Nr. 50 vom 8.12.2017

Nr. 50 vom 8.12.2017

Standpunkt

Botschafter Rilke

„Die Briefe an einen jungen Dichter habe ich zum ersten Mal gelesen, als ich zwanzig war. Der Name des Autors – Rainer Maria Rilke – klang merkwürdig und schön. Meine Mutter meinte, sie hätte als junge Frau in diesem Buch ein wenig Trost gefunden, und vielleicht könnte es auch mir gefallen. Als ich an jenem Abend darin zu lesen begann, war es, als flüstere mir jemand in langen deutschen Sätzen all das ins Ohr, was ich, jung, wie ich war, schon immer hören wollte: ‚Einsamkeit wird dir Halt und Heimat sein … Traurigkeit ist das Leben, das dich in der Hand hält, um dich zu verwandeln.“ Das sind Sätze aus dem Vorwort zu der Neuerscheinung „Rilke und Rodin. Die Geschichte einer Freundschaft“ der 1984 geborenen amerikanischen Kunstjournalistin Rachel Corbett.

Trost der Welt und Lebensretter

Das berühmte Büchlein versammelt in der hübschen Insel-Ausgabe auf rund 50 Seiten zehn Briefe von Rilke an Franz Xaver Kappus, der sich Ende 1902 19-jährig mit dem Wunsch, Dichter zu werden, dem Verfasser von „Mir zur Feier“ anvertraut hatte. Rilke, keine sieben Jahre älter, beantwortete trotz ständig wechselnder Aufenthaltsorte, finanzieller und privater Nöte sowie kreativen Krisen mehr als fünf Jahre lang Kappus’ Hilferufe zuverlässig und mit einem berührenden Verständnis, das mit seiner Innigkeit noch ein Jahrhundert später auf die Amerikanerin Corbett tiefen Eindruck machte, weil es zu ihr selbst zu sprechen scheint.

Der norwegische Romancier Tomas Espedal, geboren 1961, schreibt in seiner im Mai erschienenen Sammlung „Biografie, Tagebücher, Briefe“ über Rilkes Wirkung: „Glaubst du, dass Bücher Leben retten können? Ich meine ja. Nicht irgendein Buch, nur die wenigsten natürlich. Doch manche Bücher können es, das meine ich, und jetzt lese ich Rilke. Ich lese Rilke in einer Art äußerster Not. Es ist, als schrien sie, diese Rilke-Bücher: Komm wieder auf die Beine, […]. Raff dich auf und komm zurück ins Leben, das schöne Leben, sagt Rilke.“

„Rainer Maria Rilke hat mir das Leben gerettet“, bekannte die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb, Jahrgang 1966, vor wenigen Wochen in einem Interview. Er sei prägend für ihren Werdegang: „Als ich mit 17 Jahren Rilkes ‚Briefe an einen jungen Dichter’ las, bekam ich eine völlig andere Vorstellung vom Schreiben. Denn Rilke stellt die einzige richtige Frage: Kannst du leben, ohne zu schreiben? Das konnte ich für mich klar beantworten.“

Rilke und der junge Dichter

Die „Briefe an einen jungen Dichter“, die der Komparatistik-Professor Hartmut Heep als „kulturellen Mythos“ einstuft, haben selbst in der US-Popkultur einen festen Platz. Hollywood-Ikone Marilyn Monroe las und verschenkte die „Letters to a Young Poet“, Schauspieler Dustin Hoffman nannte sie seine „Bibel“, und in der Komödie „Sister Act 2“ von 1993 korrespondiert das Büchlein in einer Szene mit dem amerikanischen Traum, der sich in Henry Thoreaus Bonmot ausdrückt: „Wenn wir das, was in uns liegt, nach außen in die Welt tragen, geschehen Wunder.“

Rilke rät Kappus nämlich, „in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen. Nehmen Sie sie, wie sie klingt, an, ohne daran zu deuten. Vielleicht erweist es sich, dass Sie berufen sind, Künstler zu sein. Dann nehmen Sie das Los auf sich, und tragen Sie es, seine Last und seine Größe, ohne je nach dem Lohne zu fragen, der von außen kommen könnte. Denn der Schaffende muss eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.“

Dem Büchlein wäre aber kein vergleichbarer Erfolg zuteil geworden, lieferte es ausschließlich eine artistische Anleitung. Die Briefe bieten Lebenshilfe und Trost. Wo sich ohne inhaltlichen Verlust die persönliche Anrede durch ein „man“ ersetzen lässt, darf sich jeder als Adressat fühlen.

