Nr. 42 vom 11.10.2019

Nr. 42 vom 11.10.2019

Standpunkt

Altius, citius, fortius

Für die Schweizer Tageszeitung „Blick“ steht fest: „Deutschland hat einen neuen Sporthelden!“ Und tatsächlich kommt der „König der Athleten“ – Mutter Steirerin, Vater Hesse – aus Mainz und hat den Adler auf seiner Brust bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Katar zu Höchstleistungen geführt. Am Ende des Tages war der 21-jährige Niklas Kaul jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten.

Dass Niklas Kaul tatsächlich gewinnen konnte, war eine der ganz großen Überraschungen der Titelkämpfe im Khalifa-International-Stadion von Doha. Nach dem ersten Wettkampftag lag der junge Deutsche auf einem zwar achtbaren, aber eben doch abgeschlagenen elften Rang. Dann aber legte der Jugend-Weltmeister los. Und wie! Persönliche Bestleistung im Stabhochsprung, Weltrekord im Speerwurf, Glanzleistung über 1.500 Meter: Gold! Für Maicel Uibo aus Estland blieb Silber, für den Kanadier Damian Warner nach zehn Disziplinen Bronze.

Für Geld nicht zu kaufen

„Sport schafft Erlebnisse, die man sich für Geld nicht kaufen kann“, hatte Kaul in einem Interview im vergangenen Jahr noch gesagt. Auch jetzt war es so weit: Trotz so großer Namen wie Jürgen Hingsen, Christian Schenk oder Frank Busemann ist Kaul der erste Sportler seit 1987, der den Zehnkampf-Titel wieder für Schwarz-Rot-Gold erreichte. Damals triumphierte Torsten Voss aus Güstrow noch für die DDR. Es bereite ihm Freude, „einen Teil der großen deutschen Zehnkampfgeschichte weiterzuschreiben“, so Niklas Kaul nach seinem historischen Sieg vor Pressevertretern. Er vergaß dabei auch nicht, Zehnkampf-Weltrekordler und Titelverteidiger Kevin Mayer zu würdigen. Der Lothringer, für Frankreich am Start, hatte in Doha nach dem Stabhochsprung verletzt aufgeben müssen.

Kaul gewann schließlich mit dem Ergebnis von 8.691 Zehnkampf-Punkten; nie war er besser gewesen. Dabei hatte er sich am ersten Wettkampftag mit Magenproblemen geplagt, und auch sonst sprach nach sieben Disziplinen nichts für einen derartigen Triumph. Kaul war ordentlich über 100 Meter gesprintet (11,27 Sekunden), hatte Weitsprung (7,19 Meter) und Kugelstoßen (15,10 Meter) im Rahmen der ihm zugetrauten Möglichkeiten absolviert, musste Probleme im Hochsprung (2,02 Meter) wegstecken und rechnete sich dann nach den Laufstrecken über 400 Meter (48,48 Sek.) und 110 Meter Hürden (14,64 Sek.) einen Platz unter den ersten Zehn aus. Den Diskus schleuderte er über 49,20 Meter, und als er im Stabhochsprung mit 5,00 Metern seine bisherige Bestmarke überwand, da öffneten sich plötzlich neue Möglichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt lag er auf Platz 6 der Gesamtwertung. Als er dann den Speer so weit warf, wie nie ein Zehnkämpfer vor ihm – nämlich auf 79,05 Meter –, da war eine Medaille greifbar nahe. Dass er sowohl im Stabhochsprung als auch im Speerwurf auf weitere Versuche verzichtete, um Kraft und Konzentration zu sparen, spricht von großer Reife und taktischer Disziplin. Kaul nahm vielmehr sein Herz in die Hand und lief über 1.500 Meter in 4:15,70 Minuten der gesamten Konkurrenz davon – und zu Gold! Eine grandiose Leistung! Die deutsche Hymne auf dem Siegerpodest zu hören, das sei für ihn die Erfüllung eines Kindheitstraumes gewesen, schwärmte er.

Nicht von schlechten Eltern

Niklas Kaul – am 11. Februar 1998 in Mainz geboren – versäumte nach seinem Sieg in keiner Stellungnahme, seinen Eltern für die Unterstützung auf seinem Weg zum Weltmeistertitel zu danken. Vater Michael, Chemie- und Physiklehrer und selbst Deutscher Meister von 1993 im 400-Meter-Hürdenlauf, trainiert und berät seinen Sohn gemeinsam mit seiner Frau Stefanie, mehrfache österreichische Meisterin über 400-Meter-Hürden und über 800 Meter. Damals war sie, in Kindberg in der Steiermark zur Welt gekommen, unter ihrem Geburtsnamen Zotter auf den internationalen Laufbahnen erfolgreich. Sie nahm 1994 an den Europameisterschaften in Helsinki teil. Später hat sie Lehramt studiert, und auch hier tritt Sohn Niklas in ihre Fußstapfen. Der 21-Jährige studiert in Mainz Sport und Physik auf Lehramt.

