Nr. 16 vom 13.4.2018

Nr. 16 vom 13.4.2018

Standpunkt

Eigenwilliger Umgang mit Fakten

Flüchtigkeitsfehler basieren meist auf Zeitmangel oder Unkonzentriertheit. So wird kaum ein Leser Anstoß daran nehmen, dass es die Einleitung zum Doppelinterview mit dem Philosophen Robert Pfaller (Universität Linz) und der Genderprofessorin Paula-Irene Villa (LMU München) in der aktuellen Ausgabe des „Philosophie Magazins“ mit der grammatikalischen Kongruenz nicht genau nimmt: „die Stadt [ist] ebenso für sein Grantlertum bekannt“. Es geht um Wien.

Stutzen lässt hingehen ein Fehler, der nicht einfach mit Flüchtigkeit zu erklären ist: „Und während die Metropole als Bastion der Linken gilt, sitzen in der Hofburg nun die Rechtspopulisten.“ Was will Nils Markwardt, Jahrgang 1986, studierter Literatur- und Sozialwissenschaftler und leitender Redakteur des „Philosophie Magazins“, damit sagen?

In der Hofburg sitzt von Amts wegen der österreichische Bundespräsident. Und das ist seit dem 26. Januar 2017 der Ex-„Grüne“ Alexander Van der Bellen, der sich in einem ereignisreichen Wahlkampf letztlich gegen den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer durchsetzen konnte. Die Hofburg beherbergt außerdem unter anderem die Österreichische Nationalbibliothek, das Bundesdenkmalamt, die weltberühmte Albertina und die Spanische Hofreitschule. Selbst auf den von der FPÖ organisierten „Akademikerball“ kann sich Markwardts Satz nicht beziehen. Auf der Nachfolgeveranstaltung des Wiener Korporations-Balls wird nämlich getanzt, nicht gesessen, und das nicht erst „nun“, sondern seit 2013.

Die FPÖ ist seit letztem Winter an der österreichischen Regierung beteiligt. Daran mag Markwardt gedacht haben. Aber weil „Hofburg“ besser klingt als die Aufzählung der Amtssitze der der Strache-Partei zugefallenen Ministerien, schienen ihm Fakten nicht so wichtig. Lieber verließ er sich auf den Klang, um ein suggestives Bild zu erzeugen. Diese Methode unterhöhlt allerdings den ersehnten erhabenen Standpunkt, von dem aus er sich immer wieder auch in anderen Blättern belehrend an das Publikum wendet. „Wer als Demokrat mit den Provokationen der AfD umgehen will, darf die Partei nicht nur kritisch beschweigen. Es kommt jedoch auf die Qualität der Empörung an“, lautet die Zusammenfassung eines seiner Artikel in der „Zeit“. Oder: „Das Gefährliche an Rechtspopulisten ist nicht bloß ihr eigenwilliger Umgang mit Fakten.“ Wenn man sie daran erkennt, dann sitzen sie inzwischen wirklich an vielen Stellen, an denen man sie nicht vermutet hätte. Und breiten sich auch in Redaktionen aus …

AW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 13. April 2018

UNGARN WILL BLEIBEN, WIE ES IST

Viktor Orbáns Partei hat die Parlamentswahl souverän gewonnen – zur Überraschung vieler hiesiger Mainstream-Medien. Sie können sich anscheinend nicht in die ungarischen Wähler hineinversetzen und nicht nachvollziehen, was Ungarns Minister für Humanressourcen, Zoltán Balog, so formuliert: „Wenn ein Land sagt, wir wollen uns nicht verändern, wir wollen das, was kulturell-historisch da ist, nicht anders haben als bis jetzt, ist das unser Recht oder nicht?“

TRUMPS NEUER FALKE

Ausgerechnet inmitten einer höchst angespannten weltpolitischen Situation wird der als „Falke“ bekannte John R. Bolton Donald Trumps neuer Sicherheitsberater. Bolton war einer der Architekten des Irakkriegs und tritt seit Jahren als entschiedener Gegner des Iran auf. Was ist von dem neokonservativen Scharfmacher zu erwarten?

NUR EIN „KAMPFBEGRIFF“?

Für den „Spiegel“-Journalisten Nils Minkmar ist der „große Austausch“ ein „rechter Kampfbegriff“. Doch so mühelos, wie das Magazin die Leser glauben machen will, lässt sich das vom französischen Schriftsteller Renaud Camus beschriebene „Grand Remplacement“ nicht als bloßes Gerücht abtun. Ein Faktencheck.

