Nr. 33 vom 9.8.2019

Nr. 33 vom 9.8.2019

Standpunkt

Die notwendige Globalisierungsbremse

Grundsätzliche Folgerungen aus dem Klimawandel

Waren wir nicht seit vielen Jahren auf der Suche nach einer wirksamen Globalisierungsbremse? Weil die „Mondialisation“, wie das französische Wort lautet, so viel zerstört: ökologisch und kulturell. Und weil sie fast nur den größten Spielern wirklich etwas bringt, jenen, die die „internationale Arbeitsteilung“ nach ihren Bedürfnissen steuern – statt ihr wie der Normalbürger ausgeliefert zu sein.

Wenn Natur und Kultur keine Rolle spielen

Schon 2007 las man in der National-Zeitung mit Blick auf den Klimawandel: „Das Ziel eines immer schrankenloseren, immer wachsenden Austausches von Gütern und Menschen, bei dem Natur und Kultur keine Rolle spielen, führt offenbar zum kollektiven Suizid.“ Nun sei „regional statt global“ angesagt. Zudem las man da: „Massenmigration verschlimmert die ökologischen Probleme noch weiter, unter anderem durch das ständige interkontinentale Hin- und Hergefliege, das heute praktisch jeder Wanderungsbewegung folgt.“

Gleichzeitig war (und bleibt) da die Verwunderung, warum diese doch gar nicht schwierigen Zusammenhänge manchmal ausgerechnet aus den Kreisen negiert werden, die sich als konservativ verstehen. Schließlich könne man sich „gegen ein beliebiges Hin- und Herverfrachten von Menschen und Gegenständen kaum ein schlagenderes Argument vorstellen als den durch solche Aktivitäten mitverursachten Klimawandel“.

Jetzt zeigt die 16-jährige Greta Thunberg mit ihrer Segelreise zur UNO-Klimakonferenz in New York, dass diese Globalisierungsbremse wirklich funktioniert. Natürlich wird mancher einwenden: „Das ist im Normalfall nicht praktikabel, wer hat denn so viel Zeit?“ Dabei wird aber übersehen, dass auch fast niemand einen triftigen Grund hat, eine solche Reise anzutreten. Fallen die Interkontinentalflüge aus Daffke, Langeweile, innerer Leere oder falscher Organisation weg, ist schon viel gewonnen. Und wird über kurz oder lang der Warenverkehr vom Verbraucher mit einem ähnlich strengen Maßstab beurteilt, ist die Globalisierung bisherigen Zuschnitts beendet.

Professor Paech: „Rückfall in die Barbarei“

Der Nachhaltigkeitsforscher und Nationalökonom Professor Dr. Niko Paech hat dem Weser-Kurier gerade ein Interview gegeben, das in diesem Zusammenhang von Interesse ist. Paech, Jahrgang 1960, fährt in den Ferien mit dem Zug an die Ostsee. Dem Weser-Kurier erklärte er: „Ich bin nur einmal geflogen, um meinen Doktorvater in den USA zu besuchen, Jahrzehnte her. Das werde ich nicht wiederholen.“ Einige seiner Aussagen:

„Fliegen ist nackte Gewalt gegen die Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation.“

„Derzeit tritt der ökologische Ernstfall ein. Wir sollten anfangen, zwischen menschlichen Grundbedürfnissen und spätrömischer Dekadenz zu unterscheiden.“

„Individuelle Freiheit zählt zu den höchsten modernen Errungenschaften, aber ein Recht auf Zerstörung ohne Zwang oder begründbare Notwendigkeit zu proklamieren, ist ein Rückfall in die Barbarei.“

„Kosmopoliten“, die die Welt zerstören

Aufschlussreich ist auch Paechs Antwort auf die Frage „Finden Sie nicht, dass Reisen toleranter macht?“: „Das ist eine linksliberale Ideologie. In den 1970er-Jahren, als es ein absoluter Luxus war, die Welt zu bereisen, waren die Menschen doch nicht intoleranter. Und selbst wenn: Was nützt eine Weltoffenheit, mit der die Welt zerstört wird?“

