Nr. 43 vom 18.10.2019

Nr. 43 vom 18.10.2019

Standpunkt

Ein schlimmes Signal an junge Leute

Auf einflussreiche Freunde konnte Dr. theol. Carsten Rentzing, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, in der Not nicht bauen. Denn ein vernehmlicher Hinweis auf die im christlichen Glauben zentrale Vergebung oder auf den Gedanken der Verjährung, der doch erst recht greifen muss, wo gar keine Straftat vorliegt, blieb aus.

Bischof Rentzing befand sich schon seit Mitte September unter zunehmendem Druck. Anfangs hielt man ihm die Tatsache vor, dass er, 1967 in West-Berlin geboren, als Student in Frankfurt am Main in der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia (einer schlagenden Verbindung im Coburger Convent, dem Dachverband von akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften, nicht der Burschenschaften) aktiv wurde. Und auch, dass er dieser Korporation gemäß dem Lebensbundprinzip weiter als Alter Herr angehört. Dann warf man ihm vor, im Dezember 2013, eineinhalb Jahre vor seiner Wahl zum Landesbischof, einen Vortrag („Kirche in der Krise – Wohin treibt die EKD?“) bei der Bibliothek des Konservatismus gehalten zu haben. Schließlich förderten seine innerkirchlichen Kontrahenten einige Artikel zutage, die Rentzing in den Jahren 1989 bis 1992 in einem praktisch unbekannten Miniaturblatt mit dem Titel „Fragmente. Das konservative Kulturmagazin“ veröffentlichte. Die daraus bekannt gewordenen Stellen haben den Duktus eines ganz jungen Mannes, der sich mit Fragen von Staat und Gesellschaft auseinandersetzt und mit entsprechend großer Geste seine fast unvermeidlicherweise unausgegorenen Überlegungen in den Raum stellt.

Sonderbarerweise finden die Demokratie, zu der es doch überhaupt keine sinnvolle Alternative gibt, auf teils schockierende Art relativierende Sprüche, die heute von ausgewachsenen Stützen der bundesdeutschen Gesellschaft verbreitet werden, nicht den gleichen Widerspruch wie die dreißig Jahre alten Überlegungen des geistigen Adoleszenten Rentzing. Ein Fenster des Münchner Prinzregententheaters – Rechtsträger ist der Freistaat Bayern – ist zum Beispiel mit dem Satz „dekoriert“: „Demokratie ist ein wertvolles Gut, aber sie wird gefährlich, wenn die Mehrheit zum Bösen tendiert.“ Das wird wohl deshalb widerspruchslos so akzeptiert, weil es sich mutmaßlich gegen „rechts“ richtet. Dabei zeigt sich hier letztlich dasselbe „elitäre“ Denken, dem Rentzing einst angehangen haben soll.

Bekenntnis zum Grundgesetz

Ein interessantes Licht wirft ein Text Rentzings aus dem Jahr 1989, von dem der MDR einen Auszug im Faksimile veröffentlichte, auf den jungen Mann. Darin heißt es: „Das 1949 verabschiedete GG der Bundesrepublik Deutschland gibt der Gesellschaft ganz klare Grundwerte vor, auf die man sich im Großen und Ganzen allgemein verständigte. […] Es war das deutsche Volk, das sich hiermit explicit eine vorübergehende staatliche Ordnung gab. Niemals gab es auch nur den leisesten Zweifel, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland um den Rumpf eines Nationalstaates(!) handelte, der wiederhergestellt werden sollte. Auch die sonstigen Werte Freiheit, Würde und als Keimzelle des Staates die Familie, waren Gemeingut.“ Diese „Grundfesten des Staates“ sah der junge Mann nun in Gefahr, bemängelte zum Beispiel, dass die Leistung von Hausfrauen nicht mehr genügend gewürdigt werde, oder sorgte sich um die „geradezu lawinenartig gewachsenen Scheidungsraten“. Das waren gewiss konservative, doch das Grundgesetz und übrigens auch das darin enthaltene, seinerzeit oft missachtete Wiedervereinigungsgebot respektierende Gedanken.