Deutsche Bilanz

Niklas Kaul prägt natürlich die deutsche Bilanz bei der Weltmeisterschaft in Katar. Insgesamt gab es für die Bundesrepublik Deutschland sechs Medaillen. Neben Kaul gewann Malaika Mihambo – geboren in Heidelberg, Vater aus Sansibar –  Gold im Weitsprung. Christina Schwanitz erreichte den dritten Platz im Kugelstoßen, Johannes Vetter im Speerwurf; beide Sportler stammen aus Dresden. Gesa Felicitas Krause aus dem hessischen Ehringshausen gewann Bronze im 3.000-Meter-Hindernislauf, und Konstanze Klosterhalfen aus Bonn kam in einem mitreißenden 5.000-Meter-Lauf als Dritte ins Ziel. ARD-Reporter Claus Lufen leitete das Interview mit einer strahlenden Medaillengewinnerin anschließend mit folgenden Worten ein: „Konstanze, Sie haben heute viel Werbung für die Leichtathletik in Deutschland gemacht. Viele kleine Mädchen möchten jetzt bestimmt auch gerne schnell und lang laufen.“ Das wäre ein wahrhaft schöner Nebeneffekt! Eine solche Vorbildfunktion hat übrigens auch die österreichische Siebenkämpferin Verena Preiner, die über 800 Meter auf großartige Weise zu Bronze lief. Lukas Weißhaidinger aus Schärding am Inn steuerte eine weitere bronzene Plakette für Österreich bei.

Die deutsche Bilanz ist mit Blick auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr insgesamt gewiss noch ausbaufähig, überzeugt allerdings mit individuellen Leistungen junger Sportler, die auch 2020 bei der Vergabe der ersten Plätze in Tokio ein Wörtchen mitreden dürften.

Sven Eggers

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 11. Oktober 2019

BREXIT: VERLÄNGERUNG ODER FINALE?

Die Lage bleibt kompliziert, doch Großbritanniens Premierminister gab sich beim Tory-Parteitag vergangene Woche einmal mehr kämpferisch: „Mein Deal oder kein Deal“, so seine Ansage an Brüssel, wo man sich nach wie vor unbeweglich gab. Boris Johnsons Schicksalstage.

KURZ: RÜCKSICHT AUF DIE BÜRGER

In der CDU blickt man mit Verunsicherung auf den Erfolg ihres österreichischen Pendants. Was kann man von Sebastian Kurz und den türkis gewordenen Schwarzen lernen? Was lässt sich von deren Erfolgsrezept von der Merkel-AKK-CDU überhaupt übernehmen?

GEFÄHRLICHE STRUKTUREN

Erstmals hat das Bundeslagebild Organisierte Kriminalität in einem Sonderkapitel das Thema Clankriminalität in den Blick genommen. Unterdessen warnt ein Experte davor, dass Gruppen der OK zunehmend staatliche Behörden unterwandern könnten.

HERAUSFORDERER DES
US-PRÄSIDENTEN

Das Feld der Bewerber für die US-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr hat sich weiter gelichtet. 19 potenzielle Kandidaten aber stehen noch bereit, unter ihnen Joe Biden, dessen Sohn im Mittelpunkt der „Ukraine-Affäre“ steht. Welche Demokraten Donald Trump 2020 das Amt streitig machen wollen und wie ihre Chancen stehen.

ES FEHLT EINE UNABHÄNGIGE INSTANZ

SPD und „Grüne“ wollen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verschärfen. Dabei registrierte „Reporter ohne Grenzen“ schon bis Mitte letzten Jahres viele Fälle von Blockieren legaler Inhalte und kritisiert, die Bundesregierung habe „mit dem NetzDG private Unternehmen zu Richtern über die Presse- und Informationsfreiheit im Netz gemacht, ohne eine öffentliche Kontrolle des Löschverfahrens sicherzustellen“.

DIE FAHRGASTZAHL VERDOPPELN

In den kommenden Jahren dürfte kein anderes deutsches Unternehmen so stark von der Energiewende und der Klimapolitik der Bundesregierung profitieren wie die Deutsche Bahn. Ist man gerüstet? Die DB will im nächsten Jahrzehnt das größte Modernisierungsprogramm ihrer Geschichte auflegen.

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