Ob er kein Verständnis für einen Australien-Trip nach dem Abitur habe? „Eine einzige Australien-Reise verursacht etwa ein Zwanzigstel dessen, was einem Menschen während seines ganzen Lebens an Kohlenstoffdioxid zustehen könnte. Manche der jungen Kosmopoliten haben mit 30 Jahren eine Emissionsbilanz, die beide Großeltern nicht einmal am Ende ihres Lebens zusammen hatten.“

Paech schlägt vor, die Reiselust auf dem eigenen Kontinent mit Zug, Fahrrad und Wanderschuhen zu stillen: „Man bräuchte mehrere Menschenleben, um alle Schönheiten Europas zu erkunden.“

Den meisten Leuten ist solches Denken bisher fremd. Aber es wird zur Kenntnis genommen, arbeitet in den Menschen und drängt bei einer immer größeren Zahl zur Verwirklichung. Denn immer noch geht, mit den Worten Heinrich Heines, der Gedanke der Tat (und eben auch dem notwendigen Unterlassen) voraus wie der Blitz dem Donner.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 9. August 2019

GEHIRNDAUERLAUF ZUM
WUNSCHSTUDIUM

Während in der Bundesrepublik an den meisten Universitäten ein Numerus Clausus von deutlich unter 2,0 gilt, spielt in Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt, Graz und Wien die Abitur- bzw. Maturanote für eine Einschreibung in den Studiengang Psychologie keine Rolle. Leichter wird es dadurch aber nicht.

VERNACHLÄSSIGTER
HOFFNUNGSTRÄGER

Die Deutsche Bahn hat Konjunktur, zumindest in Sonntagsreden von Politikern. Der Schienenverkehr soll in der Bundesrepublik Deutschland künftig wieder die Hauptrolle spielen. Um dies zu erreichen, muss allerdings einiges in Angriff genommen werden, soll es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben.

DIE GROSSE UNSICHERHEIT

Keine Relativierung und kein statistischer Dreh ändern etwas daran, dass die offenen Grenzen im Zusammenhang mit dem Migrationsgeschehen ein neuralgischer Punkt des schwindenden Sicherheitsgefühls der Bevölkerung sind.

„SOZIAL RIGIDE
PARALLELGESELLSCHAFT“

Migranten aus Eritrea sind in der Schweiz seit geraumer Zeit Gegenstand einer differenzierten und zumeist um Objektivität bemühten Berichterstattung. Dabei kommen immer wieder auch überraschende Fakten zur Sprache. Eindrücke vom eritreischen Leben in der Schweiz.

MILITARISIERUNG DES SÜDPAZIFIKS

Die USA und Australien wollen gemeinsam die „Sicherheit in der indopazifischen Region“ gewährleisten, so zumindest die offizielle US-Darstellung. De facto obliegt es Australien, aufgrund seiner geographischen Nähe die Inselstaaten im südlichen Pazifik auf Washingtons Linie bringen. Angestrebt ist eine Eindämmung Chinas.

„FAKE NEWS“ ÜBER DEN OSTEN

FDP-Chef Lindner, mit seiner Partei in Sachsen derzeit irgendwo bei fünf Prozent, hat in einem Zeitungsinterview eine alte Platte aufgelegt: „Um Länder, in denen die AfD stark ist, werden Investoren in Arbeitsplätze und Touristen einen Bogen machen.“ Das Argument ist nicht neu, wird aber nicht richtiger.

HERKULESAUFGABE FÜR OLIVER ZIPSE

Die bundesdeutsche Automobilbranche ist in eine Krise geraten. Jetzt kommt es zum Wechsel an der Spitze des BMW-Konzerns. Wie es, nicht nur dort, weitergeht. Über den neuen Chef, seine Ziele und das nahende Ende des Verbrennungsmotors.

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Nr. 32 vom 2.8.2019

Nr. 32 vom 2.8.2019

Standpunkt

Greta oder CETA?

Umweltschutz und Freihandel sind nicht vereinbar

Bundeskanzlerin Merkel hat angeblich viel Verständnis für die Schulstreiks für das Klima. Macrons Partei La République en Marche applaudiert Greta Thunberg in der französischen Nationalversammlung. Doch gleichzeitig machen sich Merkel und Macron für den internationalen Freihandel stark, feiern die Abkommen mit Kanada (CETA) und mit Lateinamerika (EU-Mercosur) und bedauern, wenn ein solches Abkommen (TTIP) scheitert – in diesem Fall am US-Präsidenten.

