Nr. 43 vom 18.10.2019

Nr. 43 vom 18.10.2019

Standpunkt

Ein schlimmes Signal an junge Leute

Auf einflussreiche Freunde konnte Dr. theol. Carsten Rentzing, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, in der Not nicht bauen. Denn ein vernehmlicher Hinweis auf die im christlichen Glauben zentrale Vergebung oder auf den Gedanken der Verjährung, der doch erst recht greifen muss, wo gar keine Straftat vorliegt, blieb aus.

Bischof Rentzing befand sich schon seit Mitte September unter zunehmendem Druck. Anfangs hielt man ihm die Tatsache vor, dass er, 1967 in West-Berlin geboren, als Student in Frankfurt am Main in der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia (einer schlagenden Verbindung im Coburger Convent, dem Dachverband von akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften, nicht der Burschenschaften) aktiv wurde. Und auch, dass er dieser Korporation gemäß dem Lebensbundprinzip weiter als Alter Herr angehört. Dann warf man ihm vor, im Dezember 2013, eineinhalb Jahre vor seiner Wahl zum Landesbischof, einen Vortrag („Kirche in der Krise – Wohin treibt die EKD?“) bei der Bibliothek des Konservatismus gehalten zu haben. Schließlich förderten seine innerkirchlichen Kontrahenten einige Artikel zutage, die Rentzing in den Jahren 1989 bis 1992 in einem praktisch unbekannten Miniaturblatt mit dem Titel „Fragmente. Das konservative Kulturmagazin“ veröffentlichte. Die daraus bekannt gewordenen Stellen haben den Duktus eines ganz jungen Mannes, der sich mit Fragen von Staat und Gesellschaft auseinandersetzt und mit entsprechend großer Geste seine fast unvermeidlicherweise unausgegorenen Überlegungen in den Raum stellt.

Sonderbarerweise finden die Demokratie, zu der es doch überhaupt keine sinnvolle Alternative gibt, auf teils schockierende Art relativierende Sprüche, die heute von ausgewachsenen Stützen der bundesdeutschen Gesellschaft verbreitet werden, nicht den gleichen Widerspruch wie die dreißig Jahre alten Überlegungen des geistigen Adoleszenten Rentzing. Ein Fenster des Münchner Prinzregententheaters – Rechtsträger ist der Freistaat Bayern – ist zum Beispiel mit dem Satz „dekoriert“: „Demokratie ist ein wertvolles Gut, aber sie wird gefährlich, wenn die Mehrheit zum Bösen tendiert.“ Das wird wohl deshalb widerspruchslos so akzeptiert, weil es sich mutmaßlich gegen „rechts“ richtet. Dabei zeigt sich hier letztlich dasselbe „elitäre“ Denken, dem Rentzing einst angehangen haben soll.

Bekenntnis zum Grundgesetz

Ein interessantes Licht wirft ein Text Rentzings aus dem Jahr 1989, von dem der MDR einen Auszug im Faksimile veröffentlichte, auf den jungen Mann. Darin heißt es: „Das 1949 verabschiedete GG der Bundesrepublik Deutschland gibt der Gesellschaft ganz klare Grundwerte vor, auf die man sich im Großen und Ganzen allgemein verständigte. […] Es war das deutsche Volk, das sich hiermit explicit eine vorübergehende staatliche Ordnung gab. Niemals gab es auch nur den leisesten Zweifel, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland um den Rumpf eines Nationalstaates(!) handelte, der wiederhergestellt werden sollte. Auch die sonstigen Werte Freiheit, Würde und als Keimzelle des Staates die Familie, waren Gemeingut.“ Diese „Grundfesten des Staates“ sah der junge Mann nun in Gefahr, bemängelte zum Beispiel, dass die Leistung von Hausfrauen nicht mehr genügend gewürdigt werde, oder sorgte sich um die „geradezu lawinenartig gewachsenen Scheidungsraten“. Das waren gewiss konservative, doch das Grundgesetz und übrigens auch das darin enthaltene, seinerzeit oft missachtete Wiedervereinigungsgebot respektierende Gedanken.

Joschka Fischer – ein Vergleich

Der Theologe Rentzing bekundet heute, dass er sich für seine alten Texte schäme (für sein Bekenntnis zum Grundgesetz wird dies, das darf man zu seinen Gunsten wohl unterstellen, nicht gelten). Diese Distanzierung aber reicht offenbar nicht. Es gibt im Falle Rentzing, anders als bei der Wandlung des Joschka Fischer vom Anführer der gewalttätigen Frankfurter „Putztruppe“ zum deutschen Außenminister, kein Pardon. Dabei hat Rentzing, der sich von vornherein dem geistigen Diskurs zuwandte und auf diesen beschränkte, im Unterschied zu Fischer durch sein abgeschlossenes Studium der Theologie und die anschließende Promotion einen sichtbaren Beweis dafür abgelegt, wie sich sein Denken entwickelt hat, wie es fundierter und differenzierter geworden ist.

