Nr. 8 vom 15.2.2019

Nr. 08 vom 15.2.2019

Standpunkt

Warum ist die Grenze noch immer für
jeden offen?

Glaubt man Thomas de Maizières neuem Buch „Regieren – Innenansichten der Politik“, wird Deutschland „nicht schlecht“ regiert.“ Zu gutem Regieren würde es allerdings gehören, dass man, erstens, absehbaren Herausforderungen proaktiv begegnet. Dass man, zweitens, wenn das nicht passiert ist, wenigstens noch wirksam reagiert. Und dass man, drittens, zumindest aus dem eigenen Scheitern Lehren zieht. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um Herausforderungen handelt, die für das Volk, dessen Nutzen zu mehren und von dem Schaden abzuwenden man geschworen hat, essentiell sind.

Eine politische Entscheidung

Auf Seite 75 schreibt de Maizière, bis März 2018 amtierender Bundesinnenminister: „Ich hatte am 13. September 2015 die Entscheidung zu treffen, in welcher Form die Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze durchgeführt werden sollten.“ Weiter heißt es bei ihm: „Es wurden von Tag zu Tag mehr Flüchtlinge. Sie waren schon längst vor der humanitären Einzelentscheidung der Bundeskanzlerin vom 4. September 2015 [gemeint ist die Aufnahme von 20.000 Asylmigranten, die sich in Ungarn befanden] aufgebrochen und seit Wochen unterwegs.“

In dieser Lage habe man sich in der Regierung „auf die Einführung von Grenzkontrollen, beginnend am Sonntag, 13. September“ verständigt. Es sei bei dieser Entscheidung aber offen geblieben, „was mit dem Begriff ‚Grenzkontrollen‘ genau gemeint war“ – also, ob die über sichere Drittstaaten anreisenden Asylbegehrenden an der Grenze zurückgewiesen werden sollten. Die Führung der Bundespolizei habe zurückweisen wollen; dies wäre nach de Maizières Rechtsauffassung auch rechtlich möglich gewesen. Doch er habe „vor allem politisch entschieden“. Und da sei es ihm nicht sicher erschienen, dass Österreich und die anderen Staaten auf der Balkanroute einem bundesdeutschen Beispiel folgen würden, wovon die Führung der Bundespolizei ausging. Außerdem wäre eine konsequente Zurückweisung nur möglich gewesen unter Inkaufnahme von „hässlichen Bildern“, wie Polizisten Migranten am Übertreten der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland hindern.

Damit taucht wieder eine gängige Unterstellung auf, die, wenn sie denn zuträfe, von vornherein pauschale Zweifel an der Rechtsstreue von Asylmigranten wecken müsste. „Kein Flüchtling hätte eine einfache Zurückweisung akzeptiert“, lautet diese Merkel’sche Behauptung in der Variante des de Maizière’schen Buches.

Ist es stets zu früh oder zu spät?

Also war de Maizière am 13. September 2015 „überzeugt davon, dass wir nach wenigen Tagen angesichts dieser Bilder aufgegeben hätten und die Grenzkontrollen so durchgeführt hätten, wie wir sie von Beginn an durchgeführt haben. Das allerdings wäre dann eine große Niederlage des Rechtsstaates und des polizeilichen Handelns gewesen. Ein Sogeffekt auf weitere Flüchtlinge wäre dann erst recht eingetreten nach dem Motto: Die Deutschen halten ihre harte Haltung ja sowieso nicht durch.“

Damit lenkt de Maizière unfreiwillig das Problem auf die richtige Fragestellung, zumal er die Signalwirkung des Geschehens an der deutschen Grenze ja im Auge gehabt zu haben erklärt: Warum wurden echte Grenzkontrollen, also solche mit Zurückweisung von über sichere Drittstaaten anreisenden Asylmigranten, nicht schon viel früher, als die Maßnahme ohne Weiteres durchsetzbar gewesen wäre, eingerichtet? (Etwa im Zuge der Kontrollen anlässlich des G7-Gipfels in Elmau, bei denen vom 26. Mai bis zum 15. Juni 2015 bereits 10.555 Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz – im Wesentlichen illegale Einreisen – festgestellt wurden.) Und warum wurden sie nicht wenigstens später etabliert?