Das hat nicht zuletzt mit Rilkes Poetologie zu tun, die in der Sentenz „Gesang ist Dasein“ kulminiert, weshalb Rilke-Übersetzer Philippe Jaccottet richtig beobachtet, dass „das, was bei ihm eigentlich ein Modell fürs Dichten ist, immer ein Lebensmodell ist“. So sind Rilkes Briefe weit mehr als individuelle Korrespondenz und literarisch derart souverän, dass die französische „Bibliotheque de Pléiade“ sie unter seine Prosawerke reiht.

Rilke und Rodin

Bei unseren westlichen Nachbarn haben die „Briefe an einen jungen Dichter“ ohnehin eine außerordentliche Position inne, wie der Literaturwissenschaftler Jean-Michel Maulpoix weiß: „Dieser dünne Band ist in Frankreich fast so erfolgreich wie ‚Der kleine Prinz’ von Antoine de Saint-Exupéry oder ‚Der große Meaulnes’ von Alain-Fourier.“

Einsamkeit, Liebe und Geduld sind die großen Themen des Büchleins und das dankbare Seufzen der Leserschaft für seine Aphorismen übertönt alle Kritik wie jene Thomas Manns, der meinte, über Rilkes „adliges Getu’, seine frömmelnde Geziertheit“ spotten zu können.

Denn Rilke tut gut. Zum Beispiel dank solcher Sätze, die ihre Berechtigung allein dadurch haben, dass sie dem Ernst des Lebens gerecht werden. „Es ist aber klar, dass wir uns an das Schwere halten müssen; alles Lebendige hält sich daran, alles in der Natur wächst und wehrt sich nach seiner Art und ist ein Eigenes aus sich heraus, versucht es um jeden Preis zu sein und gegen allen Widerstand. Wir wissen wenig, aber dass wir uns zu Schwerem halten müssen, ist eine Sicherheit, die uns nicht verlassen wird; es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun.“

Oder: „[…] ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.“

Oder: „Lieben ist […] ein erhabener Anlass für den einzelnen, zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werden, Welt zu werden für sich um eines anderen willen, es ist ein großer, unbescheidener Anspruch an ihn, etwas, was ihn auserwählt und zu Weitem beruft. Nur in diesem Sinne, als Aufgabe, an sich zu arbeiten (‚zu horchen und zu hämmern Tag und Nacht’), dürften junge Menschen die Liebe, die ihnen gegeben wird, gebrauchen.“

Hier zitiert Rilke sich selber: Die Wendung vom Arbeiten, Horchen und Hämmern hatte er 1902 in seinem ersten Rodin-Aufsatz benutzt.

Der Einfluss des französischen Bildhauers auf den deutschen Dichter kann gar nicht überschätzt werden. Rilkes berühmte Dinggedichte, darunter „Der Panther“ und „Archaischer Torso Apollos“ (mit dem prominenten Schlusssatz „Du musst dein Leben ändern“), entstanden in der Pariser Zeit an der Seite Rodins, genau wie der Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.

Auch in den „Briefen an einen jungen Dichter“ ist Rodin präsent. Dessen Künstlerethos hatte Rilke im September 1902 seiner Frau Clara Westhoff wie folgt geschildert: „Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience.“ – „Man muss arbeiten, nur arbeiten. Und man muss Geduld haben.“

Rilke und Russland

Doch noch bevor Rilke in Frankreich zu literarischer Inspiration fand, hatte es ihm der Osten angetan. „Für den jungen, Orientierung suchenden Rilke war Russland ein ungemein sinnliches Erlebnis. Seine früheste Erfahrung, der Schlag der Glocke von Iwan Weliki im Kreml, sollte sein Leben lang nachhallen, und zum Schauen, das für seine Dichtung wichtig wurde, ist er nicht erst in Paris, sondern angesichts der Wolgalandschaft und der russischen Malerei ‚aufgewacht’“, erklärt Thomas Schmidt, künstlerischer Leiter der Ausstellung „Rilke und Russland“, die zuerst im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, dann bis zum 10. Dezember in Zürich und Bern zu sehen war und nun weiter nach Moskau zieht.

