Nr. 3 vom 12.1.2018

Nr. 3 vom 12.1.2018

Standpunkt

Shinzo Abe, der japanische Anti-Merkel

Shinzo Abe, Premierminister und Vorsitzender der Liberaldemokratischen Partei, will dafür sorgen, dass sich das japanische Volk ungeachtet des Geburtenrückgangs nicht aus der Geschichte verabschiedet, sondern diese Herausforderung aus eigener Kraft bewältigt. Seine „Neujahrsgedanken“ 2018 widmete er der abnehmenden Geburtenrate und der alternden Gesellschaft sowie der Frage, wie Japan mit dieser „kritischen Situation“ umgehen solle. Dazu erinnerte Abe an eine frühere Umgestaltung der japanischen Gesellschaft, die Meiji-Restauration, die unter dem Tenno dieses Namens ab 1868 stattfand:

„Vor 150 Jahren brandete eine Woge kolonialer Herrschaft nach Asien und die Erneuerung der Nation durch das Japan der Meiji-Ära begann unter diesem Druck. Um die riskante Situation zu überwinden, die man ehrlicherweise als nationale Krise bezeichnen sollte, drängte Japan auf einmal mit der Modernisierung vorwärts. Die Antriebskraft dafür bildete jeder einzelne Japaner. […] Japan bewahrte seine Unabhängigkeit, indem es das ganze Spektrum der Fähigkeiten mobilisierte, die es im japanischen Volk gab.“

„Wie unsere Vorfahren vor 150 Jahren“

An diesem Vorbild will sich Abe mit Blick auf die jetzige Bevölkerungskrise orientieren: „Wir können die Zukunft mit unseren eigenen Händen gestalten. Alles hängt von dem Streben und dem Eifer von uns, dem japanischen Volk, ab. Alles hängt davon ab, ob wir daran glauben, dass wir die Zukunft beeinflussen und handeln können, wie es unsere Vorfahren vor 150 Jahren getan haben.“

Die Behauptung, mit einer sinkenden Bevölkerung könne die japanische Wirtschaft nicht mehr wachsen, hält Abe durch die letzten fünf Jahre, in denen das nominale Bruttoinlandsprodukt um mehr als elf Prozent gestiegen sei und ein Rekordhoch erreicht habe, für widerlegt. „Obwohl unsere Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter um 3,9 Millionen abgenommen hat, ist die Zahl der Beschäftigten um 1,85 Millionen gestiegen.“ Und: „Wir können jetzt Dinge erreichen, die sogar in der Periode raschen wirtschaftlichen Wachstums außer Reichweite waren.“

Abe zeigte sich „überzeugt, dass Japan auch weiterhin in der Lage sein wird, ein robustes Wachstum zu genießen, wenn es uns gelingt, eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Bürger dynamisch engagiert sind und in der alle, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, auch diejenigen mit Behinderungen oder schweren Krankheiten oder solche, die früher einmal gescheitert sind, ihre Fähigkeiten im größtmöglichen Umfang demonstrieren können“.

„Hand in Hand mit dem japanischen Volk“

„Wir werden stark in die Zukunft der Kinder investieren“, versprach Abe, und: „Wir werden das Leben und den sicheren Alltag der Japaner unter allen Umständen schützen.“ Die Reformen, die seine Partei bei den Wahlen 2017 angekündigt hat, will Abe nun „Hand in Hand mit dem japanischen Volk“ umsetzen.

Im September 2016 hatte Shinzo Abe Japans sinkende Bevölkerung als „kein Übel, sondern Ansporn“ bezeichnet und erklärt, verstärkt auf Roboter und künstliche Intelligenz setzen zu wollen. Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hält in ihrer Ausgabe vom 10. Januar 2018 fest: „Die [japanische] Regierung schließt es aus, zur Kompensation der fallenden Zahl von Arbeitskräften auf Einwanderung zurückzugreifen.“

