Nr. 36 vom 30.8.2019

Nr. 36 vom 30.8.2019

Standpunkt

Besorgte Presse

Die besorgte Presse, die 2015 den besorgten Bürger erfunden hat, ist jetzt noch viel besorgter, weil dieser Bürger sein Missbehagen an der von einer sorglosen Politik gesteuerten Richtung bei Wahlen kräftig zum Ausdruck bringt. Dabei ist der besorgten Presse keine Vergröberung zu grob, kein Bild zu plump. Der besorgte Bürger erwartet von der Politik eine umfassende Nachhaltigkeit, so dass das Land nicht von einer Generation zur nächsten seine Züge verliert. Die besorgte Presse fordert, dass der Bürger sich politisch nicht neu orientiert. Wessen Sorge ist in einem demokratisch verfassten Staat legitimer?

Ein Begriff wird aus der Versenkung geholt

In der Titelgeschichte „So isser, der Ossi“ des „Spiegel“ vom 24. August 2019 erfährt man angeblich: „Wie der Osten tickt – und warum er anders wählt“. Zu den Albträumen des Autors, Steffen Winter, gehören ein Schulfreund, der „plötzlich Fraktionschef der AfD im Stadtrat“ sei, und ein befreundeter Dachdecker, der „für die Partei im Kreistag“ sitze. Diese Partei ist überhaupt die teils ausgesprochene, teils unausgesprochene Hauptzielscheibe des knapp elfseitigen Beitrags, der vorgibt, ein „Blick in die ostdeutsche Seele“ zu sein. Dieselben Kreise, die bekanntlich kein Problem damit haben, wenn die Existenz einer deutschen Kultur schlechthin in Abrede gestellt wird – was wissenschaftlich unhaltbar ist –, postulieren mir nichts dir nichts eine „ostdeutsche Seele“, für die es nun wirklich keinen wissenschaftlich akzeptierten Anhaltspunkt gibt. Es handelt sich vielmehr um plumpen Kollektivismus und das Schüren von Zwist und Vorurteilen um eines billigen Vorwahlzwecks willen, wozu der von Anfang an idiotische Begriff „Ossi“ wieder aus der Versenkung geholt wird, den kein denkender Mensch mehr hören will, gegen den sich jeder in den gar nicht mehr „neuen Bundesländern“ verwahrt und der wirklich das ist, was man von der deutschen Nation nicht sagen kann: konstruiert.

Westdeutsche sind nicht wie ihre Medien

Wenn es etwas gibt, was das Potenzial zu einem Zerwürfnis zwischen einem Teil der Bewohner des Westens und einem Teil der Bewohner des Ostens der Republik hat, dann sind es diese Titelbilder, für die der „Spiegel“ Spezialist ist. Es ist tatsächlich eine Sorge zu verspüren, Westdeutsche würden ihre Landsleute östlich von Elbe und Werra mit einem ähnlich negativ-beckmesserischen Kritikasterblick betrachten, mit dem die hiesigen Presseorgane das tun.

Zum Glück ist es aber gar nicht so, zum Glück freut sich ein erheblicher Teil der Westdeutschen über die politische Renitenz der Mitteldeutschen sowie der in Mecklenburg-Vorpommern ansässigen Norddeutschen – und wenn man beieinander ist, herrscht meist herzliches Einvernehmen, wo nicht die mediale Gehirnwäsche gefruchtet hat. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ stand ja in ihrer Ausgabe vom 22. August 2019 mit dem Titelbild „30 Jahre nach dem Mauerfall – Warum wir uns nicht mehr verstehen“ dem „Spiegel“ an faktenfreier Kreativität nicht nach. Interessanterweise trägt der in der Wochenzeitung enthaltene Beitrag die Titelbehauptung in keiner Weise.

Durfte Herr Lenke die CDU verlassen?

Ein zweiter Punkt, der zur Entfremdung beiträgt, ist der Versuch, das Anderswählen im Osten der Republik als Ausdruck mehr oder weniger gescheiterter Biografien darzustellen. Kostprobe aus dem Machwerk von Steffen Winter, der über einen 54-jährigen erfolgreichen Zahntechnikermeister aus Dresden, Rudolf Lenke, so berichtet: „Die CDU hat er 2015 verlassen, am 1. September will er AfD wählen. Was ist schiefgelaufen im Leben des Zahntechnikers?“

Ja, was ist schiefgelaufen im Leben eines Mannes, der die CDU verlässt? Und was im Leben eines Mannes, der sich einer anderen Partei zuwendet? Und das noch dazu im Jahr 2015, als die CDU ein in dieser Form noch nicht bekanntes, dem eigenen Volk abgewandtes, ihm gegenüber hartes und gefühlloses Gesicht zeigte? Natürlich ist nichts schiefgelaufen im Leben eines solchen Mannes, eher etwas in der Geschichte des Volkes, dem er angehört.