Prof. Ulrich Raulff vom Deutschen Literaturarchiv freut sich über die Kooperation, denn „in politisch schwierigen Zeiten hat das Zusammenwirken von drei Museen – in der Schweiz, Russland und in Deutschland – und zahlreicher Archive, davon 14 allein in Russland, eine Forschungsleistung erbracht, die ihresgleichen sucht – und eine museale Präsentation, die ihrerseits Epoche machen wird.“ Rilke sei Dank.

Infolge zweier Reisen, die er mit der in St. Petersburg aufgewachsenen 14 Jahre älteren Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé unternahm, war Russland um die Jahrhundertwende Rilkes Sehnsuchtsort sowie spirituelle Heimat geworden, wovon unter anderem „Das Stunden-Buch“ zeugt.

Sie hatten das orthodoxe Osterfest erlebt und den greisen Tolstoi auf Jasnaja Poljana besucht sowie den Maler Leonid Pasternak und dessen zehnjährigen Sohn Boris getroffen. Das Urteil des späteren Literaturnobelpreisträgers – „Rilke ist ganz russisch. Wie Gogol. Wie Tolstoi!“ – wird in Russland laut Ausstellung bis heute geteilt, ist er dort nicht nur einer der meistgelesenen fremdsprachigen Autoren, sondern wird sogar „als Teil der eigenen Kultur wahrgenommen“.

So wirkt Rainer Maria Rilke bis heute nach Westen wie nach Osten, ganz ein Dichter aus dem „Volk der Mitte und Vermittlung“ (Hugo von Hofmannsthal).

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 8. Dezember 2017

DER ANSPRUCH AUF ZUKUNFT

„Zahlreiche Stör- und Blockadeaktionen“, wie die Polizei es formulierte, begleiteten den AfD-Parteitag in Hannover. Auf einem der Antifa-Transparente war zu lesen: „THERE IS NO GERMAN ZUKUNFT“. Das scheint tatsächlich der zentrale Streitpunkt zu sein: Soll das deutsche Volk – an dieser Stelle bitte keine voreilige Aufregung, das Grundgesetz selbst verpflichtet deutsche Politik auf Wohl und Wehe dieses Volkes – eine Zukunft haben? Die Frage hat auch eine menschenrechtliche Dimension.

KAHLSCHLAG IN SACHSEN

Der Technologiekonzern Siemens will rund um den Globus 6.900 Stellen streichen, davon etwa die Hälfte in der Bundesrepublik Deutschland. Auch zwei Turbinenwerke in Sachsen, nämlich in Görlitz und Leipzig, sollen der Globalisierung geopfert und geschlossen werden.

UNGARNS VOLKSBEFRAGUNG

Was kommt der Realität näher: Die Öffentlichkeitsarbeit der ungarischen Regierung gegen die Aktivitäten von George Soros oder das Bild, das der US-Milliardär von Ungarn zeichnet?

MONSANTO-MINSTER SCHMIDT?

Die Folgen des Alleingangs des CSU-Politikers Christian Schmidt in der Glyphosat-Frage sind noch nicht vollständig abzusehen. Doch es geht nicht nur um eine Verstimmung zwischen Union und SPD.

NACHVERDICHTUNGSSORGEN

Im „Bayerischen Transitzentrum Manching-Ingolstadt“ sind 1.300 Asylbewerber mit geringer Bleibewahrscheinlichkeit untergebracht. Bei der Taschengeld-Ausgabe gab es jüngst handfesten Ärger. Was geht da vor?

DIE SONNE OPTIMAL NUTZEN

Obwohl Photovoltaik-Anlagen auf dem Weltmarkt Konjunktur haben, sieht die Solarbranche die energiepolitische Vorreiterrolle der Bundesrepublik Deutschland angesichts mehrerer Versäumnisse ernstlich gefährdet.

ZWISCHEN BLAUER BLUME UND SCHWARZ-ROT-GOLD

Zwischen 1790 und 1830 prägte die Romantik das künstlerische Leben in Deutschland. Dabei war sie aber mehr als eine Kunstepoche. Die Romantik wurde, ergänzt durch politische Gedanken und vor dem Hintergrund der Befreiungskriege, Geburtshelferin des deutschen Geschichts- und Nationalbewusstseins.