Die Automatisierung, auf die Abe bei der Bewältigung des Bevölkerungsrückgangs baut, wird auch in Deutschland kommen und voraussichtlich werden dadurch Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Nicht nur, aber auch deswegen ist es der klügere Weg, sich wie Japan auf den zahlenmäßigen Rückgang der Bevölkerung und den Anstieg des alten Bevölkerungsteils einzustellen und gleichzeitig Maßnahmen zu ergreifen, die eigene Geburtenrate zu stabilisieren, als eine große Zahl von Migranten ins Land zu holen, von denen niemand weiß, ob, wann und wie lange für sie ein Arbeitsplatz da sein wird. Was die sich abzeichnende Entwicklung für den Frieden im deutschen Gemeinwesen bedeuten kann, kontrastiert wohl deutlich mit dem „sicheren Alltag der Japaner“, den Abe, ohne zu lügen, in Aussicht stellt.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 12. Januar 2018

BRENNPUNKT DRESDEN HBF

Der Vorplatz des Hauptbahnhofs wird zunehmend zur No-go-Area. Gewalttaten häufen sich. Einen Tag vor Silvester kam es zu einem „besonders schweren Fall des Landfriedensbruchs“, so die Polizeidirektion Dresden. 15 junge Personen, „arabisches Aussehen“, griffen sechs jugendliche Deutsche an. Was sieht der Anfang Dezember vorgestellte Maßnahmenkatalog für die Sicherheit des Orts vor?

NASSERS DREI KREISE

Vor 100 Jahren kam der ägyptische Revolutionsführer und Präsident Gamal Abdel Nasser zur Welt. Nicht nur in Ägypten ist er Symbolfigur für eine arabische Nation ohne (religiöse) Selbstzerfleischung geblieben, die heute so weit entfernt scheint. Was waren Nassers Ziele?

„REGIMEWECHSEL“ IM IRAN?

Der sehnliche Wunsch des iranischen Volkes nach wirtschaftlichen und sozialen Verbesserungen soll instrumentalisiert werden. Washington hat genaue Vorstellungen; um Freiheit und Demokratie geht es dabei nicht.

MERKELS „REGENBOGENPOLITIK“

Rechts von der CDU – stehen ihre eigenen Mitglieder. Das geht aus einer entsprechenden Befragung der Konrad-Adenauer-Stiftung hervor. Die Parteivorsitzende aber setzt auf „Mainstream“ und betreibt das keineswegs grüne Geschäft der „Grünen“. Damit hat sie den Bogen überspannt.

BESSERE LUFT IN DEUTSCHEN STÄDTEN?

Die Energiewende kann gelingen. Doch dabei müssen viele Herausforderungen gemeistert und Hindernisse überwunden werden. Und die Politik darf die Verbraucher nicht im Stich lassen.

ALLES HALB SO SCHLIMM?

Die vergangene Silvesternacht ist laut tonangebenden Medien friedlich verlaufen. Sexuelle Übergriffe, linksextreme Gewalt oder Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Notärzte werden in diesen Berichten allerdings ignoriert oder verharmlost.

DAS GROSSE ARTENSTERBEN

Nach der am 27. Dezember 2017 veröffentlichten Roten Liste des WWF, der größten internationalen Natur- und Umweltschutzorganisation, hat die Zahl der bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen neuen Höchststand erreicht. Dazu der Kommentar „Quer gedacht“.

ADLER IM HÖHENRAUSCH

Auch wenn Skispringer Richard Freitag einen möglichen Sieg bei der Vierschanzentournee aus der Hand geben musste, symbolisiert gerade er die bemerkenswert gute Verfassung der bundesdeutschen Athleten vor den Olympischen Winterspielen im Februar.

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Nr. 2 vom 5.1.2018

Nr. 2 vom 5.1.2018

Standpunkt

Wem gehört Stresemann?

Dass sich Alexander Gauland dafür aussprach, die künftige parteinahe Stiftung der AfD solle „Gustav-Stresemann-Stiftung“ heißen, sorgt für anhaltende Aufregung. Die Partei vergreife sich an dem Erbe anderer, lautet der Vorwurf.

Doch welche Bundestagspartei kann und will sich wirklich auf die Geisteshaltung und Gedankenwelt Gustav Stresemanns (1878–1929), des Gründers und Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, Reichskanzlers im Krisenjahr 1923, Außenministers von 1923 bis 1929 und Friedensnobelpreisträgers des Jahres 1926, beziehen oder weist zumindest Verständnis für sie auf?