BUNDESWEHR IN NAHOST

Trotz massiver Ausrüstungsprobleme hat der Bundestag die Bundeswehrmissionen in Syrien und im Irak wieder ausgedehnt. Welche, auch politischen, Risiken bergen diese Auslandseinsätze in Nahost?

NEUES VON BOTHO STRAUSS

In seinem gerade erschienenen Buch „Der Fortführer“ zeigt sich der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß als anspruchsvoller Sprachvirtuose mit herausragenden prognostischen Fähigkeiten. Viele seiner hier festgehaltenen Aphorismen und Notate fordern eine politische Interpretation heraus.

KUNDENVERFÜHRUNG

Wer seinen Wagen durch den Supermarkt schiebt, registriert nur selten bewusst die raffinierten „Fallen“, die den Kunden zu größeren und teureren Einkäufen verführen sollen. Schnäppchen, Warenpräsentation, Düfte und Temperatur: Zwei, drei Tricks, die man kennen sollte.

DAIMLERS CHINESISCHES GESICHT

Der Chinese Li Shufu zählt zu den innovativsten und erfolgreichsten Unternehmern seines Landes. Bei Daimler ist „Chinas Henry Ford“ mittlerweile der größte Einzelaktionär. Daraus ergeben sich für die wichtigste Automarke der Welt auch lukrative Chancen.

GEWÄSSERSCHUTZ

Es sind alarmierende Einschätzungen aus dem Bundesumweltministerium: Deutschlands Fließgewässer sind in einem schlechten Zustand, nur wenige Flüsse und Bäche ökologisch intakt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz spricht mit Blick auf die jahrelange Tatenlosigkeit der Bundesregierung von einem Armutszeugnis.

SO VIEL DIFFERENZIERUNG MUSS SEIN

Anknüpfend an die von Thomas Hobbes begründete Theorie des „Gesellschaftsvertrags“ hört man nun zuweilen, ein Staat, der seine Bürger nicht mehr hinreichend schütze, habe den Anspruch auf Loyalität verspielt. Diese Schlussfolgerung ist aber in einer Demokratie falsch. Stattdessen gilt es, das Staatsschiff mit dem demokratischen Mittel der allmählichen Ersetzung solcher Politiker, die ihrer – auch grundgesetzlichen – Pflichten nicht eingedenk sind, durch andere, ihrerseits loyalere wieder auf Kurs zu bringen

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Nr. 15 vom 6.4.2018

Nr. 15 vom 6.4.2018

Standpunkt

Nicht nur zur Unzeit

Die Probleme Leipzigs und die „Probleme“ von Presseorganen wie „Die Zeit“ mit Leipzig haben wenig miteinander zu tun. Nicht einmal die Brandkatastrophe vom 29. März 2018 (eine Tote, ein Schwerstverletzter, fünfzehn Menschen, die Brandwunden, Rauchvergiftungen oder Knochenbrüche erlitten hatten, und nun Obdachlose zwischen acht Monaten und 79 Jahren) hielt die Hamburger Wochenzeitung davon ab, am 1. April ihr Gegreine über Leipzig und „den Osten“ ins Netz zu stellen. Eine Flut von Leserkommentaren war die Folge dieser Rohheit. Beispiel: „Ich halte mich besuchsweise über Ostern in Leipzig auf und das Thema, über das hier jeder heute spricht, wird in dem Artikel nicht mit einem einzigen Wort erwähnt.“ Es passt ja auch nicht in die – immer gleiche – Stoßrichtung.

Noch während Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft Leipzig und Rechtsmedizin an der zweifelsfreien Identifizierung der Frauenleiche, die in dem ausgebrannten Haus Wurzner Straße 111 im Leipziger Ortsteil Volkmarsdorf gefunden worden war, arbeiteten, wuchtete „Die Zeit“ am Ostersonntag ihren Anti-Leipzig-Beitrag „Das laute Schweigen“ ins Netz. Offenbar sagte sich dort niemand, dass es zumindest der falsche Zeitpunkt für eine solche Polemik gegen eine Stadt wäre. Wer sich nun über die Vorgänge in Leipzig informieren wollte, stieß prominent auf diese Anklage.