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Nr. 49 vom 1.12.2017

Nr. 49 vom 1.12.2017

Standpunkt

Weihnachtsmarktfragen

Am 27. November 2017 warf der stellvertretende „Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit im elektronisch versandten „Morning-Briefing“ seines Mediums die Frage auf: „Gehen wir zum Weihnachtsmarkt oder nicht? Ab heute sind die Märkte geöffnet, ein knappes Jahr nach dem Anschlag am Breitscheidplatz. […] Für mich ist das eine komplizierte Frage, denn mir gehen Weihnachtsmärkte auf die Nerven, und ich bin schon lange nicht mehr hingegangen. Der Staatsbürger in mir sagt aber: Diesmal solltest du gehen. Ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Ein neues Nationalkonzept“

Das sind Einblicke in das Seelenleben des Mannes, der vor gut zwei Jahren, am 22. August 2015, drei Tage nach der damaligen 800.000-Asylbewerber-Prognose von Bundesinnenminister de Maizière, mit dem Beitrag „Unter dem Regenbogen“ den „Spiegel“ jubilieren ließ: „Deutschland als Rainbow Nation – Wir brauchen ein neues Nationalkonzept.“

Die National-Zeitung ging darauf in ihrer Ausgabe vom 28. August 2015 unter der Überschrift „Der Großversuch“ kritisch ein: „Man zuckt zusammen: ‚Rainbow Nation‘, das verweist auf Südafrika und damit auf: ‚gated communities‘, private Sicherheitsdienste, Gitter, Alarmanlagen, Waffen. Das Auto ist das Verkehrsmittel der Wahl, weil zu Fuß gehen, Rad oder Bahn fahren zu gefährlich ist. Und dieser Zustand soll nun unser Ideal werden?“ Spiegel-Autor Kurbjuweit räumte damals selbst ein: „Der Begriff Rainbow Nation wurde für Südafrika geprägt“, das Konzept „funktioniert dort nicht sonderlich gut, das muss man zugeben“.

Wer nun als Journalist mit dem Besuch eines Weihnachtsmarktes Mut und staatsbürgerliche Verantwortung zeigen will, hätte 2015 eine bessere Gelegenheit gehabt. Damals wäre es besonders wichtig gewesen, zur offiziellen Politik abweichende Auffassungen zumindest aufzugreifen. Doch viele Kommentatoren in Leitmedien bewiesen mentale Nähe zur Machtelite (vgl. die Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ von Prof. Michael Haller). Kurbjuweit wollte sich sogar dadurch hervortun, zu deren Politik eine vermeintlich passende Ideologie, ja ein neues „Nationalkonzept“ – eben das der „Rainbow Nation“ –, zu liefern.

Die National-Zeitung war es, die diesem „Projekt“ entgegenhielt, was immer noch gültig ist (zumal die von Grundgesetz und Asylgesetz nicht vorgesehene Merkel’sche Jeder-kann-rein-Politik an der Grenze für die Bundespolizei weiter verbindlich ist): „Ein so grundlegender, durch Schaffung von Einwanderungsfakten herbeigeführter Wechsel des ‚Nationalkonzepts‘ müsste, wenn er verfassungsrechtlich überhaupt zulässig wäre, wenigstens eine demokratische Grundlage haben.“

Verlust an Freiheit

Inzwischen hat Merkel Deutschland dem damals im „Spiegel“ proklamierten Ideal weiter angenähert. Und die kleinen und an sich selbstverständlichen Dinge werden ähnlich kompliziert, wie sie es in Südafrika sind. Aber für Kurbjuweit ist das vielleicht kein Problem. Der Weihnachtsmarkt, der anderen Leuten Freude macht, nervt ihn ja eh. Sollte er tatsächlich einen besuchen, läge darin allerdings ein besonders scharfes Urteil über die politisch gewollte Veränderung: Wir wären schon so weit, dass Leute, die gerne auf Weihnachtsmärkte gehen, aus Angst zu Hause bleiben und andere, die ungern hingehen, dort Gesicht zeigen.

Man wird also auf Weihnachtsmärkten künftig fragen müssen: Bist du aus Neigung hier oder aus Pflicht? Wer dann, wie Kurbjuweit das andeutet, antworten kann: aus Pflicht und gegen meine Neigung, dessen Handeln hätte im Sinne Kants höchsten moralischen Wert. Applaus, Applaus!

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 1. Dezember 2017

SCHON ÜBERREDET

Sichtlich zufrieden verließ SPD-Chef Martin Schulz das Schloss Bellevue, nachdem ihn sein Parteifreund Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an seine staatspolitische Verantwortung erinnert hatte, zum Beispiel Vizekanzler zu werden.

