter ihren Wunsch nach Freiheit, Demokratie und nationaler Einheit ein Ausrufezeichen gesetzt hatten.

Arne Neumann

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 11. Mai 2018

KONSEQUENZEN AUS ELLWANGEN?

Rückzug vor dem Zugriff: Bis zu 150 Asylbewerber hinderten in der Landesaufnahmeeinrichtung im baden-württembergischen Ellwangen Polizisten daran, ihrer Arbeit nachzugehen und die Überstellung eines Togolesen nach Italien vorzubereiten. Welche Folgen hat es, wenn die Polizei der Gewalt weicht?

KIRCHENVERTRETER GEGEN
DAS KREUZ?

In Bayern begrüßen 56 Prozent der von Meinungsforschern Befragten den „Kreuz-Erlass“ von Ministerpräsident Markus Söder. Dass ausgerechnet Bischöfe und Priester dagegen sind, betrübt Erzbischof Peter Zurbriggen, Nuntius in Wien.

NEUE SORGEN BEI OPEL

Tiefe Verunsicherung, Angst um Arbeitsplätze und Furcht vor Werksschließungen begleiten Opel-Mitarbeiter seit geraumer Zeit. Ein Jahr nach der Übernahme durch die französische „Groupe PSA“ spitzt sich die Lage nun wieder zu: Was wird aus den deutschen Produktionsstandorten?

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN

Die Digitalisierung ist in alle Bereiche des täglichen Lebens vorgedrungen. Das schafft natürlich Erleichterungen, birgt aber auch Gefahren. Dazu der Kommentar „Quer gedacht“.

DER TRAUM DER EINHEIT LEBT

Nordkorea und Südkorea wollen eine neue Ära einleiten. Die Begegnung des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong-un und des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in am 27. April in der Grenzsiedlung Panmunjom war historisch. Die Rolle Washingtons.

GUT VERTRETEN

Aus einer von Focus Online veranlassten Meinungsumfrage des Civey-Instituts geht hervor, dass mehr als jeder vierte Bürger in der Bundesrepublik Deutschland mit der Arbeit der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag zufrieden ist. Letztes Jahr 12,6 Prozent Wähler – nun 27,3 Prozent Zufriedene.

BRAUCHT DIE BAYERNHYMNE
EINE DRITTE STROPHE?

Das Hin und Her um das Bayernlied war mit der 1980 von Ministerpräsident Franz Josef Strauß proklamierten Fassung, die sich an die ersten beiden Strophen des Ursprungstexts des Dichters Michael Öchsner (1816 –1893) hält, zu einem tragfähigen, historisch richtigen Abschluss gekommen. Zu den Bestrebungen, die Landeshymne um eine dritte Strophe zu erweitern.

90 JAHRE „RHEINGOLD“

Am 15. Mai 1928 fuhr der „Rheingold“ zum ersten Mal. Mit einem bis dahin nicht gekannten Maß an Komfort war er der schnellste Zug von der Nordsee bis zu den Alpen, von Holland in die Schweiz. Die damit begonnene Geschichte endete erst 1987.

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Nr. 19 vom 4.5.2018

Nr. 19 vom 4.5.2018

Standpunkt

Die „Verwerfungen“

Ulrich Exner erklärte am 15. April in einem Kommentar der „Welt“: „Eine Einwanderungsgesellschaft, ein heterogenes Land, das zugleich einer enormen wirtschaftlichen Dynamik unterworfen ist, eine disruptive und zugleich multikulturelle Gesellschaft also, benötigt klarere, nachvollziehbarere, strengere Regeln und härtere Gesetze als die vergleichsweise übersichtliche und homogene Bundesrepublik vergangener Jahrzehnte. Sie braucht mehr Polizei, mehr Justiz und wahrscheinlich auch mehr Gefängnisplätze, um die Einhaltung dieser Regeln zu überwachen. Das ist vermutlich schwer zu ertragen für all jene, die seit Jahrzehnten für ein freies und zugleich ‚bunteres‘ Land streiten. Aber es ist bitter nötig, wie man nicht nur in Großburgwedel, in Preetz oder am Jungfernstieg sehen kann.“

Die Selbstverständlichkeit eines erträglichen Zusammenlebens auf Basis gemeinsamer Regeln, Normen und Moral wird tatsächlich aufs Spiel gesetzt für einen demokratisch nicht abgesegneten Großversuch mit ungewissem Ausgang, nämlich eine monoethnische in eine multiethnische Demokratie zu verwandeln. Dass ein solcher stattfindet, hatte der Harvard-Politologe Yascha Mounk vor einem guten Vierteljahr unverhohlen beschrieben, nicht ohne auf die „Verwerfungen“, die damit einhergehen, zu verweisen. Seinen Optimismus, dass das „historisch einzigartige Experiment“ gut gehen könne, teilen viele nicht.

