Nr. 9 vom 20.2.2015

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Standpunkt

Tag der Muttersprache

Dass die Bild-Zeitung nicht zu Deutschlands größten Sprachwahrern zählt, dürfte niemanden überraschen. Sie ist bekannt für ihren plakativen Duktus. Gerade einmal vier Wörter umfasse der durchschnittliche Satz in der „Bild“, rechnete der Journalist Wolf Schneider einmal vor. Günter Wallraff attestierte Deutschlands größter Tageszeitung sogar einen „infantilen Stammel- und Kahlschlagstil“. Kurze Sätze, kurze Wörter – viel kann da eigentlich nicht schiefgehen. Denkt man.

Das „Fashion-Disaster“, von dem die „Bild“ vergangene Woche im Zusammenhang mit dem Auftritt der Ehefrau des US-Musikers Pharrell Williams bei der „Grammy“-Verleihung sprach, war einer der peinlichen Fehler, die dem achtlosen Umgang mit der eigenen Sprache entspringen. Denn bei diesem „Disaster“ handelte es sich nicht um die bewusste Verwendung einer englischen Vokabel. Darauf weist die Kopplung der beiden Wörter hin.

„Disaster“ hört man oft. Weil es auf Englisch so heißt. Entstanden aus der lateinischen Silbe dis- und dem Substantiv astrum bezeichnet das Wort ein Unheil, ein Missgeschick, ein schlimmes Unglück, einen Zusammenbruch. Im Deutschen heißt es schriftlich wie mündlich „Desaster“.

Sprechen wir also wieder über Anglizismen, zu denen auch Grammatikkonstruktionen und Redewendungen gehören. Zum Beispiel „macht keinen Sinn“ – eine wörtliche Übersetzung von „makes no sense“. Auf gut Deutsch heißt es aber „ergibt keinen Sinn“.

„Nicht wirklich“ hört sich für deutsche Ohren nicht fremd an, doch „eigentlich nicht“ wäre die bessere Alternative zu „not really“. Auch die Steigerung folgt immer häufiger dem englischen Beispiel, wenn es anstelle von „immer mehr“ etwa „mehr und mehr“ heißt. Der Duden macht außerdem auf Infinitivkonstruktionen als grammatikalische Anglizismen aufmerksam, die deutsche Sätze mit „man“ verdrängen. Solche also „sind kaum noch zu finden“ („hardly to find“) – anstatt dass man sie kaum noch findet.

Nun geht es nicht darum, Anglizismen und Sprachentwicklung unreflektiert zu verteufeln. Sprache ist wandelbar und war zu allen Zeiten den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt. Wohl aber geht es um Ehre und Wert der deutschen Sprache, über die man sich Gedanken machen sollte. Nicht nur, weil die Vereinten Nationen den 21. Februar zum Internationalen Tag der Muttersprache ausgerufen haben.

Dazu erklärt die UNESCO, Initiatorin des Gedenktages: „Sprachliche und kulturelle Vielfalt repräsentieren universelle Werte, die Einheit und Zusammenhalt einer Gesellschaft stärken. Der Internationale Tag der Muttersprache erinnert an die Bedeutung des Kulturgutes Sprache. Er soll die Sprachenvielfalt und den Gebrauch der Muttersprache fördern und das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken.“ Sinnvoll.

AW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 20. Februar 2015

WOVOR HABEN SIE EIGENTLICH ANGST?

Unterstellt man jemandem (unbegründete) Ängste, ist das auch eine Methode, einer echten Diskussion aus dem Weg zu gehen. Die Bereitschaft, sich von der Berechtigung mancher Sorgen überzeugen zu lassen, fehlt im politischen Geschehen. Dabei lehrt Kierkegaard, dass der Mensch das Fürchten lernen muss, „um nicht ins Verderben zu geraten“.

DIESES WAR DER FÜNFTE STREICH

In Hamburg gelang der AfD zum fünften Mal in neun Monaten der Einzug in ein Parlament. 6,1 Prozent der Stimmen verhelfen ihr in der Hansestadt zu acht Abgeordneten. Bernd Luckes Partei kann es also auch im Westen der Republik. Die größte der AfD nun bevorstehende Herausforderung.