Letzteres erörtert de Maizière ganz ausdrücklich: „Ob man später bei geringeren Zahlen, nach dem Schließen der Balkanroute und nach dem Inkrafttreten des Türkeiabkommens Zurückweisungen hätte durchführen sollen, haben wir immer wieder diskutiert, auch im Kreis der Innenpolitiker, auch auf einem Bundesparteitag der CDU.“ Bis in den Sommer 2018 sei diese Frage der Zurückweisungen zwischen CDU und CSU immer wieder von großer Bedeutung gewesen, „was die Schwesterparteien fast auseinandergebracht hätte“.

Den gleichen Fehler wieder

De Maizière, der davon spricht, in seinem Entscheidungsprozess „die Bundeskanzlerin und den Koalitionspartner, in diesem Fall den Vizekanzler Sigmar Gabriel“ mehrfach konsultiert zu haben, weiß also, dass er unter Merkel gar nicht den Spielraum hatte, der Empfehlung von Bundespolizeipräsident Dieter Romann zu folgen – ebenso wenig wie dies seinem Nachfolger Seehofer möglich war und ist. Warum er diese folgenschwerste aller Entscheidungen – die der Nichtzurückweisung mit der Signalwirkung in die Herkunftsstaaten, die stärker nicht hätte ausfallen können – laut der Kapitelüberschrift unter „einsame Entscheidungen“ rechnet, bleibt also de Maizières Geheimnis.

Kein Geringerer als sein Amtsvorgänger, der Sozialdemokrat und frühere „Grünen“-Politiker Otto Schily, hat im Juni 2018 während der Auseinandersetzung zwischen Seehofer und Merkel um Zurückweisungen erklärt, es sei auch aus der Sicht des Jahres 2015 ein „schwerwiegender Fehler“ gewesen, Hunderttausende von Migranten – Schilys Erachtens „unter Verstoß gegen geltende gesetzliche Vorschriften“ – einreisen zu lassen.

Unter der Regierung Merkel gibt es offensichtlich weder in der heraufziehenden Krise noch auf einem ihrer Höhepunkte noch bei einem vorübergehenden Rückgang (trotzdem reisen auch derzeit pro Tag durchschnittlich 500 Migranten über sichere Drittstaaten illegal in die Bundesrepublik ein) einen Spielraum, an der deutschen Bundesgrenze Personen, die keine zum Grenzübertritt berechtigten Papiere besitzen, aber „Interesse an Schutz oder Asyl in der Bundesrepublik“ zum Ausdruck bringen, die Einreise zu verweigern. Damit ist auch klar, dass das Ereignis von 2015 sich jederzeit wiederholen kann.

Die halbe Ankündigung von AKK

Wenn die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer nach dem „Werkstattgespräch“ ihrer Partei erklärte, für den Notfall („als Ultima Ratio“) auch die Zurückweisung von Asylmigranten nicht auszuschließen, liegt also auf der Hand, dass diese von vornherein halbe Ankündigung im entscheidenden Moment wieder als angeblich nicht durchführbar abgetan werden wird. In der CDU Merkel’scher Prägung ist es trotz aller Versuche von AKK, sich den Anschein zu geben, man habe verstanden, für effektive Grenzkontrollen stets zu früh oder zu spät. Dass sie Realität würden, ist bei dieser Regierung nicht zu erwarten.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 15. Februar 2019

RINGEN UM NORD STREAM 2

Mit hanebüchenen „Argumenten“ möchten interessierte Kreise den Deutschen vermitteln, dass die zweite Erdgasleitung von Russland durch die Ostsee bis nach Lubmin bei Greifswald uns in eine Abhängigkeit stürzen und die Versorgungssicherheit gefährden würde. Jetzt gilt es, Souveränität zu beweisen.

WO DIE KRIMINALSTATISTIK HINKT

Häufen sich in der Bundesrepublik Deutschland Messerattacken? Belastbare Statistiken dazu gibt es nicht, doch das soll sich ändern. Allerdings erklärt Oliver Malchow, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei: „Wir haben gehört, dass es noch bis 2022 dauern soll, aber das halten wir für zu spät.“

STAATSSTREICH IN VENEZUELA?