„Selbstachtung“

Dabei soll nicht von Stresemanns Politik bis 1918 die Rede sein, die zuletzt durch ihre Nähe zu Ludendorff und der Obersten Heeresleitung gekennzeichnet war. Es genügt der Blick auf den Parteivorsitzenden und Staatsmann der Weimarer Republik. Auf jenen Stresemann, der in seiner Rede auf der Kundgebung der Deutschen Volkspartei (DVP) in der Berliner Philharmonie am 22. Februar 1919 erklärte: „Das ist das Schwerste in dem Ertragen der gegenwärtigen Situation, dass wir so wenig Würde im Unglück zeigen. Nicht dass wir unterlegen sind, drückt uns nieder. Wenn ein Volk wie das deutsche im Kampf gegen den größten Teil der Welt steht und dabei unterliegt, dann brauchen wir das Haupt nicht niederzusenken. Was uns die heutige Zeit so schwer erträglich macht, das ist nur das Niederreißen dessen, was wir in diesen Jahren geleistet haben, wir Deutschen selbst, das ist das geringe Maß von Selbstachtung und Ehre, das wir uns entgegenbringen […].“

Während man sich durch die eben zitierten Zeilen an Gaulands von Empörung umtosten Satz von den „Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ erinnert fühlen mag, würde der in der Berliner Rede Stresemanns gleich anschließende, immer wieder leidenschaftlich variierte Gedanke heute von keinem Bundestagspolitiker unterschrieben werden: „Ein einziger Lichtblick bleibt uns in diesem Bilde. Das ist die Hoffnung, ja mehr gesagt, die Wahrscheinlichkeit auf eine Verbindung Deutschlands mit Deutschösterreich […].“ In „unseren Brüdern aus Österreich“ sei „das Deutschbewusstsein fester, stärker noch verankert als in uns“, formulierte Stresemann.

„Unseres Herzens Schlag“

Und was ist mit seinem bekannten Ausspruch auf dem Stuttgarter DVP-Parteitag im Jahre 1921, der auch nach Stresemanns Tod von seinen Freunden als Ausdruck seines tiefsten Fühlens gewertet wurde? Er lautet: „Auf dem kleinen Felseneiland, und gerade auf ihm, auf Helgoland, wo man hinausschaut auf das Meer, wo alte Träume deutscher Seeherrlichkeit die Seele pflügen, da ist das Lied gedichtet worden, das wir von niemand uns verwehren lassen auszusprechen, als unseres Herzens Empfindung, als unseres Herzens Schlag: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.“ Können Martin Schulz, Claudia Roth oder Angela Merkel sich da hineinversetzen?

1924 erklärte Stresemann einem amerikanischen Korrespondenten nicht nur, dass seine Partei „unbedingt auf dem Boden der deutschen Reichsverfassung“ stehe, sondern auch, warum „meine Partei und ich festhielten an der Liebe zu den alten deutschen Farben Schwarz-Weiß-Rot“. Wer im Bundestag kann diese Haltung nachvollziehen?

Ein Thema, das Stresemann vom Zusammenbruch 1918 bis zu seinem Tode 1929 bewegte, war der Ausgleich des „alten“ mit dem „neuen Deutschland“. Noch kurz vor seinem Tod, im Gedenkbuch der Reichsregierung zum 10. Verfassungstag am 11. August 1929, sprach er sich in seinem Beitrag „Der deutsche Weg“ für die „Synthese des Alten mit dem Neuen” aus und für die „Achtung vor dem, was groß und ehrwürdig in dem alten Deutschland gewesen ist“. Klingt das wie Christian Lindner („Digital first – Bedenken second“)? Welche Bundestagsabgeordneten interessieren sich für diese Frage?