GAUCK IN DRESDEN

Vor lauter Relativierung fiel das Trauern um die Toten des 13. und 14. Februar 1945 letztlich aus. Was der Bundespräsident bei seinem Auftritt vor 1.400 handverlesenen Gästen in der Frauenkirche sagte und was sich sonst in Dresden tat.

GELDWASCHANLAGE HSBC

„Swiss Leaks“: Vertrauliche Dokumente aus der Genfer Niederlassung enthüllen Machenschaften der britischen Großbank HSBC. Was bisher ans Licht kam.

„THE INTERVIEW“

Kinospaß mit Kim Jong-un? Das klingt zum Beispiel so: „Verabreichen Sie ihm eine tödliche Dosis Gift!“ Ha, ha. Bei der US-Komödie „The Interview“, die auch in deutschen Kinos zu sehen ist, handelt es sich um in Klamauk verpackte Propaganda.

ATHEN WÄRMT FORDERUNGEN AUF

So neu und anders die Regierung Tsipras ans Werk geht, in einem Punkt ist sie nicht sonderlich originell: beim Thema Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Rede ist von 11 Milliarden Euro. Wie geht Deutschland mit dem Ansinnen um?

COLUCHE UND SEINE IDEE

Coluche, der französische Kult-Komiker, fragte sich vor 30 Jahren, warum in Frankreich „die Leute nichts zu essen haben“, und gründete die „Restos du Coeur“, die Restaurants des Herzens, eine Gratiskantine für Bedürftige. Seine Erfolgsgeschichte.

FREUDE AM SPIEL

Eine Modelleisenbahn fördert die Feinmotorik und schützt vor Computersucht. Welche Zukunft haben die Modellbahnen? Nicht nur Marktführer Märklin setzt wieder mehr auf den Produktionsstandort Deutschland und „Made in Germany“. Ein Rundgang auf der Nürnberger Spielwarenmesse.

GRUNDRECHTE SCHÜTZEN!

In Leipzig wenden sich Bürgerrechtler der Wende von 1989 gegen Verbote von Kundgebungen. Stichwort: Legida/Pegida. Die Stadt erwecke den Eindruck, Sicherheitsinteressen „politisch zu interpretieren“, heißt es in einem Protestschreiben. Auch am 16. Februar kam das grundgesetzliche Selbstbestimmungsrecht des Veranstalters über Ort und Art der Versammlung in der Messestadt zu kurz.

 

 

 

 

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Nr. 8 vom 13.2.2015

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Standpunkt

Sind wir Griechenlands Vormund?

Führende Politiker des griechischen Kabinetts haben sich in der Vergangenheit für die Rechte der Palästinenser eingesetzt. Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis, der neben der griechischen auch die australische Staatsbürgerschaft besitzt, wurde in diesem Zusammengang 2005 als Radiomoderator des staatlichen australischen Radiosenders SBS gefeuert. Varoufakis war damals der Ansicht., Israels Gaza-Politik und die Grenzbarriere zwischen Israel und dem Westjordanland lediglich in einer Weise kritisiert zu haben, wie dies auch in der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“ üblich sei. Der neue Vizeminister für die griechische Handelsmarine, Theodoros Dritsas, nahm 2009 an einer Schiffsaktion der „Free Gaza“-Bewegung teil. Auch Ministerpräsident Alexis Tsipras äußerte sich wiederholt kritisch über „Brutalität gegen Palästinenser“ und wurde von der „Jerusalem Post“ entsprechend zitiert.

In einem Kommentar für die Tageszeitung „Die Welt“ meint Thomas Weber, Direktor des Centre for Global Security and Governance an der Universität Aberdeen, Varoufakis’ Ansichten seien „typisch für die Syriza-Mitglieder des neuen griechischen Kabinetts“. Weber zeigt sich besorgt: „Ähnlich wie die griechische Regierung bereits die Anti-Putin-Linie der Europäischen Union unterminiert, wird sie versuchen, den Nahost-Kurs der EU aus der Bahn zu werfen.“ Kaum verwunderlich, dass er auch hier die deutsche Außenpolitik in der Pflicht sieht: „Ein deutliches Entgegentreten in Europa gegen die Israelfeindlichkeit der neuen griechischen Regierung muss gleichen Rang haben wie die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.“

Dabei übergeht Weber nicht nur, dass Besorgnis über diese oder jene Handlung der israelischen Regierung vielfach Motive hat, die alles andere als feindlich gegenüber dem Staat Israel sind. Es stellt sich auch die Frage, ob es Deutschland Sympathien in Griechenland bringt, wenn sich die Bundesregierung auch noch in die Nahost-Politik der Regierung Tsipras einmischt.