Auch die Identität des Schwerstverletzten im Krankenhaus war zu diesem Zeitpunkt noch ungeklärt. Immerhin hatte die Staatsanwaltschaft Leipzig bereits am Samstagnachmittag einen Haftbefehl gegen einen 32-jährigen Syrer, einen Bewohner des Hauses, erwirkt (Tatvorwurf: Mord, versuchter Mord und besonders schwere Brandstiftung). Und der Bürgerverein für den angrenzenden Stadtteil Schönefeld organisierte die Nachbarschaftshilfe für die lebendig und ohne schwere Verletzungen herausgekommenen Bewohner der in Flammen aufgegangenen Wohnungen. So wie zuvor 120 Feuerwehrleute alles daran gesetzt hatten, noch Schlimmeres zu verhüten. Das Gründerzeitgebäude, erfasst in der Denkmalliste des Landesamts für Denkmalpflege Sachsen, ist gleichwohl so schwer beschädigt, dass die Standfestigkeit in Frage stand.

Zu Text geronnene Larmoyanz

„Zeit“-Autor Michael Kraske (1972 in Iserlohn geboren, Anfang der 1990er-Jahre nach Leipzig gezogen) diagnostiziert, dass „sich im Osten etwas verändert hat“. Immer öfter stelle er sich die Frage: „Wie halte ich es aus? Und vor allem: Wie lange noch? Es geht dabei nicht nur um Pegida, aber auch darum. Es geht um alles, letztlich.“

Larmoyanz und Überhebung, aus denen eine „Story“ werden sollte, klingen in diesen Tagen besonders unpassend: „Das laute Schweigen macht mich fertig. Mein Gefühl ist, dass sich die kategorische Trennung in ‚wir‘ und ‚die‘, für die anfangs vor allem Pegida stand, seit der Flüchtlingsfrage nicht nur verschärft hat, sondern dass Pegida-Befürworter immer unverhohlener auftreten, auch in Leipzig, meiner Stadt, die ich stets für wenig anfällig gehalten hatte. Auch den Wahlerfolg der AfD in Sachsen bei der Bundestagswahl halte ich für den Ausdruck einer Radikalisierung.“

Überall werde „Verständnis gezeigt für AfD-Wähler“, auch von Kollegen. „Wo ich auch hinhöre: Es rumort. Freunde, Bekannte erzählen mir, wie unversöhnlich in ihrer Familie über Flüchtlinge gestritten wird.“ Als ob daran die schuld wären, die sich über die im Gesetz nicht vorgesehene Merkel-Politik der für jedermann offenen Bundesgrenze nicht eins werden können – trotz des Talents vieler Bürger, die Eingebungen der Obrigkeit für etwas Höheres zu halten.

„Von jenen umgeben“

Laut der jüngsten Ausgabe des „Sachsen-Monitor“ (Institut dimap), klagt Kraske weiter, sähe eine Mehrheit der Einheimischen das Land inzwischen als „in gefährlichem Maß überfremdet“ an. Zu dem Sachsen-Bashing mischt sich ein anderer Baustein, der, in Variationen freilich, zurzeit im Mainstream-Journalismus Konjunktur hat: „Worin genau aber die sächsisch-deutsche Lebensweise bestehen soll, die ständig beschworen wird, hat mir noch niemand erklären können.“

Im „Spiegel“ vom 31. März 2018 belehrt der Journalist Michael Graupner seinen ehemaligen Lehrer, der ihn einst an einem brandenburgischen Gymnasium „zum kritischen Denken animiert“ habe, sich nun aber auf „populistischen Unsinn“ verlasse, mit einer nicht unähnlichen Auslassung: „Was ist denn schon die deutsche Kultur? Wir haben doch höchstens die Sprache gemeinsam, von Schleswig-Holstein bis Südtirol!“ Der Beitrag ist in ebenso verzweifeltem Duktus gehalten wie die Leipzig-Anklage von „Zeit“-Autor Kraske.

Letzterer geht am Ende zum Frontalangriff auf die Stadt über, in der er lebt: „Aber erstens war es nie redlich, sich in Leipzig vor dem Rest Sachsens in Sicherheit zu wähnen. Und zweitens war es nur die halbe Wahrheit. Ich weiß inzwischen, dass ich auch hier, in meiner neuen Heimatstadt, von jenen umgeben bin, von denen ich lange dachte, es gäbe sie nur anderswo.“

Könnte es nicht auch so sein?