Joschka Fischer – ein Vergleich

Der Theologe Rentzing bekundet heute, dass er sich für seine alten Texte schäme (für sein Bekenntnis zum Grundgesetz wird dies, das darf man zu seinen Gunsten wohl unterstellen, nicht gelten). Diese Distanzierung aber reicht offenbar nicht. Es gibt im Falle Rentzing, anders als bei der Wandlung des Joschka Fischer vom Anführer der gewalttätigen Frankfurter „Putztruppe“ zum deutschen Außenminister, kein Pardon. Dabei hat Rentzing, der sich von vornherein dem geistigen Diskurs zuwandte und auf diesen beschränkte, im Unterschied zu Fischer durch sein abgeschlossenes Studium der Theologie und die anschließende Promotion einen sichtbaren Beweis dafür abgelegt, wie sich sein Denken entwickelt hat, wie es fundierter und differenzierter geworden ist.

Was erwartet man von ihm noch? Was müsste der nicht vorbestrafte, unbescholtene Theologe tun, um zur „Resozialisierung“ zu gelangen? Das Landeskirchenamt teilte am 13. Oktober mit, die Kirchenleitung halte zwar „die Distanzierung des Landesbischofs von seinen Positionen vor 30 Jahren in Anbetracht seiner Arbeit in unserer Landeskirche für glaubwürdig“. Doch: „Sie hat aber auch die Problematik gesehen, dass eine solche öffentlich gewordene Vergangenheit das Handeln als Landesbischof und Repräsentant der Landeskirche gegenüber der Öffentlichkeit nachhaltig beeinträchtigen würde.“ Wird man ihm nun noch eine Pastorenstelle zubilligen? Oder steht seine „Vergangenheit“ auch dem entgegen?

Im Deutschlandfunk erhob der Journalist Philipp Greifenstein nach Rentzings Rücktritt sogar noch weiter gehende Forderungen. So habe dieser „eben noch nicht deutlich gemacht, wie er zum Beispiel mit den Freundschaften und Bekanntschaften aus dieser Zeit bis heute verfährt“. Sollte Rentzing etwa gar mit – in biblischen Kategorien – Zöllnern und Huren reden? Wie unchristlich wäre das?

„Trial and error“

Das Schlimmste an der Sache ist das Signal an die Jugend. Wenn das Recht auf Irrtum nicht mehr anerkannt wird, aber Irren doch menschlich ist und bleibt, gibt es nur einen sicheren Weg: nämlich den Mund zu halten. Das aber widerspricht demokratischen Grundsätzen tatsächlich vollkommen. Denn der Willensbildungsprozess in der freiheitlich demokratischen Ordnung ist vom Bundesverfassungsgericht nicht umsonst als ein Prozess von „trial and error“, von Versuch und Irrtum, beschrieben worden. In denselben Bahnen verläuft auch die Entwicklung jedes Einzelnen.

Wenn jemand für seine ersten, aufgrund studentischen Engagements unternommenen Gehversuche im Rahmen der für die Demokratie unentbehrlichen ständigen geistigen Auseinandersetzung noch nach drei Jahrzehnten beruflich vernichtet werden kann, mag dies von Schnüfflern und anderen Akteuren vielleicht als Triumph der eigenen Hypermoral empfunden werden – es ist aber ein Unrecht und wird in weiteren dreißig Jahren vielleicht auch so bewertet werden.

UW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 18. Oktober 2019

WIE KANZLERTAUGLICH IST AKK?

Nur elf Prozent der Bundesdeutschen halten die CDU-Chefin für befähigt, das höchste Regierungsamt zu bekleiden. Auch innerparteilich wachsen die Zweifel. Davon kündet die Forderung der Jungen Union, den Kanzlerkandidaten der CDU per Urwahl zu bestimmen.

DIE KURDISCHE TRAGÖDIE
SETZT SICH FORT

Mit dem Einmarsch der türkischen Armee in nordsyrische Gebiete ist eine neue Eskalationsstufe erreicht. Sind die Kurden tatsächlich dazu verurteilt, „ewige Verlierer“ der Geschichte zu sein?

BREXIT: DIE UHR TICKT

Die britische Königin hat mit der „Queen’s Speech“ die Sitzungen des Unterhauses offiziell wiedereröffnet. Premierminister Boris Johnson bleibt nun wenig Zeit, um sein Land aus der Europäischen Union zu führen.

HOFFNUNG FÜR DIE UKRAINE?