Ein Offener Brief von Noam Chomsky und über 70 weiteren Intellektuellen fordert: Die US-Regierung soll die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Venezuelas einstellen. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Völkerrechtler Alfred de Zayas, der im Auftrag der UN den Karibikstaat bereist hat und schwere Vorwürfe gegen Washington und Verbündete erhebt.

TUSK HEIZT BREXIT-DEBATTE AUF

EU-Ratspräsident Donald Tusk erhitzte die Gemüter auf der Insel mit einer Entgleisung. Er hatte die Befürworter des Brexits nicht nur der Planlosigkeit bezichtigt, sondern auch spekuliert, welchen „Platz in der Hölle“ sie einnehmen werden. Wie Brüsseler Biestigkeiten Europa belasten.

PARITÄT MIT DER BRECHSTANGE

Der Landtag von Brandenburg hat mit den Stimmen von SPD, Linken und „Grünen“ ein möglicherweise verfassungswidriges Gesetz verabschiedet. Kritiker des Parité-Gesetzes sehen Wahlrechtsgrundsätze und die Organisationsfreiheit von Parteien verletzt.

JUSOS MIT ANTIDEUTSCHER HALTUNG

In Hannover bewegen sich Jungsozialisten, also Mitglieder der Jugendorganisation der SPD, auf Abwegen. Die neueste Kampagne lautet: „Mein Vaterland interessiert mich nicht die Bohne“. Statt sich des politischen Erbes von Friedrich Ebert und Kurt Schumacher würdig zu erweisen, haben sich missratene Urenkel von deren Tradition endgültig verabschiedet.

ÖPNV VOR DEM KOLLAPS?

Wenn die Deutschen der Forderung entsprechen, vermehrt auf den öffentlichen Personennahverkehr zu setzen, könnten öffentliche Verkehrsnetze schnell zusammenbrechen. Was getan werden müsste.

WESEN UND MACHT DER
MUTTERSPRACHE

Zum 20. Mal wird in diesem Jahr am 21. Februar der „Internationale Tag der Muttersprache“ begangen. 1999 von der UNESCO beschlossen und 2000 zum ersten Mal gefeiert, soll er der Förderung und dem Schutz aller Sprachen dienen. Das ist nach wie vor dringend nötig.

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bitte der E-Mail-Adresse leserbriefe@national-zeitung.de.)

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Nr. 7 vom 8.2.2019

Nr. 07 vom 8.2.2019

Standpunkt

5G: Vollendete Tatsachen statt Vorsorge?

Wenn in Deutschland über den Ausbau des neuen 5G-Netzes geredet wird, überschlagen sich Kommentatoren mit Superlativen. Von der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ist dann die Rede, vom autonomen Fahren und dem Internet der Dinge. Der Mobilfunk der fünften Generation soll eine tausendfach schnellere Datenübertragung gewährleisten als die alten Netze. Doch möglicherweise könnte aus dem Traum ein Alptraum werden. In einem internationalen Appell, der unter anderem an die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation WHO gerichtet ist, warnten zuletzt mehr als 400 Wissenschaftler vor 5G. Sie machen geltend, dass die neue Technologie „eine massiv erhöhte Einwirkung hochfrequenter Strahlung (HF) auf den Menschen zur Folge“ habe, der ohnehin schon durch die bestehenden Netze belastet sei. Die „gesundheitsschädigende Wirkung“ dieser Strahlung sei „bewiesen“, weshalb der 5G-Ausbau „ein Experiment an der Menschheit und der Umwelt“ darstelle, was „durch internationales Recht als Verbrechen“ definiert sei.