Alexander Frisch

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 13. Februar 2015

HÄLT MERKEL DURCH?

Es war wichtig, dass die Kanzlerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Minima Moralia markierte: Keine deutschen Waffen gegen Russland. Und es war richtig, dass sie gemeinsam mit dem französischen Präsidenten um eine diplomatische Lösung rang, auch wenn die Springer-Presse ihr mit Sprüchen wie „Merkel redet, Putin schafft Fakten“ zusetzte.

NEUKÖLLN: BESSER ALS SEIN RUF

Als Heinz Buschkowsky, der bundesweit bekannte Bürgermeister des Berliner Bezirkes Neukölln, Ende Januar wegen „Dienstunfähigkeit“ überraschend seine Versetzung in den Ruhestand beantragte, bedeutete das das Ende einer Ära. Was der streitbare SPD-Politiker hinterlässt.

WER GEHÖRT ZUR ZIVILGESELLSCHAFT?

Der Politologe Werner Patzelt schreibt in einer Studie, die meisten Pegida-Teilnehmer seien „besorgte und empörte Bürger“, und rät, Politik und Zivilgesellschaft sollten mit den gutwilligen Demonstranten ins Gespräch kommen. Sind Strömungen wie Pegida nicht selbst Teil der vielbeschworenen Zivilgesellschaft?

BIS MAI 2016 IN MALI

Die Bundesregierung will den Einsatz der Bundeswehr im Rahmen der EUTM in Mali bis Mai 2016 verlängern. Letzte Woche lobte Außenminister Frank-Walter Steinmeier, „dass die breite Unterstützung des Deutschen Bundestages gewähleistet ist“. Dabei ist klar: Es geht dem Westen nicht nur um Menschenrechte und Terrorbekämpfung, sondern um die Ressourcen der Region.

AUF DEM WEG ZUR WIRTSCHAFTSDIKTATUR?

Die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TiSA sind nicht im Interesse der Bürger. Sie führen zu einer Verlagerung der Macht hin zu globalen Großkonzernen und sind geeignet, die Demokratie auszuhebeln. Der Widerstand wächst.

WUTBÜRGER-VERSTEHER

„Egal, ob es einem gefällt oder nicht: Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational.“ Das sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel vergangene Woche im Rahmen eines Interviews. Dafür muss er reichlich Medienschelte über sich ergehen lassen.

DEUTSCHE ROMANTIK IN KAMBODSCHA

Die irakische Architektin Zaha Hadid entwickelt das „Sleuk Rith Institut“ in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, das als Archiv, Schulungszentrum und Gedenkstätte für die Opfer der Roten Khmer dienen soll. Was hat Karl Friedrich Schinkel damit zu tun? Die Darstellung ihrer Entwürfe orientiert sich an seinem Denkmalprogramm der Befreiungskriege – mit tiefen symbolischen Aussagen.

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Nr. 7 vom 6.2.2015

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Standpunkt

Sünde

Einen Widerspruch konnte der jetzt mit 94 Jahren verstorbene Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zeitlebens nicht auflösen. Sein Vater Ernst von Weizsäcker, von 1938 bis 1943 Außenstaatssekretär des Dritten Reiches, traf aus Sicht des Sohnes moralische Entscheidungen und soll im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess zu Unrecht verurteilt worden sein. Doch die Deutschen in ihrer Gesamtheit hatten, so hieß es in des Sohnes Rede im Bundestag in Bonn vom 8. Mai 1985, die deutsche Teilung als „Ergebnis der Sünde“ zu betrachten. Bei dem unmöglichen Versuch, das Niveau einer unterstellten kollektiven demjenigen der familiären Verstrickung anzugleichen, bürdete Richard von Weizsäcker dem Volk auf, was er seinem Vater abnahm. Eigentlich eine traurige Geschichte.