Präsident Wolodymyr Selenskyj, dessen Wahlziel das Ende des Konflikts im Land war, hat der Steinmeier-Formel zugestimmt. Das heißt für die Ostukraine: Abzug der fremden Truppen, freie Wahlen nach internationalen Standards, Sonderstatus. Doch schon werden Stimmen laut, die ihm eine Kapitulation vor Moskau unterstellen.

ABSOLUT BÖSE

Dem Mörder von Halle wird es recht sein, dass er durch seine grausame Schandtat so viel Aufmerksamkeit erfährt wie niemals zuvor in seiner gescheiterten Existenz. Die Gesellschaft muss sich wohl mehr einfallen lassen, als – was sicher auch wichtig ist – die verwerflichen politischen oder religiösen Deckmäntelchen von Tätern zu ächten.

STILLE KATASTROPHE

Die Brandrodungen in Indonesien haben möglicherweise schwere Auswirkungen auf das globale Klima. Zudem sollen mittlerweile eine Million Menschen allein auf Borneo und Sumatra an Atemwegserkrankungen leiden. Und das Biotop der Orang-Utans, die in freier Wildbahn nur auf diesen beiden Inseln vorkommen, geht in Rauch auf

WIR SIND – NACHDENKLICH

Die Bundesregierung setzt derzeit auf von der Agentur Ballhaus West in Szene gesetzte Werbung, die unser aller „Vertrauen in den Rechtsstaat“ stärken soll. Kern des Rechtsstaatsprinzips ist die Unterwerfung der gesamten Staatsgewalt unter das Recht. Wird dem Genüge getan, fördert dies das Vertrauen mehr als eine „Kommunikationskampagne“, zumal wenn sie recht oberflächlich bleibt.

WAS IST „GLOTTOPHOBIE“?

Der französische Linguist Philippe Blanchet hat für sprachliche Diskriminierung den Neologismus „Glottophobie“ eingeführt, der in Frankreich Kreise bis in die hohe Politik zieht. Doch das Konzept lässt sich auf Deutschland nicht übertragen und ist ungeeignet, Kritik an Entwicklungen abzuwürgen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

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Nr. 42 vom 11.10.2019

Nr. 42 vom 11.10.2019

Standpunkt

Altius, citius, fortius

Für die Schweizer Tageszeitung „Blick“ steht fest: „Deutschland hat einen neuen Sporthelden!“ Und tatsächlich kommt der „König der Athleten“ – Mutter Steirerin, Vater Hesse – aus Mainz und hat den Adler auf seiner Brust bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Katar zu Höchstleistungen geführt. Am Ende des Tages war der 21-jährige Niklas Kaul jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten.

Dass Niklas Kaul tatsächlich gewinnen konnte, war eine der ganz großen Überraschungen der Titelkämpfe im Khalifa-International-Stadion von Doha. Nach dem ersten Wettkampftag lag der junge Deutsche auf einem zwar achtbaren, aber eben doch abgeschlagenen elften Rang. Dann aber legte der Jugend-Weltmeister los. Und wie! Persönliche Bestleistung im Stabhochsprung, Weltrekord im Speerwurf, Glanzleistung über 1.500 Meter: Gold! Für Maicel Uibo aus Estland blieb Silber, für den Kanadier Damian Warner nach zehn Disziplinen Bronze.

Für Geld nicht zu kaufen

„Sport schafft Erlebnisse, die man sich für Geld nicht kaufen kann“, hatte Kaul in einem Interview im vergangenen Jahr noch gesagt. Auch jetzt war es so weit: Trotz so großer Namen wie Jürgen Hingsen, Christian Schenk oder Frank Busemann ist Kaul der erste Sportler seit 1987, der den Zehnkampf-Titel wieder für Schwarz-Rot-Gold erreichte. Damals triumphierte Torsten Voss aus Güstrow noch für die DDR. Es bereite ihm Freude, „einen Teil der großen deutschen Zehnkampfgeschichte weiterzuschreiben“, so Niklas Kaul nach seinem historischen Sieg vor Pressevertretern. Er vergaß dabei auch nicht, Zehnkampf-Weltrekordler und Titelverteidiger Kevin Mayer zu würdigen. Der Lothringer, für Frankreich am Start, hatte in Doha nach dem Stabhochsprung verletzt aufgeben müssen.