Kostenvorteil durch niedrige Standards

Dabei war es noch nie ein Geheimnis, was Professor Dr. Roger S. Gottlieb in seinem 2019 bei Cambridge University Press erschienenen Buch „Morality and the Environmental Crisis“ festhält: „In den letzten 30 Jahren hat eine ‚neoliberale’ Strategie globaler Wirtschaftsverträge die Freiheit zur Verschmutzung in internationalen Übereinkommen verankert.“ Wenn Nationen diese Verträge unterzeichneten, gäben sie einen guten Teil ihrer Umweltsouveränität auf: „Die von internationalen Institutionen wie der Welthandelsorganisation durchgesetzten Abkommen verringern die lokale Umweltsouveränität radikal.“ Warnhinweise oder Verbote schädlicher Substanzen würden damit zu unzulässigen und juristisch verfolgbaren „Handelsbeschränkungen“.

In der Juli-Ausgabe von „Le Monde diplomatique“ (Paris) führt Chefredakteur Serge Halimi aus, warum – so verstandener! – Liberalismus mit dem Umweltschutz von vornherein in Konflikt steht. Die Überschrift von Halimis Beitrag bringt es auf den Punkt: „Libre-échange ou écologie!“ – Freihandel oder Ökologie! Es gibt an dieser Stelle kein „und“.

Halimi zitiert den Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, der 2003 zum Besten gab: „Die Umwelt ist ein weit überschätztes Problem.“ Zehn Jahre früher, 1993, hatte ein anderer Wirtschaftsnobelpreisträger, Gary Becker, kritisiert, dass das Arbeitsrecht und der Umweltschutz in den meisten entwickelten Ländern „übertrieben“ würden. Und worauf richtete Becker seine Hoffnungen? „Der Freihandel wird gewisse dieser Exzesse beseitigen, indem er jeden zwingt, gegenüber den Importen aus Entwicklungsländern konkurrenzfähig zu bleiben.“ Selten wurde das Prinzip des Umweltdumpings – Kostenvorteile durch niedrigere Standards und größere Zerstörung – so offen befürwortet.

„Protektionismus ist rehabilitiert“

Serge Halimi konstatiert, „dass die Befürchtungen bezüglich der Zukunft des Planeten den lange verpönten Begriff ‚Protektionismus‘ rehabilitiert haben“. In Frankreich hätten bei einer Debatte zur Europawahl die Spitzenkandidaten von Sozialisten und Grünen fast in denselben Worten wie Marine Le Pen einen „Protektionismus an den Grenzen der Europäischen Union“ verlangt.

Künftig wisse jeder, so Halimi, dass das Gemeingut gewordene Lob auf lokale Produzenten, auf kurze Wirtschaftskreisläufe und auf die Wiederverwertung vor Ort unvereinbar mit einer Produktions- und Handelsweise ist, die die „Wertschöpfungsketten“ vervielfache. Inbegriff dieses Systems sind für ihn die Containerschiffe, auf denen die Komponenten ein und desselben Produkts drei- oder viermal den Pazifik überqueren, ehe sie in den Regalen eines Ladens ankommen.

An Gelegenheiten, die Ablehnung eines ökologisch zerstörerischen Freihandels in die Tat umzusetzen, fehlt es nicht, wie auch Halimi betont.

EU-Mercosur: Kommt die größte Freihandelszone
der Welt?

So werden die EU-Parlamentarier demnächst über die geplante größte Freihandelszone der Welt mit den vier lateinamerikanischen Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay (EU-Mercosur) entscheiden und über die „Vertiefte und umfassende Freihandelszone“ (DCFTA) mit Tunesien, mit der tatsächlich nicht weniger als die Integration der tunesischen Wirtschaft in den Europäischen Binnenmarkt angestrebt wird.