Von der FDP aufgegeben

FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki findet Gaulands Plan, Gustav Stresemann zum Namensgeber für eine AfD-nahe Stiftung zu machen, „geschichtslos“. Dabei ist diese Idee eher eine Folge eigener Geschichtsvergessenheit. Wahr ist, dass die FDP in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch das Erbe der Deutschen Volkspartei im Blick behielt – nicht nur durch das Parteisignet mit dem Adler und die Farben Schwarz-Weiß-Rot auf Plakaten und bei Versammlungen. Zum FDP-Programmparteitag in Berlin im Januar 1957 gehörte eine Kranzniederlegung an den Gräbern sowohl des Gründers der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), Friedrich Naumann, als auch Gustav Stresemanns. Als Vizekanzler nahm der damalige FDP-Vorsitzende Erich Mende in seiner Ansprache beim Festakt der Deutschen Burschenschaft aus Anlass ihres 150-jährigen Bestehens am 12. Juni 1965 in Berlin auf Stresemann Bezug: „Aber eines war in diesen anderthalb Jahrhunderten unwandelbar, die geistige Grundlage der Tätigkeit der DB: Jene Begriffe von Freiheit und Vaterland. Es ist kein Zufall, dass maßgebliche Repräsentanten des deutschen Liberalismus auch gleichzeitig gute Burschenschafter waren: Heinrich von Gagern, Johannes Miquel, Gustav Stresemann und der erste Präsident des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe, Professor Hermann Höpker-Aschoff.“

Aber seit Mendes Ablösung von der FDP-Spitze im Jahr 1968 sind Stresemann und seine Gedankenwelt mehr und mehr verwaist, wurden als geistiger Besitz etablierterseits praktisch aufgegeben. Die Aufregung, wenn sich nun wieder eine Partei auf ihn beruft, weil sie seine Grundüberzeugung teilt, dass Demokratie und Nation zueinander gehören, ist also nicht gerechtfertigt.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 5. Januar 2018

IMMER GUT INFORMIERT?

Warum ist der Fall der von einem Asylmigranten im südpfälzischen Kandel erstochenen 15-jährigen Schülerin von einigen reichweitenstarken Medien verschleiernd behandelt worden?

TRUMP AUF KONFRONTATIONSKURS

Donald Trump hat die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA vorgestellt. Darin kündigt sich eine deutlich aggressivere Außenpolitik an. Das Papier enttäuscht alle, die hinter dem Versprechen „America first“ eine isolationistischere Politik statt mehr Konfrontation erhofft hatten.

JENSEITS ALLER KULTUREN

Das Konzept der „Transkulturalität“ nimmt allmählich den Weg vom akademischen Betrieb in die öffentliche Debatte. Was verbirgt sich dahinter? Und lohnt es die damit verbundenen Verluste an kultureller Vielfalt?

VERDÄCHTIGES SCHWARZ-ROT-GOLD

Mit einer Sonderausstellung überdehnt das aus öffentlichen Mitteln finanzierte NS-Dokumentationszentrum München, eigentlich ein „Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“, sein Mandat.

MUSS MERKEL WEG?

Nur noch eine Minderheit von 36 Prozent will Kanzlerin Merkel weitere vier Jahre im Amt sehen. Fast jeder Zweite wünscht sich, dass sie bei einer Wiederwahl zur Regierungschefin ihr Amt vor dem Ende der Legislaturperiode räumt.

GOLD IM SCHNEE

Die XXIII. Olympischen Winterspiele stehen an. Vom 9. bis zum 25. Februar gehen im südkoreanischen Pyeongchang Sportler aus mehr als 90 Ländern in 102 Wettbewerben auf die Jagd nach Gold, Silber und Bronze. In zahlreichen Wettbewerben zählen Deutsche zu den Favoriten.

DAS APFELBÄUMCHEN-ZITAT

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Martin Luther wird oft als Urheber des Spruchs angegeben, obwohl dessen erster schriftlicher Nachweis aus dem Jahr 1944 stammt. Schon kurze Zeit später war das vermeintliche Lutherwort in aller Munde – denn es erfasste treffend Hoffnungen und Mentalität des deutschen Wiederaufbaus.

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Nr. 1 vom 22.12.2017

Nr. 1 vom 22.12.2017

Standpunkt

Hoffnung

Zu Rembrandts letzten großen Werken gehört das monumentale Gemälde, das die Heimkehr des verlorenen Sohnes zeigt. Die abweisende Haltung des zuhause gebliebenen Bruders kontrastiert die herzliche Freude des Vaters über die Rückkehr des Totgeglaubten. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn handelt von Abkehr, Besinnung und der Möglichkeit, immer umdrehen zu können, von übererfüllter Hoffnung und freudiger Wiedervereinigung.

