Nr. 44 vom 25.10.2019

Nr. 44 vom 25.10.2019

Standpunkt

Starke europäische Bande

Der schottische Schriftsteller Thomas Carlyle – in Deutschland vor allem durch sein Buch „Geschichte Friedrichs II. von Preußen“ bekannt – formulierte mit der „Great Man Theory“ die vorrangig auf das Wirken einzelner Persönlichkeiten abstellende Richtung der Geschichtsphilosophie: „Die Weltgeschichte ist nichts anderes als die Biographie großer Männer“ – und natürlich Frauen, wie man ja nicht erst seit Jeanne d’Arc und Katharina der Großen ganz genau weiß. Wenn Carlyle heute nach Argumenten für seine Sichtweise suchen würde, könnte er sich den britischen Premierminister Boris Johnson nicht entgehen lassen. Wie auch immer das Tauziehen endet, selbst der „Spiegel“, der Johnson gerne als Verrückten abstempeln wollte, musste nun einräumen: „Johnson hat geschafft, was bis vor Kurzem noch für nahezu unmöglich gehalten wurde. Er hat der EU neue Zugeständnisse beim Brexit-Deal abgerungen – und es gibt eine reelle Chance, dass das britische Parlament dem Abkommen zustimmt.“ Tatsächlich hat das Unterhaus der „European Union Withdrawal Agreement Bill“ bei der zweiten Lesung am 22. Oktober 2019 abgesegnet (nicht aber Johnsons Zeitplan).

Es ist eine Banalität, doch angesichts der hysterischen Schwarzmalerei hielt es der englische Journalist und Intellektuelle David Goodhart für geboten, sie im Interview mit „Le Figaro“ vom 16. Oktober auszusprechen: „Großbritannien wird nach dem Brexit nicht im Meer versinken.“

Natürlich bleibt das Königreich ein Teil Europas, das ist nur denjenigen schwer begreiflich, die ein politisches Konstrukt mit einem geschichtsträchtigen und kulturreichen Kontinent mutwillig verwechseln. Die Briten bleiben die Briten, auch wenn – oder gerade weil – sie nun ihren eigenen Weg gehen wollen. Großbritannien verliert seine europäische Identität genauso wenig, wie dem übrigen Europa der britische Beitrag zu seinem Wesen abhandenkommt. Der „Single Market“ und die Zollunion können so mächtig gar nicht sein, dass sie Jahrhunderte gemeinsamer (Ideen-)Geschichte und gegenseitiger kultureller Durchdringung, die Großbritannien und den Rest Europas für immer aneinander geschmiedet haben, überwögen.

Interessanterweise nämlich brach sich auch mit dem Brexit-Votum etwas Bahn, das nicht auf die britischen Inseln beschränkt ist, sondern in den meisten europäischen Ländern in mehr oder weniger starker Ausprägung anzutreffen ist. Großbritannien ist auch in dieser Frage keinesfalls entkoppelt vom Kontinent.

Die Sorgen der „Somewheres“,
die Eitelkeit der „Anywheres“

Für David Goodhart geht es hier um den Konflikt zwischen „Somewheres“, also solchen, die an gewisse Orte dauerhaft gebunden sind oder gebunden sein wollen, und „Anywheres“, elitären Kosmopoliten, die sich notfalls überall eine transkulturelle Heimat einrichten können (inklusive eigener Methoden der Abgrenzung wie Habitus oder – etwas konkreter – Gentrifizierung). Überall dort, wo der sogenannte Populismus Erfolge erzielt, haben die „Somewheres“ sich und ihren Interessen Geltung verschafft, lautet eine der Thesen, die man in Goodharts 2017 erschienenem Buch zum Brexit lesen kann.

Dass sich gerade in Großbritannien und den USA mit dem Brexit bzw. der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten die politischen Ansichten der „Somewheres“ durchsetzen konnten, erklärt er mit dem in beiden Ländern herrschenden Zweiparteien-System: In Kontinentaleuropa absorbiert der Parteienpluralismus divergierende Meinungen zu einem guten Teil, die bipartisan geprägten Länder ermöglichen deutlicher zugespitzte Wahlentscheidungen.

In Großbritannien und den USA finde man nichtsdestoweniger eine innerparteiliche Spaltung. So gebe es bei den Tories solche, die einen „harten“ Brexit befürworten, und solche, die eher einen Austritt à la Theresa May wollten, während manche Parlamentarier der Labour Party nicht müde werden, zu sagen, dass sie das Mehrheitsvotum für den Brexit in den von ihnen repräsentierten Gegenden im Norden und in den Midlands respektieren werden. Doch aus narzisstischen Gründen hätten diese „Linken“ nicht einmal für den May-Deal stimmen wollen. (Im Übrigen glaubt Goodhart, dass Johnsons Vorschlag besser ist, der auch den Schwierigkeiten in Nordirland gerecht werden kann.)