„IST LUISA HIER?“

Tübingen bereitet eine gezielte Kampagne gegen Grabscher vor, um Frauen künftig besser vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Dabei arbeiten Polizei, Stadtverwaltung und örtliche Wirte Hand in Hand. Im Sommer waren wiederholt Feste und Feierlichkeiten aus dem Ruder gelaufen.

BLAMAGE FÜR SPD, CDU UND „GRÜNE“

Der Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster hat am 21. November 2017 entschieden, dass die 2,5-Prozent-Sperrklausel bei Kommunalwahlen gegen den Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit verstößt, soweit sie für Wahlen der Gemeinderäte und Kreistage gilt.

WIENER WEG

In Österreich arbeiten ÖVP und FPÖ an einem grundlegenden Kurswechsel. Die beiden Verhandlungspartner gehen in ihren Gesprächen wesentlich planvoller und strukturierter vor als die gescheiterten „Jamaika“-Sondierer in Berlin.

ZERRÜTTETE PARTNERSCHAFT

Die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA sind mittlerweile so beschädigt, dass Ankara nun sogar die NATO-Mitgliedschaft in Frage stellt. Wird Washington reagieren, indem es versucht, einen „Regimewechsel“ zu erzwingen? Dr. Bernhard Tomaschitz analysiert.

VERLÄNGERTER ARM DER
US-REGIERUNG?

Eric Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Google-Muttergesellschaft, kündigte die Entwicklung spezieller Algorithmen an, damit die Beiträge von RT und Sputnik bei der Google-Suche schlechter zu finden sind und so an Reichweite verlieren.

„WIR SIND NACKT UND
NENNEN UNS DU“

Die Freikörperkultur ist in Mitteleuropa Teil der gesellschaftlichen Normalität. Sie entstand vor über 100 Jahren im Umfeld der Lebensreform und fand Anhänger nicht nur wegen ihrer gesundheitlichen Argumente. Vielmehr ging es dem Naturismus um Freiheit, Lebensgestaltung und Harmonie mit der Natur. Nudistische Strömungen unterschiedlichster ideologischer Couleur entfalteten auf dieser Grundlage ihr Programm, das bis heute wirkt.

UNRECHTMÄSSIGE NACHSTELLUNGEN?

In „Der Fall Gurlitt“ korrigiert Maurice Philipp Remy die gängige Meinung zu einem vermeintlichen Kunstskandal.

DER PREIS DER GLOBALISIERUNG?

Ein invasiver Pilz mit dem klingenden Namen Falsches Weißes Stengelbecherchen gefährdet den Bestand der Esche.

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Nr. 48 vom 24.11.2017

Nr. 48 vom 24.11.2017

Standpunkt

Glanz und Elend einer Ausstellung

Die Künstler, deren Werke bis zum 25. Februar 2018 in der Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, zu sehen sind, müssten sich verspottet fühlen oder würden vom Finis Germaniae als Wissenschafts- und Kulturland angeweht, bekämen sie den von der Ausstellungskuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer herausgegebenen Katalog dazu in die Hand. Die erste Abbildung nach dem Vorwort von Schirn-Direktor Philipp Demandt in dem fast zwei Kilo schweren Band zeigt nämlich Friedrich Ebert mit folgender Bildunterschrift: „Reichskanzler Friedrich Ebert an seinem Schreibtisch, um 1922“. Dass das nicht stimmen kann, ist jedem, der sich auch nur oberflächlich mit deutscher Geschichte auseinandergesetzt hat, klar. Ebert übernahm zwar am 9. November 1918 aus den Händen des Prinzen Max von Baden das Reichskanzleramt und war dann einer der Vorsitzenden des am nächsten Tag gebildeten, als Reichsregierung fungierenden Rats der Volksbeauftragten, aber vom 11. Februar 1919 bis zu seinem Tode am 28. Februar 1925 war er: Reichspräsident.