Natürlich ist der Text in erster Linie eine theologische Parabel. Doch er hat über die Jahrhunderte unzählige künstlerische Gestaltungen und Variationen erfahren, die über seine heilsgeschichtliche Dimension hinausreichen. Und da es legitim war, das Gleichnis sogar rechtshistorischen Überlegungen zugrunde zu legen, sollte es erlaubt sein, die Motive des Verlierens, des Wiederfindens, der Rückbesinnung und Heimkehr auch in anderer Richtung zu deuten. Zum Beispiel in einer, die Hugo von Hofmannsthal 1912 aufgeworfen hat:

„Unser Volk hat ein schlaffes Gedächtnis und eine träumende Seele, trotz allem; was es besitzt, verliert es immer wieder, aber es ruft sich nachts zurück, was es am Tage verloren hat. [Es …] ist fähig, seiner Krongüter zu vergessen, aber zuzeiten sehnt es sich nach sich selber, und niemals ist es reiner und stärker als in solchen Zeiten.“

In Verirrung und Orientierungslosigkeit kann nicht nur das Individuum, sondern eine ganze Gemeinschaft geraten. In ihrem wegen Zensurmaßnahmen ungedruckt gebliebenen Beitrag – „Der Grundwille des deutschen Volkes“ – zur Festschrift zur Wiedereröffnung der Schiller-Universität Jena am 15. Oktober 1945 meinte die Dichterin Ricarda Huch (1864–1947), dass Völker „im Unglück“ sich in ihre Geschichte versenken und sich das Gesetz vorhalten, „unter dem sie einig und groß geworden sind“, und so „ihren Bund mit Gott“ erneuern. „Das heißt, sie bekennen sich aufs Neue zu den Idealen, an die sie einst glaubten und denen sie nachfolgten.“

Gültige Richtlinien und Werte finden Völker laut Huch in ihrer Kultur. So hätten zum Beispiel die Italiener zur Zeit ihrer größten Zerrissenheit „Dante, den Schöpfer ihrer Sprache, als Symbol ihrer Einheit“ entdeckt. Die Geschichte sei der „Zauberspiegel, aus dem dem Volke in großen Gesichten und Verkörperungen sein tiefster Wille entgegentritt“. Sie stellt daher die Frage: „Welches aber ist der tiefste Grundwille des deutschen Volkes?“

Die Historikerin, die 1892 mit einer Arbeit über „Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges“ an der Universität Zürich promoviert wurde, sieht die Freiheitsliebe als wesentlich für diesen Willen. „Die deutsche Freiheitsidee, die im Mittelalter einen staatlichen Körper ausbildete, bestand darin, dass aus dem Volke eine Fülle sich selbst verwaltender Glieder hervorging, die sich nach innewohnendem Gesetz und jeweiligen Bedürfnissen entfalteten und nebeneinander verbreiteten, nicht ohne sich gegenseitig zu stören und zu bekämpfen, aber doch ein bedeutendes, wirkungsfähiges Ganzes bildend. Freiheit in diesem Sinne ist der Gegensatz von Zentralisation.“

Das aus „diesem Grundwillen des deutschen Volkes hervorgegangene Reich“ räumte dem Einzelnen, Individuum wie Korporativem, fruchtbare Selbständigkeit ein: „Der Mensch, der sich in Kreisen bewegt, die er überblicken kann, wird weniger Irrtümer begehen, als der im Großstaat Verhältnisse regeln soll, die ihm fremd sind, an die er mit Zwang und oft Schaden stiftend herangehen muss, während der Benachbarte sie leicht gütlich ordnen könnte.“ Im Zuge von Absolutismus, Glaubensspaltung und dem Übergang zum progressiven Industriezeitalter seien die Deutschen von ihrer Geschichte abgetrennt worden, so Huch.