Wir werden also bald wissen, ob die Politik das nur allzu Offensichtliche berücksichtigt oder ob es bei schönen Worten und dem Beifall für Greta Thunberg – der im April auch im EU-Parlament aufbrandete – bleibt.

Allerdings ist das Pariser Beispiel wenig ermutigend. Wenige Stunden nach Thunbergs Auftritt in der Nationalversammlung am 23. Juli entschieden sich 266 Abgeordnete (bei 213 Gegenstimmen und 74 Enthaltungen) für die Ratifikation des umstrittenen, unter anderem von Umweltschützern und Landwirten bekämpften, aber von Macron unterstützten Freihandelsabkommens CETA mit Kanada. Der Appell des Abgeordneten François Ruffin (La France insoumise) an die Logik – „Greta oder CETA, man muss sich entscheiden!“ – fruchtete nichts.

Wann der Deutsche Bundestag über CETA abstimmt, ist noch offen. Aber schon 2017 legte die Regierungskoalition Wert auf die vorläufige Anwendung des Vertrags.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 2. August 2019

WAHLFEHLER ABGEWENDET

Es verdient nicht nur der Verfassungsgerichtshof des Freistaates Sachsen Respekt, sondern es gebührt zudem der AfD Dank, dass sie durch sachgerechte Anträge das Urteil herbeigeführt hat, mit dem auch ihre Kandidaten auf den Listenplätzen 19 bis 30 zur Landtagswahl zugelassen wurden. Eine bedeutende Weiterentwicklung des Rechtsschutzes im Wahlrecht.

ESKALATION AM PERSISCHEN GOLF

Geht es wirklich um die „Freiheit der Meere“? Ein Hintergrundbericht über Ursachen und Folgen des Tankerkonflikts, Washingtons Pläne und den russischen Vermittlungsvorschlag.

MISTER BREXIT

Boris Johnson will sich als neuer britischer Premierminister für einen EU-Austritt „ohne Wenn und Aber“ einsetzen. Seine entschiedene Position ist angesichts der Brüsseler Konzessionslosigkeit durchaus stimmig und erfolgversprechend.

EIN MINISTERIUM ALS RETTUNGSRING

Annegret Kramp-Karrenbauer galt schon als künftige Kanzlerin, stürzte aber bald in den Umfragen ab. Nun soll der Posten der Verteidigungsministerin ihren Status verbessern. Spielen bei der Besetzung solch wichtiger Funktionen Eignung und Fachkunde keine Rolle mehr?

SCHWERE GEBURTEN

Die Bundesregierung will den Hebammenmangel hierzulande nicht bestätigen. Das geht aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion zum Thema hervor. Dabei ist eine Entspannung ist nicht in Sicht. Hohe Arbeitsbelastung, unzureichende Bezahlung, Kreißsaalschließungen gehören zu den Gründen.

DER OBERBÜRGERMEISTER WARNT

Auf dem Volksfest in Saarlouis haben aggressive Gruppen ihr Unwesen getrieben, die auch außerordentlich gewaltbereit Auseinandersetzungen mit der Polizei suchten und in erheblichem Umfang Bürger einschüchterten. Jetzt ist der sozialdemokratischen Rathauschef der saarländischen Stadt an die Öffentlichkeit gegangen.

WIDERSTAND GEGEN WINDKRAFT

Der Protest gegen den weiteren Ausbau der Windkraft nimmt zu. In der Bundesrepublik Deutschland soll es mittlerweile 1.000 Bürgerinitiativen geben, die jetzt durch ein bemerkenswertes Gerichtsurteil zusätzlichen Auftrieb erhalten.

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Nr. 31 vom 26.7.2019

Nr. 31 vom 26.7.2019

Standpunkt

Europäischer Bürger?

Wurde mit der Wahl Ursula von der Leyens am 16. Juli zur Präsidentin der EU-Kommission „das Volk“ betrogen? Die Antwort ist: Nein. Denn welches Volk sollte gemeint sein?