Kaul gewann schließlich mit dem Ergebnis von 8.691 Zehnkampf-Punkten; nie war er besser gewesen. Dabei hatte er sich am ersten Wettkampftag mit Magenproblemen geplagt, und auch sonst sprach nach sieben Disziplinen nichts für einen derartigen Triumph. Kaul war ordentlich über 100 Meter gesprintet (11,27 Sekunden), hatte Weitsprung (7,19 Meter) und Kugelstoßen (15,10 Meter) im Rahmen der ihm zugetrauten Möglichkeiten absolviert, musste Probleme im Hochsprung (2,02 Meter) wegstecken und rechnete sich dann nach den Laufstrecken über 400 Meter (48,48 Sek.) und 110 Meter Hürden (14,64 Sek.) einen Platz unter den ersten Zehn aus. Den Diskus schleuderte er über 49,20 Meter, und als er im Stabhochsprung mit 5,00 Metern seine bisherige Bestmarke überwand, da öffneten sich plötzlich neue Möglichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt lag er auf Platz 6 der Gesamtwertung. Als er dann den Speer so weit warf, wie nie ein Zehnkämpfer vor ihm – nämlich auf 79,05 Meter –, da war eine Medaille greifbar nahe. Dass er sowohl im Stabhochsprung als auch im Speerwurf auf weitere Versuche verzichtete, um Kraft und Konzentration zu sparen, spricht von großer Reife und taktischer Disziplin. Kaul nahm vielmehr sein Herz in die Hand und lief über 1.500 Meter in 4:15,70 Minuten der gesamten Konkurrenz davon – und zu Gold! Eine grandiose Leistung! Die deutsche Hymne auf dem Siegerpodest zu hören, das sei für ihn die Erfüllung eines Kindheitstraumes gewesen, schwärmte er.

Nicht von schlechten Eltern

Niklas Kaul – am 11. Februar 1998 in Mainz geboren – versäumte nach seinem Sieg in keiner Stellungnahme, seinen Eltern für die Unterstützung auf seinem Weg zum Weltmeistertitel zu danken. Vater Michael, Chemie- und Physiklehrer und selbst Deutscher Meister von 1993 im 400-Meter-Hürdenlauf, trainiert und berät seinen Sohn gemeinsam mit seiner Frau Stefanie, mehrfache österreichische Meisterin über 400-Meter-Hürden und über 800 Meter. Damals war sie, in Kindberg in der Steiermark zur Welt gekommen, unter ihrem Geburtsnamen Zotter auf den internationalen Laufbahnen erfolgreich. Sie nahm 1994 an den Europameisterschaften in Helsinki teil. Später hat sie Lehramt studiert, und auch hier tritt Sohn Niklas in ihre Fußstapfen. Der 21-Jährige studiert in Mainz Sport und Physik auf Lehramt.

Deutsche Bilanz

Niklas Kaul prägt natürlich die deutsche Bilanz bei der Weltmeisterschaft in Katar. Insgesamt gab es für die Bundesrepublik Deutschland sechs Medaillen. Neben Kaul gewann Malaika Mihambo – geboren in Heidelberg, Vater aus Sansibar –  Gold im Weitsprung. Christina Schwanitz erreichte den dritten Platz im Kugelstoßen, Johannes Vetter im Speerwurf; beide Sportler stammen aus Dresden. Gesa Felicitas Krause aus dem hessischen Ehringshausen gewann Bronze im 3.000-Meter-Hindernislauf, und Konstanze Klosterhalfen aus Bonn kam in einem mitreißenden 5.000-Meter-Lauf als Dritte ins Ziel. ARD-Reporter Claus Lufen leitete das Interview mit einer strahlenden Medaillengewinnerin anschließend mit folgenden Worten ein: „Konstanze, Sie haben heute viel Werbung für die Leichtathletik in Deutschland gemacht. Viele kleine Mädchen möchten jetzt bestimmt auch gerne schnell und lang laufen.“ Das wäre ein wahrhaft schöner Nebeneffekt! Eine solche Vorbildfunktion hat übrigens auch die österreichische Siebenkämpferin Verena Preiner, die über 800 Meter auf großartige Weise zu Bronze lief. Lukas Weißhaidinger aus Schärding am Inn steuerte eine weitere bronzene Plakette für Österreich bei.