Friedrich Ebert, 1922 und die Schulbücher

In dieser Eigenschaft proklamierte Ebert, der 1917 zwei Söhne durch den Krieg eingebüßt hatte, am Verfassungstag (11. August) eben des erwähnten Jahres 1922 das Deutschlandlied zur Nationalhymne. In seinem 1931 erschienenen Beitrag „Friedrich Ebert – Deutschlands erster Reichspräsident“ beschrieb Gustav Radbruch, bedeutender Jurist und 1921/22 sozialdemokratischer Reichsjustizminister: „Man muss die Klugheit, nein: die geduldige Weisheit bewundern, mit der Friedrich Ebert dem neuen Staat Stück um Stück die Ausdrucksformen und damit die Autorität des Staates wieder aufbaute. Die Krönung dieses Strebens war jener Akt der Herzensweisheit, durch den er das Deutschlandlied wieder zum Lied aller Deutschen, zur deutschen Nationalhymne machte. Die Worte, in denen es geschah, sind so schön, dass sie als ein Vermächtnis des ersten Reichspräsidenten einstmals in den Lesebüchern aller deutschen Schulen stehen werden.“ Dass das nicht der Fall ist, erweist sich nun als problematisch …

Auch Kunstgeschichte braucht Fakten

Radbruch lobte Eberts Bescheidenheit und schlichte Würde. Auch hob er hervor, wie es „der ganz bewussten Arbeit Friedrich Eberts“ gelungen war, „Beziehungen zu stiften zwischen Staat und Kultur“. Mit diesen Beziehungen scheint es heute zumindest intellektuell nicht immer weit her zu sein, wenn ein äußerlich prächtiger Ausstellungsband zum Thema Weimar gleich eingangs Ebert für das Jahr 1922 zum „Reichskanzler“ macht – und wie zum Ausgleich – auf Seite 19 bezogen auf den 28. Januar 1933 vom „Rücktritt Kurt Schleichers vom Amt der [sic!] Reichspräsidenten“ spricht, obwohl Kurt von Schleicher (Adelsbezeichnungen gelten, auch das ist ein Erbe Weimars, als Teil des Namens) bekanntlich der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik vor Hitler war.

Kunstgeschichte kommt wie alle Geschichtsschreibung nicht ohne Fakten aus. Die fast 200 Werke, die in der Schirn nun zu sehen sind, werden durch solche Schnitzer natürlich nicht gemindert, wenn man auch über Gewichtungen der getroffenen Auswahl streiten kann, bei der zum Beispiel Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth, „die drei führenden Malerpersönlichkeiten der älteren Generation“ (Walter Laqueur, Weimar – Die Kultur der Republik, 1976), nicht berücksichtigt wurden.

Karl Diefenbach

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 24. November 2017

MERKELS SCHERBENHAUFEN

Die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland hat nicht nur das Volk tief gespalten, sondern auch die politischen Eliten. Das ließ nun auch den eigenen Koalitionstraum scheitern.

ENDE EINES SPUKS

Nach vier Wochen sind die Koalitionssondierungen geplatzt, weil sich die FDP in Sachen Migration nicht auf einen Kuhhandel einlassen wollte, wie er zwischen CDU, CSU und den „Grünen“ offenbar schon ausgemachte Sache war.

ASEAN UND EU

Auf dem Südostasiengipfel in Manila feierte die ASEAN ihr fünfzigjähriges Bestehen. Im Unterschied zur EU setzt sie auf „flache“ Integration und beweist auch in anderen Punkten mehr Augenmaß.

SORGE UM DIE VIELFALT

Der britische Rocksänger Steven Patrick Morrissey hat erneut mit kritischen Aussagen für Aufsehen gesorgt. In einem Zeitungsinterview zeigt er Verständnis für das Brexit-Votum seiner Landsleute, kritisiert die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Zuwanderungspolitik. „Multikulti“ mache wahre Vielfalt zunichte, so Morrissey.

PROBLEM WOHNUNGSLOSIGKEIT

Nach einer jetzt vorgelegten Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) waren 2016 rund 860.000 Menschen in der Bundesrepublik ohne Wohnung. Seit 2014 ein Anstieg um 150 Prozent. Die Zuwanderung hat das Problem verschärft.

AM BODEN: CDU IN SACHSEN

Nach dem Debakel bei der Bundestagswahl führte die sächsische CDU-Landtagsfraktion jetzt eine Klausurtagung durch. Dabei wurde das „SachsenBarometer 2017“ ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Befragung sind für die Union zusätzlich ernüchternd.

EINE ZUKUNFT FÜR SIMBABWE?

Bringen der Rücktritt Mugabes und die Machtübernahme von Emmerson Mnangagwa die von den Simbabwern ersehnte Wende?

SIEGE UND NEBENGERÄUSCHE

Die bundesdeutsche Fußballmannschaft ist seit mittlerweile 21 Spielen ungeschlagen und zählt zum engsten Favoritenkreis der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Russland. Doch so eindrucksvoll die sportliche Bilanz auch ist, es gibt Nebenwirkungen.

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