Gut ein Jahr vor der Europawahl hatte der italienische Philosoph Roberto Esposito in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung über die Nichtexistenz eines „europäischen Volkes“ festgehalten: „Denjenigen, die sich in den letzten Jahren – allen voran Jürgen Habermas – für die Einführung einer europäischen Verfassung ausgesprochen haben, ist zu Recht entgegnet worden, dass eine Verfassung zwingend Ausdruck eines souveränen Volkes und dessen freien Willens sein muss. Es stimmt zwar, dass ein Volk – wie Habermas seinen Kritikern erwiderte – nicht per definitionem gegeben sein muss. Ein Volk kann nämlich auch allmählich durch die Herausbildung einer bewussten Öffentlichkeit gleichsam erschaffen werden. Diese setzt jedoch wiederum, und darin liegt das Problem, transnationale, europäische Medien, aber vor allem eine gemeinsame Sprache voraus. Beide Voraussetzungen sind derzeit nicht gegeben.“

Das ist der wunde Punkt des Wunschdenkens, das auf „Vereinigte Staaten von Europa“ zielt: Eine demokratische Legitimation hätten diese nicht, eben auch wegen der Ermangelung einer EU-weiten öffentlichen Meinung, die prinzipiell jedem Bürger zugänglich ist, an der jeder gleichberechtigt teilhaben kann und die sich dann effektive Wirkung verschafft. In den Nationalstaaten, mit ihren historisch individuellen Kommunikationsgewohnheiten und Erfahrungen, hingegen lassen sich demokratische Prozesse realisieren.

Die Sprache scheint Dreh- und Angelpunkt auch im Nationenverständnis des französischen Schriftstellers und Historikers Ernest Renan (1823–1892) gewesen zu sein. Er geht nämlich davon aus, dass eine Nation der gemeinsamen Erinnerung an Schicksalsschläge, herausragende Figuren und kollektive Leistungen bedarf, der Verarbeitung kollektiver Erfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart. Das Bekenntnis zu einem Volk, das sich dann in Solidarität und politischem Handlungswillen sowie Handlungsfähigkeit niederschlägt, ist ohne solche identitätsstiftende Narrative nicht denkbar. Und diese sind auf die Muttersprache als Medium angewiesen.

„Das kontinuierliche Gespräch“

Um einen ähnlichen Gedanken kreist ein Kommentar der Journalistin und Vorsitzenden der Vlaams Fonds voor de Letteren (Flämische Stiftung für Literatur), Mia Doornaert, in der auflagenstarken belgischen Tageszeitung De Standaard vom 18. Juli. „Der europäische Bürger existiert nicht“, lautet die Überschrift, und einen der Kernsätze entlehnt sie dem holländischen Historiker Ernst Kossmann. Er „fasste die Idee der Nation wie folgt zusammen: ‚Das kontinuierliche Gespräch, das wir miteinander in unserer Sprache führen.’“

Doornaert, die 2003 aufgrund ihrer journalistischen Verdienste unter anderem als Korrespondentin im Nahen Osten geadelt wurde, sieht darin eine zutreffende Beschreibung, die nicht auf Ausgrenzung zielt, aber den Rahmen einer Integration absteckt.

Die studierte Philologin verdeutlicht mit Beispielen, was die Völker und Nationen Europas trennt und was sie verbindet. „Der Henker des einen, wie ‚unser’ Herzog von Alba [Statthalter der Niederlande im 16. Jahrhundert], ist der Held des anderen, in diesem Fall Spaniens. Man kann nicht zulassen, dass ‚Europa’ mit der politischen europäischen Integration nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt, denn so verflacht man Jahrhunderte und Jahrtausende der Geschichte.“

Was die kulturelle Gemeinsamkeit vermag

Man brauche sich nur die Euro-Scheine vor Augen halten, um zu erkennen, „wie seltsam das Gerede über ‚Vereinigte Staaten von Europa’ ist“. Während zum Beispiel die US-Dollar-Scheine die Gründerväter wie George Washington und konkrete Gebäude wie das Weiße Haus zeigen, gebe es keine realen Personen oder Denkmäler auf den Euro-Noten, die als Symbole für die ganze EU akzeptiert würden. „Aber es gibt gemeinsame kulturelle Symbole, einen romanischen Bogen, ein gotisches Gewölbe, eine Barockfassade. Mit anderen Worten, es gibt ein europäisches Kulturalphabet, eine europäische Kultur. Es gibt aber keine europäische Nation.“

Genau das müssten alle, die sich zu „überzeugten Europäern“ erklären, vor Augen haben: Dass die Völker Europas in ihrer Vielfalt durch einen beständigen Austausch, durch das gegenseitige Durchdringen in Kunst und Kultur eine gemeinsame Basis und ein gemeinsames Erbe haben. Und dass dieser Reichtum das Fundament einer sinnvollen internationalen Zusammenarbeit nach Maßstäben des Subsidiaritätsprinzips sein muss.