Dass sich weniger die Einheimischen (im Falle Kraske), seien sie nun Leipziger, Sachsen oder wer auch immer, oder der bekannt kritisch denkende Lehrer (im Falle Graupner) verändert haben, als die Situation, in der sie leben – darauf scheint man in den Redaktionen kaum zu kommen.

Wenn der Lehrer dem „Spiegel“-Mann Graupner berichtet, seine Schwester, im selben Beruf tätig, unterrichte „Klassen mit einem Anteil an Schülern mit einem Migrationshintergrund von 80 Prozent“, lässt das den Journalisten erkennbar kalt oder gilt ihm als eines dieser populistischen „Märchen“.

Und „Zeit“-Autor Kraske vermisst den Willen, „seine Heimat mit in die Zukunft zu nehmen“. Aber wer will seine Heimat schon in eine Zukunft nehmen, für die die Leipziger Eisenbahnstraße – zu der die Wurzner Straße parallel verläuft – ein bundesweites Symbol geworden ist?

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 6. April 2018

AUSSCHEREN AUS DER
ANTI-RUSSLAND-PHALANX

Die EU nutzt die Causa Skripal, um einerseits Moskau als angeblichen Drahtzieher des Attentats an den Pranger zu stellen und andererseits an die „Solidarität“ der Mitgliedstaaten zu appellieren – diese sollen russische Diplomaten ausweisen. Neben Slowenien und der Slowakei weigert sich auch Österreich, dieser Erwartung nachzukommen – zum Ärger mancher bundesdeutscher Politiker.

DER MORD AN MIREILLE KNOLL

Nach dem grausamen Mord an der 85-jährigen Mireille Knoll in Paris ist nicht nur in Frankreich das Entsetzen groß. Dass der Antisemitismus, den man bei dem 28-jährigen Hauptverdächtigen mit nordafrikanischen Wurzeln als Tatmotiv vermutet, keine „nationale Krankheit“ ist, die „die Franzosen“ befallen hätte, sondern ein Sonderphänomen, wird sehr zurückhaltend diskutiert. Lehren werden nicht konsequent gezogen, um nicht die Weichen (namentlich an der Grenze) umstellen zu müssen.

HOFFNUNGEN IN ITALIEN

Warum das Störfeuer gegen eine Einigung der „Populisten“ so stark ist – und wie ein Merkel-Berater dabei mitmischt. Eine Analyse von Dott. Angelo Fedeli.

SICHERHEIT IM ÖFFENTLICHEN RAUM

In Berlin will eine parteiübergreifende Initiative um den früheren Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, an gefährdeten Orten intelligente Videosysteme installieren: Die Kameras sollen erkennen können, wenn eine Tat begangen wird, und sofort Sicherheitskräfte alarmieren, die wiederum sogar aus der Ferne Möglichkeiten zum Eingreifen haben. Lässt sich so die Kriminalität in der Hauptstadt wirksam bekämpfen?

NOTBREMSEN

Uwe Brandl, Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, und dessen Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg haben Verständnis für Delmenhorst, Freiberg, Cottbus, Pirmasens und weitere Städte: „Wenn die Belastungen objektiv zu groß sind, sollte man einen Zuzugsstopp verhängen.“

NONKONFORMER DENKER

Rüdiger Safranski, der in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer wieder die Merkel’sche Willkommenspolitik fundiert kritisierte, denkt weiterhin nicht daran, dem „Mainstream“ das Wort zu reden. In einem erneut bemerkenswerten Interview teilte der Philosoph diesmal dem „Spiegel“ seine Meinung über Konservatismus, Alexander Gauland und Hetze gegen die AfD mit.

SCHIFFE VERSENKEN AUF DEM
GRAUEN KAPITALMARKT

Hohe Renditeversprechen, hohe Risiken. Die Insolvenz des Containerfinanzierers P&R könnte zum größten Anlageskandal der Nachkriegsgeschichte werden.

MEHR ODER WENIGER UNFÄLLE?

Gegen selbstfahrende Autos gibt es weitverbreitete Vorbehalte. Wie berechtigt sind sie wirklich? Was Experten von der neuen Technologie halten.