Die „Anywheres“ sind in seinen Augen die Verlierer im Brexit-Referendum, und zwar schlechte Verlierer, wie er im „Figaro“ erklärte. Sie seien es schlicht nicht gewohnt, dass „ihre Autorität und ihre ‚politischen Visionen‘ infrage gestellt werden“. Goodhart erkennt eben darin eine große Portion von dem Narzissmus, der auch zu der aktuellen Krise beigetragen habe.

Ein Durcheinander, mag sein, aber ein demokratisches

Goodhart findet es „hysterisch“ wegen des Brexits von einer demokratischen Krise zu sprechen. Im Gegenteil spricht er hier von einer funktionierenden Demokratie. Im Gespräch mit „Le Figaro“ führt er aus: „Das Vereinigte Königreich erlebt eine verrückte Krise, aber wir hatten zuvor eine politische Krise! Nämlich eine Krise der Nichtrepräsentation zahlreicher Meinungen.“

Goodhart meint, dass entgegen der auch von hiesigen Medien verbreiteten Ansicht eine Mehrheit der Briten dafür ist, den Brexit durchzuziehen – nicht unbedingt, weil sie so abgestimmt haben, sondern weil sie die demokratische Entscheidung von 2016 respektiert sehen wollen. „Man muss wissen, dass ein Teil der Leute, die für einen Verbleib in der EU gestimmt haben, glauben, dass man sie nun verlassen sollte, um dem Willen des Volkes gerecht zu werden. Wie in meinem Fall. Das heißt, dass 65 Prozent der britischen Bevölkerung immer noch gehen wollen.“

Goodhart sagt: „Ja, wir sind in einem großen Durcheinander, aber demokratisch! Das ist alles nichts Neues, wir produzieren politische Dramen seit Shakespeare.“ Und was könnte britischer sein?

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 25. Oktober 2019

ZDF: WARUM NICHT MIT OFFENEN
KARTEN?

Kürzlich präsentierte das ZDF eine Bundestagsabgeordnete der „Grünen“ als gewöhnliche Kundin einer Bio-Lebensmittelkette, die Produkte einer Hirsemühle aus ihren Regalen verbannt hatte, weil der Betreiber der AfD nahesteht. Die „Kundin“ – in Wahrheit die „grüne“ Politikerin Monika Lazar – begrüßte den Boykott.

SYRIEN-KRIEG: WAS KANN PUTIN ZUM
FRIEDEN BEITRAGEN?

Der Schlüssel zur Beendigung der von der Türkei zu verantwortenden neuerlichen Eskalation könnte in Moskau liegen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat betont, dass sein Land bereit sei, einen „Dialog zwischen den Kurden und Damaskus“ zu fördern. Wie die Putin-Regierung jetzt vorgehen will.

BERECHTIGTE PANIK?

Immer wieder wird als Argument dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland Einwanderung großen Stils benötige, die Wirtschaft ins Spiel gebracht, die unter dem demografischen Wandel so sehr leide, dass sie auf Fachkräfte aus der Fremde dringend angewiesen sei. Was stimmt?

ÖSTERREICH: ALLE OPTIONEN OFFEN

Die Alpenrepublik nach der Wahl: Nach ersten Sondierungsgesprächen zwischen ÖVP-Chef Sebastian Kurz und SPÖ-Obfrau Pamela Rendi-Wagner zeigten sich beide Seiten vorsichtig optimistisch. Kommt also eine Neuauflage der Großen Koalition? Entschieden ist nichts.

OPTIMISTISCH, ABER NICHT OHNE
SORGEN

Gemäß aktueller Shell-Jugendstudie beklagen 68 Prozent der 12- bis 25-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland, dass man nicht offen über bestimmte Themenfelder diskutieren könne. Außerdem verschweige die Regierung der Bevölkerung die Wahrheit, findet eine Mehrheit der jungen Leute.

PROBLEMATISCHES VERGNÜGEN

Urlaub auf dem Meer ist so stark gefragt wie selten zuvor, die Kreuzfahrtbranche wächst und wächst. Doch der anhaltende Boom hat eine ausgeprägte Schattenseite, denn kaum ein anderes Fortbewegungsmittel stößt so viele Schadstoffe aus wie die riesigen Pötte der Tourismusindustrie, die schwimmenden Städten gleichen.

REISEN IM SCHLAF

Spätestens seit Klima- und Umweltschutz Tag für Tag an Präsenz und Aufmerksamkeit gewinnen, rückt die Reise auf Schienen wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit. Während die Österreichischen Bundesbahnen die Potenziale des Nachtzugs erkannt haben, scheint die Deutsche Bahn sich an dessen Renaissance nicht beteiligen zu wollen.

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