Die deutsche Bilanz ist mit Blick auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr insgesamt gewiss noch ausbaufähig, überzeugt allerdings mit individuellen Leistungen junger Sportler, die auch 2020 bei der Vergabe der ersten Plätze in Tokio ein Wörtchen mitreden dürften.

Sven Eggers

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 11. Oktober 2019

BREXIT: VERLÄNGERUNG ODER FINALE?

Die Lage bleibt kompliziert, doch Großbritanniens Premierminister gab sich beim Tory-Parteitag vergangene Woche einmal mehr kämpferisch: „Mein Deal oder kein Deal“, so seine Ansage an Brüssel, wo man sich nach wie vor unbeweglich gab. Boris Johnsons Schicksalstage.

KURZ: RÜCKSICHT AUF DIE BÜRGER

In der CDU blickt man mit Verunsicherung auf den Erfolg ihres österreichischen Pendants. Was kann man von Sebastian Kurz und den türkis gewordenen Schwarzen lernen? Was lässt sich von deren Erfolgsrezept von der Merkel-AKK-CDU überhaupt übernehmen?

GEFÄHRLICHE STRUKTUREN

Erstmals hat das Bundeslagebild Organisierte Kriminalität in einem Sonderkapitel das Thema Clankriminalität in den Blick genommen. Unterdessen warnt ein Experte davor, dass Gruppen der OK zunehmend staatliche Behörden unterwandern könnten.

HERAUSFORDERER DES
US-PRÄSIDENTEN

Das Feld der Bewerber für die US-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr hat sich weiter gelichtet. 19 potenzielle Kandidaten aber stehen noch bereit, unter ihnen Joe Biden, dessen Sohn im Mittelpunkt der „Ukraine-Affäre“ steht. Welche Demokraten Donald Trump 2020 das Amt streitig machen wollen und wie ihre Chancen stehen.

ES FEHLT EINE UNABHÄNGIGE INSTANZ

SPD und „Grüne“ wollen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verschärfen. Dabei registrierte „Reporter ohne Grenzen“ schon bis Mitte letzten Jahres viele Fälle von Blockieren legaler Inhalte und kritisiert, die Bundesregierung habe „mit dem NetzDG private Unternehmen zu Richtern über die Presse- und Informationsfreiheit im Netz gemacht, ohne eine öffentliche Kontrolle des Löschverfahrens sicherzustellen“.

DIE FAHRGASTZAHL VERDOPPELN

In den kommenden Jahren dürfte kein anderes deutsches Unternehmen so stark von der Energiewende und der Klimapolitik der Bundesregierung profitieren wie die Deutsche Bahn. Ist man gerüstet? Die DB will im nächsten Jahrzehnt das größte Modernisierungsprogramm ihrer Geschichte auflegen.

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Nr. 41 vom 4.10.2019

Nr. 41 vom 4.10.2019

Standpunkt

Dürer in Wien

Unser Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus Dürers „Rosenkranzfest“, das er als Altarbild für die Kirche San Bartolomeo in Venedig schuf. Am rechten Bildrand positionierte er dieses Selbstporträt mit dem in lateinischer Sprache gehaltenen Hinweis: Das Bild „hat Albrecht Dürer der Deutsche in fünf Monaten 1506 ausgeführt“.

Dass Dürer „Sohn ungarischer Migranten“ gewesen sei, eröffnete die „Frankfurter Allgemeine“ ihren Lesern auf der Titelseite vom 28. September 2019. Als ob die Verwendung ein und desselben Wortes für zwei vollkommen verschiedene Sachverhalte diese einander annähern würde. Es kommt hinzu: Die Behauptung stimmt nicht.

Von den vier Großelternteilen Albrecht Dürers war der Großvater väterlicherseits, der Goldschmied Anthoni Dürer, möglicherweise Magyar. Früher hielt man es etwa für wahrscheinlich, dass dieser Großvater „von den deutschen Kolonisten“ abstammte, „die König Bela IV. nach den Mongoleneinfällen (1241) in das verwüstete Ungarn gerufen hatte“, wie es in dem Werk „Dürer und seine Zeit“ (Phaidon, 1953) des Kunsthistorikers Wilhelm Waetzoldt heißt. Einer solchen Annahme hielt Gerhard Hirschmann in dem Beitrag „Albrecht Dürers Abstammung und Familienkreis“, enthalten in der Festschrift zum 500. Geburtstag Albrecht Dürers am 21. Mai 1971, entgegen, dass für sie „kein Beleg“ ins Feld zu führen sei.