VERFASSUNGSTAG

Von 1923 bis 1932 feierte die Weimarer Republik am 11. August den Verfassungstag. Edwin Redslob, der als Reichskunstwart für die Feierlichkeiten verantwortlich war, ging es darum, „eine Verbindung der Regierung und ihrer Gäste mit der Gesamtheit des Volkes“ zu schaffen, eine „Form gemeinsamen Bekenntnisses zum Aufbau des neuen Staates“ zu gestalten. Musikalischen Ausdruck fand dies in Werner Gneists Lied „Uns ward das Los gegeben, ein freies Volk zu sein“.

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Nr. 14 vom 30.3.2018

Nr. 14 vom 30.3.2018

Standpunkt

Verantwortungslos

Schlagersänger Heino schenkt der nordrheinwestfälischen Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) eine Schallplatte und löst damit einen Skandal aus. Die SPD fordert mittels einer Kleinen Anfrage (22. März) von der schwarz-gelben Landesregierung eine Stellungnahme unter anderem dazu, warum „auf der Internetpräsenz des MHKG das Foto, […] auf welchem Frau Ministerin Scharrenbach für Fotografen das Plattencover des kritisierten Doppelalbums ‚Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder’ von Heino in den Händen hält, immer noch nicht entfernt worden“ sei. Außerdem will sie wissen: „Wie beurteilt die Landesregierung die Textinhalte der übergebenen Schallplatte im Hinblick auf den von ihr definierten Heimatbegriff?“

Gesinnungsungeprüfte Geschenke

Die CDU springt über das Stöckchen, das ihr die Opposition hinhält. Aus dem Ministerium hieß es, kaum dass der „Skandal“ ruchbar war, Heinos Geschenke seien „bei der Übergabe nicht unter dem Aspekt der politischen Korrektheit überprüft worden“.

Dass das Präsent die Ansprüche der „politischen Korrektheit“ nicht erfüllt, will Extremismusforscher Alexander Häusler bezeugen. Der WDR zitiert ihn mit den Worten, Lieder, die im SS-Liederbuch stehen, seien „alles andere als unbedenklich“.

Doch in dieser mehr als sieben Jahrzehnte alten Sammlung befinden sich neben hauptsächlich zur Debatte gestellten, auf der LP intonierten Lied „Wenn alle untreu werden“ auch der Kanon „Froh zu sein bedarf es wenig“, Walter Scheels „One-Hit-Wonder“ „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder die Jahrhunderte alten Volkslieder „Innsbruck, ich muss dich lassen“ und „Es dunkelt schon in der Heide“.

Immerhin über 200 Jahre alt sind auch die Gedichte von Max von Schenkendorf und Ernst Moritz Arndt („Der Gott, der Eisen wachsen ließ“). Doch Alter schützt vor Verleumdung nicht, und so wittert die „Huffington Post“ einen „Nazi-Eklat“, spricht „Spiegel online“ von „Liedern mit SS-Vergangenheit“, die FAZ von „Lieblingsliedern der SS“, während die „Bild“-Zeitung unerbittlich vom „SS-Lied“ schreibt.

Hier zeigt sich eine kulturelle Verantwortungslosigkeit des politischen und medialen Betriebs, die der Skandalisierung den Vorzug vor der Darstellung der spannenden Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte gibt. Historische Lieder werden lieber in Acht und Bann geschlagen. Denn das produziert mehr Klicks und schrillere Schlagzeilen.

Schenkendorf und Novalis

Schließlich lässt sich nur halb so dramatisch berichten, dass „Wenn alle untreu werden“ stets in verschiedensten Liedersammlungen zu finden war, in Liederbüchern für Turner und Studenten ebenso selbstverständlich wie in solchen für „deutsche Philologen und Schulmänner“ und den „Verband deutscher Post- und Telegraphen-Assistenten“. Auch das „Imker-Liederbuch“ von 1926 wollte auf das Stück nicht verzichten.

Selbst das NS-Regime konnte der vielfältigen Verbreitung nicht den Boden entziehen. Während des Dritten Reichs wurde „Wenn alle untreu werden“ vielmehr, zum Beispiel in katholischen Jugendgruppen oder wie von Heinrich Böll berichtet, auch als Bekenntnislied in Opposition zum Regime verstanden und gesungen.