Joachim Gauck sagte unlängst in einer Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf über „Deutschland als Einwanderungsland“, dass es eine gemeinsame Grundlage des Zusammenlebens brauche und zwar „umso mehr, je weniger sich ein gesellschaftlicher Zusammenhalt auf ethnische und kulturelle Homogenität stützen kann“. Ob der Einsatz überhaupt lohnt, welche Vorteile der „bunten“ Gesellschaft die Nachteile überwiegen, ob sich diese Grundlage überhaupt schnell genug durchsetzen kann, scheint für die Verfechter des Experiments unerheblich.

Um die dabei entstehenden und in Kauf genommenen „Verwerfungen“ einzudämmen, sind also erst einmal Maßnahmen notwendig, deren Vorbild Gauck in der belgischen Stadt Mechelen zu finden meint. Dort sei die Polizei aufgestockt, der öffentliche Raum mit vielen Kameras versehen worden. „In Mechelen können Sie nicht rein- oder rausfahren, ohne das Ihr Kennzeichen registriert wird“, zitierte Anfang 2017 der Deutschlandfunk den Bürgermeister Bart Somers. Pro Jahr würden rund 96 Millionen Autokennzeichen erfasst. Von Mechelen ganz begeistert zeigte sich übrigens vor wenigen Tagen im „Welt“-Interview auch Katrin Göring-Eckardt, die 2015 ihre Freude darüber, dass Deutschland sich drastisch verändern würde, kundtat.

Was man auch aus Gaucks Worten lesen kann: Das Experiment, Deutschland zur Regenbogennation umzugestalten, funktioniert höchstens, wenn die Staatsgewalt ihre Muskeln spielen lässt. Mit zugespitzten Worten: „Multikulti“ geht nur mit Überwachung und Polizeischutz.

Diversität und soziales Kapital

Warum ist das so? „Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Vertrauen und Kooperation in einer Gesellschaft abnehmen, in der die Verschiedenheit wächst,“ bemerkt der Ex-Bundespräsident.

Dieses Phänomen beschreibt der Oxford-Ökonom Paul Collier in seinem Buch „Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“ (2013) ausführlich im Kapitel zu den sozialen Folgen der Einwanderung für die Aufnahmegesellschaft. Er beruft sich auf den anerkannten Harvard-Soziologen Robert David Putnam, der als führender Vertreter des Konzepts des „sozialen Kapitals“ gilt. Putnam fand heraus, dass das Vertrauen zwischen Einwanderern und Einheimischen in Gemeinden mit großem Migrantenanteil schwindet. Ein anderes Ergebnis von Putnams soziologischen Untersuchungen sei aber noch beunruhigender, schreibt Collier. „Je mehr Einwanderer in einer Gemeinde leben, desto geringer wird das Vertrauen nicht nur zwischen den Gruppen, sondern auch innerhalb der Gruppen.“ Putnam selbst findet: „Es wäre bedauerlich, wenn ein politisch korrekter Fortschrittsglaube die Realität der Herausforderung leugnet, die sich für die soziale Solidarität aus der Diversität ergibt.“

Marc Hooghe, Politologe an der Universität Löwen, Belgien, und sein Kollege Thomas de Vroome von der Universität im niederländischen Utrecht haben 2014 in einer Studie den Zusammenhang zwischen Diversität und Kriminalitätsfurcht beschrieben. „Der Anteil ethnischer Minderheiten in einer Gemeinde hat eine viel größere Auswirkung auf die Kriminalitätsfurcht als die tatsächlich registrierten Verbrechen“, schreiben sie. Hooghe und Vroome meinen, „die Relation von Diversität und Kriminalitätsfurcht scheint nicht mit Vorurteilen gegen Migranten zu tun zu haben“. Der Zusammenhang zwischen dem Einfluss der Diversität auf das soziale Kapital der Mehrheitsgesellschaft und das Gefühl kollektiver Betroffenheit müsste ihrer Meinung nach noch weiter untersucht werden.