Alarmierende Studienergebnisse

Die Gefährlichkeit elektromagnetischer Strahlung sei durch mehr als „10.000 durch Fachleute gegengeprüfte Studien“ eindeutig belegt und gelte für alle Formen des biologischen Lebens. Die möglicherweise schwere Schädigung der Umwelt durch die Technologie werde bislang von den politischen Entscheidungsträgern ignoriert, wodurch „in rücksichtsloser Weise ein Würfelspiel mit der Zukunft des Lebens auf der Erde“ getrieben werde. Zu den deutschen Unterzeichnern zählt der Biologe Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Er sieht die Politik in der Pflicht, darauf „bestehen, dass die Gesundheitsrisiken, die mit der allgegenwärtigen Hochfrequenzstrahlung für mobile Geräte verbunden sind, untersucht werden, bevor wir die gesamte Bevölkerung immer höheren Werten der elektromagnetischen Felder aus dieser Technologie aussetzen“.

Auch die italienische Krebsforscherin Fiorella Belpoggi warnt vor der Einführung des neuen Mobilfunkstandards. In einem Experiment setzte sie 2.000 Laborratten einer lebenslangen Strahlung mit Feldstärken aus, die ungefähr auf dem Niveau der alltäglichen Mobilfunknutzung liegen. Das Ergebnis war eine signifikante Erhöhung der Bildung von Krebstumoren, weshalb auch die italienische Wissenschaftlerin die Politik in der Pflicht sieht. Außerdem fordert sie, dass die Weltgesundheitsorganisation elektromagnetische Strahlung künftig nicht nur als „möglicherweise“, sondern als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufen solle.

Sprengstoff birgt auch eine im November vergangenen Jahres in den USA veröffentlichte Arbeit. Sie beruht auf einem zehnjährigen Großexperiment, das von Wissenschaftlern durchgeführt wurde, die im Rahmen des „National Toxicology Program“ (NTP), das dem Gesundheitsministerium untersteht, die Auswirkungen von giftigen oder gesundheitsschädigenden Substanzen auf den Menschen erforschen. Die Ergebnisse der Studie beruhen auf Experimenten, in denen rund 7.000 Ratten und Mäuse über zehn Jahre hinweg für neun Stunden am Tag einer alltäglichen Mobilfunkstrahlung ausgesetzt wurden. Die Wissenschaftler stellten vermehrte Schäden in den DNA-Strängen der Hirnzellen sowie einen Zuwachs bösartiger Tumore an den Nervenzellen des Herzmuskels wie auch ein vermehrtes Auftreten von Hirntumoren bei den Tieren fest.

Versteigerung der Frequenzen

Auf eine Anfrage des Berliner „Tagesspiegel“ hin räumte das Bundesumweltministerium jetzt weiteren Forschungsbedarf auch für Deutschland ein. Nötig sei eine „kontinuierliche Bewertung“ aller Umwelteinflüsse auf die Bevölkerung, „insbesondere um die Grenzwerteinhaltung weiterhin zu gewährleisten“. Auch hierzulande dürfte die Debatte um mögliche Gesundheitsschäden durch den neuen Standard also weiter Fahrt aufnehmen, auch wenn schon für kommenden Monat die Auktion für 5G geeigneter Frequenzen durch die Bundesnetzagentur geplant ist. Mit der Versteigerung werden Fakten geschaffen.

Antonie Reuter

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 8. Februar 2019

WER PROVOZIERT EINEN
„NO DEAL“-BREXIT?

In der Aushandlung der Brexit-Modalitäten zwischen Großbritannien und der EU legt das Brüsseler Establishment eine unübertreffliche Arroganz an den Tag. Mindestens eines der damit verfolgten Ziele, nämlich EU-kritischen Bewegungen und Parteien das Wasser abzugraben, wird verfehlt.

BIS AN DIE WURZELN GEHEN

„Rettet die Bienen“, „Keine Kohle für Kohle“, freitägliche Klimademos: Das wichtige Engagement für Nachhaltigkeit und Umwelt muss, wenn es nicht oberflächlich bleiben soll, auch das eigene Verhalten sowie den Globalismus und damit die Doktrin der weltweiten Verfügbarkeit von Menschen, Gütern und „Destinationen“ (zum Siedeln und zum Urlauben) kritisch in den Blick nehmen.