Die Verantwortungslosigkeit beinhaltet auch, dass mit dem ahistorischen SS-Etikett ein Lied, das einen wichtigen Teil der neueren deutschen Geschichte widerspiegelt und nahezu einhundertfünfzig Jahre lang zum Repertoire unterschiedlichster Sänger gehörte, tabuisiert und der Allgemeinheit entzogen wird. Sozusagen als Kollateralschaden wird billigend in Kauf genommen, dass die intendierte Kontamination auch Novalis (1772–1801) erfasst, wenn man nämlich alarmiert und eingeschüchtert jede Anthologie zur Seite legt, die das 1802 erstmals gedruckte geistliche Lied des Romantikers mit dem identischen Anfangsvers „Wenn alle untreu werden“ enthält. Von Novalis’ Gedicht ließ sich 1814 Max von Schenkendorf (1783–1817) für seinen „Erneuten Schwur“ inspirieren.

Instrumentalisierung

Zur Verantwortungslosigkeit gehört darüber hinaus, dass die Skandalisierung von Heinos Geschenk auch dazu dient, Argwohn und Ablehnung gegenüber dem allmählich zur politischen Normalität avancierenden Begriff Heimat zu artikulieren. So twitterte Katja Müller, Linken-Stadträtin aus Halle, unter dem „Hashtag“ „Heino“: „In NRW werden die grauenvollstes [sic] Klischees eines Heimatministeriums Realität.“

Und Heino? Der nutzte die Gelegenheit, in der „Bild“-Zeitung seine Sicht der Dinge darzulegen. Man kann es sich lebhaft vorstellen: Der bald 80-jährige Sänger wollte als „NRW-Heimatbotschafter“ auf dem ersten Heimatkongress des nordrheinwestfälischen Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung nicht ohne Gastgeschenk auftauchen. Also war er froh, als Ehefrau Hannelore eine perfekt zum Anlass passende, „echte Rarität“ präsentierte. Dieser Kellerfund ist die besagte LP aus dem Jahr 1980, produziert vom promovierten Juristen und Jazzmusiker Karl-Heinz Schwab alias Ralf Bendix. „Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind“, stellt Heino in der „Bild“ fest. Und das scheint damals wie heute zu gelten.

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 30. März 2018

„DEUTSCHLAND, DAS SIND WIR ALLE“

Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung ihre im Widerspruch zum Grundgesetz stehende Äußerung, wonach jeder, der hier lebt, zum Volk gehöre, in eine neue Form gebracht. Indessen gilt „das freundliche Gesicht“ nicht allen – insbesondere nicht der stärksten Oppositionskraft im Bundestag, die die Kanzlerin „kleiner machen“ und aus dem Parlament wieder „rausbekommen“ will

EIN BREITES BÜNDNIS

In der „Erklärung 2018“ solidarisieren sich hunderte Kulturschaffende und Akademiker mit denjenigen, die sich friedlich für die Wiederherstellung der rechtstaatlichen Ordnung an den deutschen Grenzen einsetzen. Die Beteiligten können den Begriff Zivilcourage für sich in Anspruch nehmen.

WEG IN DIE TRANSFERUNION?

Warum der Widerstand gegen die finanzpolitischen Vorhaben der EU-Kommission wächst und was Bundesbankpräsident Jens Weidmann verhindern will. Eine Prognose.

RAUE PFADE, ABER WELCHE STERNE?

Im Weißen Haus hätten die Kriegstreiber gesiegt, kommentierte die französische „Le Monde“ Rex Tillersons Ablösung. Mit Außenminister Mike Pompeo und der neuen CIA-Chefin Gina Haspel ist Washington jedenfalls noch unberechenbarer geworden.

ALARMIERT DURCH SPRENGSTOFF

Im Thüringer Landtag ist der Fund erheblicher Mengen an Sprengstoff im Raum Saalfeld-Rudolstadt thematisiert worden. Eine der festgenommenen Personen ist in Antifa-Kreisen vernetzt und trat in der Vergangenheit als Sprecher des Bündnisses „Zivilcourage und Menschenrechte“ auf.

POKER DER ENERGIERIESEN

E.ON und RWE einigten sich zuletzt auf eine weitreichende Kooperation. Das entstehende Bündnis unter dem Codename „Helena“ könnte die Branche auf Jahre hinaus verändern. Die getroffenen Vereinbarungen haben allerdings auch ihre Schattenseiten.

DIE SIEBEN CHRISTUSWORTE AM KREUZ

Das Kreuz, Symbol des Christentums und Sinnbild unseres Kulturkreises, begegnet uns in Kirchen und Kapellen, auf Feldwegen und Berggipfeln, in Schulzimmern und Gerichtssälen. Eine Passionsbetrachtung aus der Feder von Pfarrer Paul Fischer.

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