Wer hatte während des Zweiten Weltkriegs schon Einblicke wie Ernst von Weizsäcker, dem der Sohn in den 1997 erschienenen Erinnerungen zugutehält, „seine Informationen, sein Argwohn und seine Phantasie“ hätten „bei weitem nicht ausgereicht, um sich ein wahres Bild vom Holocaust zu machen“? Wie Richard von Weizsäcker in einem Interview 2009 auch für sich in Anspruch nahm: „Das Wort und Grauen vom Holocaust habe ich erst nach Kriegsende gehört und zu begreifen versucht.“

In seinen 1997 erschienenen Erinnerungen hatte von Weizsäcker auch geschrieben, sein Vater habe keine Chance gesehen, schwerste Verbrechen zu verhindern, die in dem Nürnberger Prozess zur Sprache kamen. „Den zentralen innerstaatlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegenüber war er nach gewissenhafter Prüfung machtlos“, bekräftigte Richard von Weizsäcker vor sechs Jahren.

Die Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, die nun als der Inbegriff der Amtszeit Richard von Weizsäckers gehandelt wird, war allzu weit entfernt von der verständlichen und menschlich ehrenwerten Apologie, die er dem Vater zuteilwerden ließ.

C. Mousa

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 6. Februar 2015

SAGEN SIE JETZT X

Lieb* Lese*! Niemand soll sich ausgeschlossen, jeder angesprochen fühlen. Auch diejenigen, die sich weder als Mann noch als Frau begreifen. Darum ersetzt ein Studentenmagazin an der Uni Zürich in seinen Beiträgen Numerus und Genus in Anreden durch Sternchen und in Berlin besteht eine Professorin auf die Endung x.

KONTINENT DER ZUKUNFT

„Es gibt so viel zu tun in Afrika und trotzdem keine Arbeitsplätze“, beschreibt der Politologe Achille Mbembe Afrikas Dilemma. Doch der Kontinent verfügt über enorme Ressourcen, gewaltige Bodenschätze und ein beachtliches Humankapital. Wie sieht seine Zukunft aus im Spannungsfeld von Postkolonialismus, ungenutztem Potenzial und drohenden Problemen?

GESCHÜRTE MISSGUNST

Der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis wollen Schluss machen mit der rigiden Sparpolitik, die ihrer Ansicht nach für die hohe Arbeitslosigkeit und die Verarmung der Bevölkerung verantwortlich ist. Sind sie deswegen „antideutsch“? Wer hier Zwist sät.

ATTACKEN AUF AFD

70 Prozent der Plakate der AfD im Hamburger Wahlkampf sind zerstört oder entfernt worden. Kandidaten werden eingeschüchtert und offen attackiert. Autonome wittern auch bei „taz“-Diskussionsveranstaltungen „Rassismus“.

OERTELS GRÜNDUNG

Kathrin Oertel, bis vor kurzem Pegida-Führungsfrau, bringt eine neue Gruppierung in Stellung. Eine unfreundliche „Bild“-Titelseite, ein millionenfach im Netz verbreiteter Satire-Schminkkurs und ein wenig Zuwendung des Landesinnenministers haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

ORBAN MASSREGELN

Wer steckt hinter den Demonstrationen und Protesten gegen Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán? Seine Politik steht seit Jahren im Widerspruch zu den Vorgaben Washingtons, zuletzt bei den Sanktionen gegen Russland. Ein Beispiel, das in den ehemaligen Ostblockländern Schule machen könnte.

DRAGHIS MEDIZIN

Die Europäische Zentralbank scheint sich zu Europas heimlicher Regierung zu entwickeln. Doch die dort ausgestellten Rezepte haben gefährliche Nebenwirkungen. Jetzt rächt es sich, dass die Bundesrepublik einer Regelung zustimmte, nach der sie im EZB-Rat das gleiche Stimmrecht hat wie Malta.

DER HERR DER GLETSCHER

Erich von Drygalski war Abenteurer, Gletscherexperte und Pionier der Polarforschung. Mit seiner Mannschaft war er 1902 als Leiter der ersten deutschen Antarktis-Expedition ein Jahr im ewigen Eis eingeschlossen. „Nach der Befreiung aus dem Eise habe ich nie wieder geglaubt, dass etwas schiefgehen könnte“, so der Professor. Der 9. Februar ist sein 150. Geburtstag.

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