Thesen der Forschung

In seiner Familienchronik spricht Albrecht Dürer vom „Dörflein Eytas“ – „nit fern von einem kleinen Städtlein, genannt Jula, acht Meilen wegs weit unter Wardein“ –, aus dem sein Großvater stammte. Eine deutsche Meile entspricht 7,5 Kilometern. Großwardein, wo ein Onkel Albrecht Dürers Pfarrer wurde, liegt rund 70 Kilometer vom heutigen Gyula entfernt.

Die rumänische Kunsthistorikerin Prof. Adina Nanu vertritt in ihrem 2015 neu aufgelegten Buch „Auf Dürers Spuren“ die These, dessen Vorfahren väterlicherseits könnten Siebenbürger Sachsen gewesen sein. Die Stadt Düren bei Aachen, auf die möglicherweise der Name zurückgeht, liegt tatsächlich im Hauptherkunftsgebiet dieser Auswanderer.

Auf seinen Reisen in die Niederlande kam Albrecht Dürer sogar durch Düren, ohne es in seinen Aufzeichnungen besonders zu erwähnen, was zumindest dagegen spricht, dass es hierhin eine familiäre Verbindung gab, die er kannte. Hingegen spricht er von Besuchen bei seinem Vetter „Niclas Dürer, der zu Cöln sitzt, den man nennt Niclas Unger, der ist auch ein Goldschmied“.

Das Künstlerlexikon Thieme-Becker bemerkte schon 1914, dass Dürers Herkunft „bereits eine kleine Literatur erzeugt hat“. In deren Mittelpunkt stand die Frage, ob der Name auf das ungarische Adelsgeschlecht Ajtósy, das sich nach dem Dorf Ajtós benannte, verweist. Ajtó kann man mit „Tür“ übersetzen – dass Dürers Vorfahren zu diesen Adeligen zählen, sei aber zweifelhaft, weil er in seinen Selbstzeugnissen keinen Hinweis darauf liefert. Demnach liegt die auch im Thieme-Becker geäußerte Vermutung nahe, dass es sich um einen einfachen Herkunftsnamen handelt, den Großvater Anthoni, „vielleicht selbst bereits, falls er germanischer Herkunft war, in ‚Thürer’ verdeutschte“.

Eine mitteleuropäische Familiengeschichte

Anthoni und Elisabeth Dürer hatten drei Söhne, unter ihnen der 1427 in Gyula geborene Albrecht Dürer der Ältere, Goldschmied wie sein Vater. Er war es, der nach der Lehrzeit der ungarischen Kleinstadt den Rücken kehrte und sich nach mehreren Jahren in den Niederlanden 1455 in Nürnberg niederließ. Dies erkläre „sich vielleicht auch daraus, dass er hier schon als Goldschmiedelehrling in seinen Jünglingstagen einmal geweilt und sogar als Milizsoldat teilgenommen hatte an dem wenig ruhmreichen Zug der Nürnberger gegen die Raubritter von Waldenfels auf Veste Lichtenberg“, meint Waetzoldt.

1467 heiratete Albrecht Dürer d. Ä. Barbara Holper, die Tochter seines Meisters, des Goldschmieds Hieronymus Holper. 1471 wurde dem Ehepaar als drittes von achtzehn Kindern das Genie Albrecht Dürer geboren.

Albrecht Dürer d. Ä. beherrschte das Deutsche so, dass Fridolin Solleder, bis 1952 Leiter des Staatsarchivs Nürnberg, einen Brief Albrechts d. Ä. an seine Frau Barbara als so „gut und zügig geschrieben“ einstufte, „dass Dürers Vater schon in seiner ungarischen Heimat das Deutsche als Muttersprache erlernt haben muss“. Diesem Argument dafür, dass Albrecht Dürers Großmutter väterlicherseits deutschstämmig war, wird man sich auch nach Ansicht Gerhard Hirschmanns „nicht verschließen können“.

Diese mitteleuropäische Familiengeschichte mit einem möglicherweise ungarischen Großelternteil macht Albrecht Dürer nicht zum „Sohn ungarischer Migranten“. Aber selbst wenn seine Eltern Ungarn gewesen wären, wäre das kein Sachverhalt, der geeignet wäre, ein werbendes Licht auf die Fernmigration heutiger Zeit zu werfen oder diese mit Dürer und seinen Werken zu assoziieren, die jetzt in der Albertina in Wien ausgestellt werden.