Die angestrengte Diskussion um „Spitzenkandidaten“ und das Postengeschacher um die Spitzenämter hätten gezeigt, dass es den europäischen Bürger nicht gibt, meint Doornaert. Denn zum einen machten die Wähler von Litauen bis Portugal ihre Stimme kaum von den Spitzenkandidaten Weber und Timmermans abhängig, zum anderen ließen sich in den einzelnen Ländern ganz spezifische Akzentsetzungen ausmachen.

Mia Doornaerts Fazit: „Man sollte nicht nach einer europäischen Identität suchen, wo sie nicht ist, nämlich bei einem nicht existierenden europäischen Bürger. Sie existiert schon längst in der Welt der Literatur, der Wissenschaft und Kultur […]. Wenn jemals ein europäischer Bürger geschaffen werden soll, dann wird er nicht mit politischen Slogans kommen. Viel wichtiger ist eine Bildung, die das gemeinsame kulturelle Erbe Europas nicht über Bord wirft, sondern schätzt.“

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 26. Juli 2019

DER JAPANISCHE WEG

Japans Ministerpräsident Abe hat die Oberhauswahlen des 21. Juli gewonnen. Damit kann er seine Politik fortsetzen. Das betrifft vor allen Dingen den Umgang mit dem demografischen Wandel. Im Reich der aufgehenden Sonne setzt man auf Kompetenz und Technisierung, nicht auf Massenzuwanderung.

WEG VON DUBLIN

Kaum als EU-Kommissionschefin designiert, sorgt Ursula von der Leyen mit einem Geständnis für Aufsehen: Das Dublin-System habe ihr nie eingeleuchtet. Dabei basiert es auf nachvollziehbaren Überlegungen. Wie aber stellt sie sich von der Leyen eine Reform der Asylzuständigkeitsregeln vor?

DIE SPÖ VOR DER NATIONALRATSWAHL

Am 29. September wählt Österreich ein neues Parlament. Die thematischen Schwerpunkte der Sozialdemokraten und ihr „Problem an der Spitze“. In Umfragen liegt die SPÖ 15 Prozent hinter der ÖVP und nur knapp vor den Freiheitlichen, die Schritt für Schritt wieder Boden gut machen.

KURZARBEIT UND STELLENABBAU

Heftiges Wetterleuchten am Horizont: Die bundesdeutsche Wirtschaft gerät angesichts eines immer komplizierteren weltwirtschaftlichen Umfelds in schwieriges Fahrwasser. Manche Zahlen, die in der jüngsten Vergangenheit gemeldet wurden, muten sogar dramatisch an.

UNTERSCHIEDLICHE STANDARDS

Die folgenschwere Gewaltattacke auf Hockenheims langjährigen SPD-Oberbürgermeister Dieter Gummer war überregional keine größeren Schlagzeilen wert. Es wird zuweilen sehr einseitig darüber entschieden, von welchen Gewalttaten Leser, Hörer oder Zuschauer wie viel erfahren.

HISTORIKER, SOZIOLOGE, AUTOR,
INVESTOR

Die vier Leben des Rainer Zitelmann. Seine Auffassungen und Ansichten sowie sein neues Buch „Die Kunst des erfolgreichen Lebens: Weisheiten aus zwei Jahrtausenden von Konfuzius bis Steve Jobs“.

EIN LANGES UND REICHES LEBEN

Vor 150 Jahren starb der Universalgelehrte und Maler Carl Gustav Carus. Er wird heute meist als Freund Caspar David Friedrichs wahrgenommen. Sein Werk aber bietet unendlich viel mehr Ansätze für eine Einordnung und Würdigung.

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