Kurzes Aufatmen

Aber wo die Gefahr am größten, da ist das Rettende nah: Zum Beispiel in Form des 64-jährigen Leipziger Farbengeschäftsinhabers Lutz Damm, der „sich damals unter der SED-Herrschaft arrangiert“ hat und dies „auch heute tut“. Dieser nervenstarke Mann ist nämlich für Steffen Winter „der Gegenentwurf des besorgten Bürgers, der in der Eisenbahnstraße vor allem eine No-go-Area sieht“. Und es kommt noch besser: „Bei der Europawahl hat er nach eigenem Bekunden die Grünen gewählt, die in Leipzig stärkste Kraft wurden. Es gibt weltoffene, tolerante, großstädtische Milieus, die auch in den wenigen anderen Großstädten im Osten existieren.“ Hoffnung keimt auf!

Opposition, eine neue Geisteskrankheit?

Am Ende des Beitrags wird eine abweichende politische Meinung nach alter sowjetischer Methode direkt ins Reich der Psychopathologien verwiesen. Da findet sich nämlich der Appell an „die anderen Parteien“ (also alle außer der AfD), „ihre potenziellen Wähler zwischen Prenzlau und Leipzig, Spremberg und Bitterfeld trotz all ihrer Ängste und Neurosen ernst zu nehmen“. Es muss ein schönes Gefühl sein, wenn man sich so sicher ist, dass die anderen – die Andersdenkenden – die „Verrückten“ sind und man selber der „Normale“.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 30. August 2019

ENTSPANNT EUCH!

Die Ablösung herrschender Eliten bestimmt den Gang der Weltgeschichte. In der Demokratie, die Herrschaft nur auf Zeit vermittelt, ist sie sogar das Kennzeichen für das Funktionieren. Daher ist es keine Tragödie, wenn viele Deutsche nun eine andere Kraft wählen als die allgegenwärtige „Globalpartei“.

WAS BRACHTE DIE MAASSEN-DEBATTE?

Der Angriff von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf den vormaligen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes hat sich als politisches Eigentor erwiesen und konservative Wähler abgeschreckt.

KEIN INTERESSE AN NEUWAHLEN

Das Tauziehen um die Macht in Italien ist in die entscheidende Phase getreten. Viele Kräfte haben ein Interesse daran, Neuwahlen zu verhindern. Was bleibt dann von der Handschrift Matteo Salvinis?

ÖSTERREICH: HEISSE
WAHLKAMPFPHASE

Am 29. September wählt Österreich den neuen Nationalrat. Für großes Aufsehen sorgte der Auftritt von Schauspielerin Christiane Hörbiger, deren Herz für Sebastian Kurz schlägt. Währenddessen tut sich die SPÖ unter Pamela Rendi-Wagner im Wahlkampf schwer.

ZIELE HINTER DEN PHRASEN

Seit Juni kommt es in Hongkong regelmäßig zu Massenprotesten – hierzulande wird über die Hintergründe meist selektiv berichtet. Mancher Unterstützer der angeblichen Demokratiebewegung verfolgt ganz eigene Ziele und die Schlüsselfigur Jimmy Lai unterhält seit langem enge Beziehungen in die Chefetagen der US-Regierung.

PANIKMACHE AUF DER ZIELGERADEN

In Großbritannien sorgt ein geheimes Regierungspapier für Aufsehen. Premierminister Boris Johnson bleibt auf Brexit-Kurs: „Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass Großbritannien aufblühen wird, nachdem es die EU verlassen hat, egal ob mit oder ohne Deal.“

UNSER FREUND, DER BAUM

Dass urbane Grünanlagen und insbesondere Bäume die psychische und allgemeine Gesundheit fördern sowie das Depressionsrisiko der Stadtbevölkerung lindern, haben Studien, nun zum ersten Mal auch neuronal, nachgewiesen. Bei der Stadtplanung muss Begrünungsmaßnahmen also größere Bedeutung zugemessen werden.

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