Ausstellung in der Albertina

Den Höhepunkt dieser Schau bildet zweifelsohne der berühmte Feldhase, der übrigens zuletzt während der Langen Nacht der Museen 2016 für gerade einmal sieben Stunden dem Publikum im Original gezeigt wurde. Mit ihrer letzten Dürer-Ausstellung konnte die Albertina 2003 eine halbe Million Besucher anlocken. Es steht zu erwarten, dass die aktuelle Schau diese Zahlen noch übertrifft. Immerhin ist sie umfassender und enthält mehr als 200 Exponate aus Dürers zeichnerischem, druckgrafischem und malerischem Werk.

Die Albertina ist für diese „Jahrhundertschau“, die bis zum 6. Januar dauert, geradezu prädestiniert, denn sie besitzt mit 140 Arbeiten den weltweit bedeutendsten Bestand an Dürer-Zeichnungen, deren Provenienz bis ins Jahr 1528 zurück verfolgt werden kann. Die Verbindung nach Wien bestand über höchste Kanäle. Zu Dürers Auftraggebern und Gönnern zählte Kaiser Maximilian. Dessen Urenkel Rudolf II. kaufte um 1600 den Nachlass des Künstlers und erwarb auch das Altarbild „Rosenkranzfest“.

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 4. Oktober 2019

KLIMASCHUTZ ERNST NEHMEN

Die Segeljacht, mit der Greta nach Nordamerika gelangte, ist ungeachtet der Einwände ein wichtiges Symbol dafür, dass Transport keine vernachlässigenswerte Größe ist, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst meint. Das aber widerspricht dem globalistischen Ansatz, der die Welt als grenzenlosen Umschlagplatz von Waren und Menschen sieht, fundamental.

PARTNERSUCHE DER ÖVP

Die Nationalratswahl endete mit dem Triumph von Sebastian Kurz. Für eine Koalition hat er nun mehrere Optionen. Doch kann und will er wirklich mit den „Grünen“ regieren, wo ihm auch hunderttausende vormalige FPÖ-Wähler das Vertrauen geschenkt haben?

THÜRINGEN VOR DER WAHL

Am 27. Oktober findet in Thüringen die letzte Landtagswahl dieses Jahres statt – und es spricht alles dafür, dass die AfD nach Sachsen und Brandenburg ihre Erfolgsserie fortsetzen wird. Rot-rot-„grün“ – die bisherigen Regierungsparteien – wird keine Mehrheit mehr erreichen können.

VON DER STRASSE AUF DIE SCHIENE

Die Finanzierungslücke der Deutschen Bahn von drei Milliarden Euro ist in erster Linie ein Problem der Rechtsform, denn die DB ist als Aktiengesellschaft auf Profit orientiert. Vor der formellen Privatisierung vor 25 Jahren war ihr Ziel die bestmögliche Verkehrsbedienung. Eine am Gemeinwohl ausgerichtete DB wäre nicht zuletzt auch ein Gewinn für den Klimaschutz.

EUROPAWEITER WIDERSTAND
WÄCHST

Überraschend kündigte die deutsche EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger in der vergangenen Woche ihren Rücktritt an, obwohl ihre Amtsperiode noch zwei Jahre gedauert hätte. Sie gilt als Kritikerin der EZB-Nullzinspolitik – und ihr Schritt ist als Protest gegen die Politik des EZB-Präsidenten Draghi zu verstehen.

WERDEN DIE USA IN SYRIEN
BLEIBEN?

Am 24. September 2019 hat die parteiübergreifend vom US-Kongress eingesetzte „Syria Study Group“ einen Abschlussbericht vorgelegt, der gegen einen angekündigten US-Abzug Stimmung macht. Gleichzeitig wird das nicht zuletzt von Washington zu verantwortende Desaster in Syrien umrissen.

UNGLAUBLICHE GESCHICHTE(N)

In seinem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ beschreibt der Redakteur Juan Moreno die Hochstapeleien des ehemaligen „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius. Nicht nur das bekannteste Politmagazin Deutschlands ließ dessen Märchen drucken.

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