Was erwartet man von ihm noch? Was müsste der nicht vorbestrafte, unbescholtene Theologe tun, um zur „Resozialisierung“ zu gelangen? Das Landeskirchenamt teilte am 13. Oktober mit, die Kirchenleitung halte zwar „die Distanzierung des Landesbischofs von seinen Positionen vor 30 Jahren in Anbetracht seiner Arbeit in unserer Landeskirche für glaubwürdig“. Doch: „Sie hat aber auch die Problematik gesehen, dass eine solche öffentlich gewordene Vergangenheit das Handeln als Landesbischof und Repräsentant der Landeskirche gegenüber der Öffentlichkeit nachhaltig beeinträchtigen würde.“ Wird man ihm nun noch eine Pastorenstelle zubilligen? Oder steht seine „Vergangenheit“ auch dem entgegen?

Im Deutschlandfunk erhob der Journalist Philipp Greifenstein nach Rentzings Rücktritt sogar noch weiter gehende Forderungen. So habe dieser „eben noch nicht deutlich gemacht, wie er zum Beispiel mit den Freundschaften und Bekanntschaften aus dieser Zeit bis heute verfährt“. Sollte Rentzing etwa gar mit – in biblischen Kategorien – Zöllnern und Huren reden? Wie unchristlich wäre das?

„Trial and error“

Das Schlimmste an der Sache ist das Signal an die Jugend. Wenn das Recht auf Irrtum nicht mehr anerkannt wird, aber Irren doch menschlich ist und bleibt, gibt es nur einen sicheren Weg: nämlich den Mund zu halten. Das aber widerspricht demokratischen Grundsätzen tatsächlich vollkommen. Denn der Willensbildungsprozess in der freiheitlich demokratischen Ordnung ist vom Bundesverfassungsgericht nicht umsonst als ein Prozess von „trial and error“, von Versuch und Irrtum, beschrieben worden. In denselben Bahnen verläuft auch die Entwicklung jedes Einzelnen.

Wenn jemand für seine ersten, aufgrund studentischen Engagements unternommenen Gehversuche im Rahmen der für die Demokratie unentbehrlichen ständigen geistigen Auseinandersetzung noch nach drei Jahrzehnten beruflich vernichtet werden kann, mag dies von Schnüfflern und anderen Akteuren vielleicht als Triumph der eigenen Hypermoral empfunden werden – es ist aber ein Unrecht und wird in weiteren dreißig Jahren vielleicht auch so bewertet werden.

UW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 18. Oktober 2019

WIE KANZLERTAUGLICH IST AKK?

Nur elf Prozent der Bundesdeutschen halten die CDU-Chefin für befähigt, das höchste Regierungsamt zu bekleiden. Auch innerparteilich wachsen die Zweifel. Davon kündet die Forderung der Jungen Union, den Kanzlerkandidaten der CDU per Urwahl zu bestimmen.

DIE KURDISCHE TRAGÖDIE
SETZT SICH FORT

Mit dem Einmarsch der türkischen Armee in nordsyrische Gebiete ist eine neue Eskalationsstufe erreicht. Sind die Kurden tatsächlich dazu verurteilt, „ewige Verlierer“ der Geschichte zu sein?

BREXIT: DIE UHR TICKT

Die britische Königin hat mit der „Queen’s Speech“ die Sitzungen des Unterhauses offiziell wiedereröffnet. Premierminister Boris Johnson bleibt nun wenig Zeit, um sein Land aus der Europäischen Union zu führen.

HOFFNUNG FÜR DIE UKRAINE?

Präsident Wolodymyr Selenskyj, dessen Wahlziel das Ende des Konflikts im Land war, hat der Steinmeier-Formel zugestimmt. Das heißt für die Ostukraine: Abzug der fremden Truppen, freie Wahlen nach internationalen Standards, Sonderstatus. Doch schon werden Stimmen laut, die ihm eine Kapitulation vor Moskau unterstellen.

ABSOLUT BÖSE

Dem Mörder von Halle wird es recht sein, dass er durch seine grausame Schandtat so viel Aufmerksamkeit erfährt wie niemals zuvor in seiner gescheiterten Existenz. Die Gesellschaft muss sich wohl mehr einfallen lassen, als – was sicher auch wichtig ist – die verwerflichen politischen oder religiösen Deckmäntelchen von Tätern zu ächten.

STILLE KATASTROPHE

Die Brandrodungen in Indonesien haben möglicherweise schwere Auswirkungen auf das globale Klima. Zudem sollen mittlerweile eine Million Menschen allein auf Borneo und Sumatra an Atemwegserkrankungen leiden. Und das Biotop der Orang-Utans, die in freier Wildbahn nur auf diesen beiden Inseln vorkommen, geht in Rauch auf

WIR SIND – NACHDENKLICH

Die Bundesregierung setzt derzeit auf von der Agentur Ballhaus West in Szene gesetzte Werbung, die unser aller „Vertrauen in den Rechtsstaat“ stärken soll. Kern des Rechtsstaatsprinzips ist die Unterwerfung der gesamten Staatsgewalt unter das Recht. Wird dem Genüge getan, fördert dies das Vertrauen mehr als eine „Kommunikationskampagne“, zumal wenn sie recht oberflächlich bleibt.

WAS IST „GLOTTOPHOBIE“?

Der französische Linguist Philippe Blanchet hat für sprachliche Diskriminierung den Neologismus „Glottophobie“ eingeführt, der in Frankreich Kreise bis in die hohe Politik zieht. Doch das Konzept lässt sich auf Deutschland nicht übertragen und ist ungeeignet, Kritik an Entwicklungen abzuwürgen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

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