Mit Blick auf den Anlass ihrer Ausführungen schrieb Ricarda Huch: „Zwischen den Überbleibseln unserer Kultur, an die wir uns klammern wie Schiffbrüchige an rettende Planken, und neuen Plänen, die Heilung aller Übel verheißen, stehen wir zweifelnd. Der Anweisung bedürftig, denken wir an unsere Universitäten, die neben den Kirchen zu Hütern unserer Heiligtümer und unserer Kultur berufen sind. Ihre Aufgabe ist es, das Alte, das sich als echt und fruchtbar bewährt hat, zu bewahren und gleichzeitig die neuen Gedanken zu sammeln, zu prüfen und zu fördern. Sie haben sich einen Teil der mittelalterlichen Unabhängigkeit sichern können und die Würde, nicht nach dem Willen irgendeines Menschen, sondern zur Ehre Gottes, das heißt im Dienste der Wahrheit, zu forschen und zu wirken.“

Da scheint es wie ein Hoffnungsschimmer, dass die trotzige Rückbesinnung auf den Namenspatron der Greifswalder Universität, Ernst Moritz Arndt, dieser Tage Ricarda Huchs rhetorische Frage „Möchten wir den kostbaren Vorrat unserer alten Kultur aufgeben?“ deutlich verneint.

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 22. Dezember 2017

KURZ UND GUT

Es war ein ambitioniertes Ziel von ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, das sie sich Anfang Dezember gesetzt hatten, nämlich spätestens in der Woche vor Weihnachten der Öffentlichkeit die neue österreichische Bundesregierung zu präsentieren. Das Ergebnis.

DURCH DEUTSCHLANDS GRÜNES HERZ

Am 10. Dezember wurde das „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8“ in Betrieb genommen, also die ICE-Schnellbahnstrecke zwischen München und Berlin über Nürnberg, Erfurt, Halle und Berlin-Südkreuz. Der Zug verändert den Verkehr im ganzen Land.

AUSTRAGUNGSORT INTERNATIONALER KONFLIKTE

Besonders betroffen, aber frei von jeder Selbstkritik geben sich nun jene, die durch die Förderung unkontrollierter Masseneinwanderung Deutschland zu einem Austragungsort internationaler Konflikte – auch des Nahostkonflikts – gemacht haben.

NEGATIVZINSEN FÜR KLEINSPARER?

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, will die Zinsen im Euroraum noch bis ins Jahr 2019 niedrig halten. Das hat er sich vom EZB-Rat absegnen lassen. Derzeit liegt der Leitzins, zu dem sich die Geldinstitute bei der Notenbank Geld leihen können, auf dem Allzeittief von null Prozent. Die Folgen sind dramatisch.

BITTE NICHT GRAPSCHEN!

Silvester rückt näher und damit auch die bange Frage: Wie wird es zum Jahreswechsel in unseren Großstädten zugehen? In Köln setzen Stadtverwaltung und Polizei in erster Linie auf Aufrüstung und Absperrung.

EIN NEUES KATALONIEN?

Bei den Regionalwahlen in Korsika konnte „Pè a Corsica“ („Für Korsika“) mit 56,5 Prozent einen regelrechten Erdrutschsieg erringen. Ein Meilenstein auf dem Weg in die eigene Unabhängigkeit? Was der Sieg des aus der Autonomiebewegung hervorgegangenen Bündnisses bedeutet.

MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

Das Schaezlerpalais, der wohl schönste Stadtpalast Augsburgs, beherbergt die bedeutende Deutsche Barockgalerie. Dafür wurde das Bauwerk der Stadt vor fast 60 Jahren vom Ehepaar Wolfgang und Hilda von Schaezler überlassen, im Gedenken an seine beiden im Zweiten Weltkrieg gefallenen Söhne.

VOTUM FÜR ARNDT

Bei der universitätsinternen Umfrage haben sich 48,66 Prozent der Teilnehmer für den Namen „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“ und nur 34,38 Prozent für den Namen „Universität Greifswald“ ausgesprochen. 15,47 Prozent halten beide Namen für gleichermaßen akzeptabel. Studenten und Mitarbeiter überstimmten Professoren.

„GOTT IST BARMHERZIG“

Jesu Gleichnisse aus der Warte des Theologen. Ein Blick ins Lukasevangelium – von Pfarrer Paul Fischer.

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