Verlust persönlicher Freiheit

Der Öffentlichkeit ist Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, in letzter Zeit oft als irrationale Emotion verkauft worden, doch die Kriminologie weiß, dass die Kriminalitätsfurcht, ob empirisch begründet oder nicht, ganz reale Auswirkungen auf das Sozialleben und das Verhalten hat und nicht zuletzt sogar geeignet ist, tatsächlicher Kriminalität Räume zu schaffen. Das schreibt übrigens auch das Forscherduo. Vermeideverhalten ist das Stichwort, das auch den Verlust persönlicher Freiheiten einschließt. Logisch scheint, dass die Erosion des sozialen Kapitals nicht ohne Auswirkungen auf die Kriminalität bleibt.

Polizeipräsenz und Überwachung bekämpfen Symptome, nicht Ursachen. Damit uns das von Mounk so freimütig beschriebene Großexperiment nicht endgültig um die Ohren fliegt, muss dringend der Versuchsaufbau geändert werden.

AW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 4. Mai 2018

200 JAHRE KARL MARX

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehört nach Meinung vieler zu Karl Marx wie Indianer zu Karl May. Doch tauchen im wichtigsten Werk von Marx, „Das Kapital“, die Grundbegriffe von Hegels Philosophie gar nicht auf. War Hegel wirklich sein geistiger Ahnherr? Und Marx Hegels „bedeutendster Schüler“?

DEUTSCHLAND BUCHT DEN FLIEGER

Anders als die Bundesregierung in Wien beteiligt sich die in Berlin an dem im letzten Sommer von der EU-Kommission beschlossenen Resettlement-Programm. Merkels in diesem Zusammenhang geäußerter Satz „Diesen Weg präferieren wir“ führt in die Irre. Denn die Bundesgrenze bleibt für jedermann offen, der „Interesse an Schutz oder Asyl in der Bundesrepublik“ zeigt, auch wenn er über sichere Drittstaaten angereist ist.

TRÜGERISCHES IDYLL

Der Englische Garten in München war an zwei Aprilwochenenden hintereinander Schauplatz von Gewalt bislang unbekannter Ausprägung. Die Polizei soll nun mit erhöhter Präsenz, darunter mehr Beamte hoch zu Ross, für Ordnung sorgen. Was steckt hinter den Ausschreitungen?

WASHINGTONS VERLÄNGERTER ARM

In Europa weitgehend unbemerkt, nimmt Australien gegenüber kleinen Pazifikstaaten mittlerweile die Rolle eines Hilfssheriffs wahr. Es geht dabei in erster Linie um die Eindämmung Chinas in Ozeanien, wie Dr. Bernhard Tomaschitz analysiert.

PLASTIK AUF ALLEN EBENEN

Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass der Große Pazifische Müllstrudel viel größer ist und viel mehr Plastik enthält als bisher angenommen. In einem Gebiet von 1,6 Millionen Quadratkilometern treiben knapp 80.000 Tonnen
Plastik.

„SCHLIMMERES VERHINDERT“

Einen Angriff auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit unternahmen am 25. April in Linz etwa 60 Linksextremisten, als sie mit Gewalt gegen einen von etwa 20 Personen betreuten Informationsstand der Identitären Bewegung vorgingen. Die anschließende Diskussion um den Polizeieinsatz.

„HOCH ÜBER EUREN SORGEN“

Eichendorffs Gedicht „Frühlingsmarsch“ entstand 1813/14, als der junge Verwaltungsjurist als Freiwilliger gegen napoleonische Unterdrückung kämpfte. Die erste Strophe zeigt uns aber keine marschierenden Soldaten, sondern das lyrische Ich steigt auf einen hohen Baum, einen Turm oder einen Berg: „Hoch über euren Sorgen sah ich vom Berg ins Land. Voll tausend guter Morgen die Welt in Blüten stand.“

MAGDEBURG IST WIEDER DA

Vorzeitig hat am Wochenende der traditionsreiche 1. FC Magdeburg mit einem 2:0-Heimsieg über Fortuna Köln den ersehnten Aufstieg von der dritten in die zweite Bundesliga sichergestellt. Damit meldet sich eines der Schwergewichte der früheren DDR-Oberliga zurück auf der großen Fußballbühne.

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