STELLVERTRETERKONFLIKT IN
LATEINAMERIKA

Der Machtkampf zwischen Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro und Parlamentspräsident Juan Guaidó um die Führung des erdölreichen, aber heruntergewirtschafteten Landes könnte in einen Bürgerkrieg münden – mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

DIE MÄR VOM TRUPPENABZUG

In Afghanistan könnten große Veränderungen bevorstehen. Vertreter der USA und der radikal-islamischen Taliban haben sich laut Medienberichten auf die Grundzüge eines Rahmenabkommens geeinigt. Washington aber wird die Zügel am Hindukusch kaum aus der Hand geben.

GESELLSCHAFTLICHE ANSCHAUUNGEN
UND VERFASSUNG

Ob sich die AfD gegen ihre Einstufung als „Prüffall“ vor Gericht wehren kann, hängt insbesondere davon ab, ob es für die Art und Weise, in der die Partei öffentlich mit diesem belastenden Etikett versehen wurde, eine Rechtsgrundlage gibt. Bei der Beurteilung der Frage, wo Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vorliegen, kommt es darauf an, aktuell gesellschaftlich maßgebliche Anschauungen nicht mit der Verfassung zu verwechseln.

ANTI-CHINA-HYSTERIE?

Bislang hatte sich die Bundesrepublik Deutschland der von den USA angeführten Kampagne gegen das chinesische Unternehmen weitgehend entzogen. Jetzt aber hat Berlin in dieser Frage einen Schwenk eingeleitet. Was hat es auf sich mit dem Kampf gegen Huawei?

DIE DISKUSSION UMS TEMPOLIMIT

Laut Berechnungen der TU Graz nimmt schon bei Tempo 140 gegenüber 130 Stundenkilometern der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid um zwölf Prozent zu. Einem Tempolimit erteilt die Bundesregierung in Berlin aber eine deutliche Absage. Merkel, die die Deutschen mit der für jedermann offenen Bundesgrenze unerbittlich beunruhigt, will keinen weiteren Ärger mit den Wählern.

NÖRGELN AN DEN HANDBALLERN?

Was die bundesdeutsche Handballmannschaft beim Weltmeisterschaftsturnier im eigenen Land ablieferte, war mitreißend. Das WM-Fazit könnte kaum positiver ausfallen. Einige Journalisten aber arbeiten sich nun an dem Umstand ab, wer hier für Deutschland am Ball war.

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Nr. 6 vom 1.2.2019

Nr. 06 vom 1.2.2019

Standpunkt

Besser als die Erwachsenenwelt,
aber nicht immer konsequent

Engagement ist wichtig. Doch das heißt nicht, dass man inneren Widersprüchen nicht nachgehen sollte; schließlich kann konstruktive Kritik auch weiterbringen. Und da fällt bei den freitäglichen Schülerdemonstrationen für Klimaschutz auf, dass sie sich vorwiegend mit jenen Aspekten befassen, die – wie der Kohleausstieg – keine durchgreifenden Schlussfolgerungen für den persönlichen Lebensstil nach sich ziehen.

Wer politische Maßnahmen gegen „Kohleschmutz“, „Keine Kohle für Kohle“ und „Kohlekraft wird plattgemacht“ fordert, verlangt – isoliert betrachtet – von sich noch keinen Verzicht. (Ja, da ist das verpönte Wort, vor dem die mit dem Mundwerk „grüne“ Partei heute panische Angst hat, zumal sich ihre Führungsriege aus Vielfliegern in dem Punkt verstecken muss.)

Wenn man Teilnehmern der Demos zuhört, sich mit ihnen unterhält, kann man feststellen, dass auch bei nicht wenigen der jungen Leute das persönliche (aber oft von sogenannten „Influencern“ auf Youtube induzierte) Vergnügungs- und Konsumprogramm – Ferientrip nach New York etc. – weiterläuft. Der offensichtliche Widerspruch zu den selbst vorgetragenen Zielen, die Wirkungslosigkeit der öffentlichen Selbstverpflichtung, die in einer solchen Demonstrationsteilnahme eigentlich liegt, gibt dann doch zu denken.

Nun sind die Jugendlichen in dem Punkt nicht schlechter, sondern – nicht zuletzt aufgrund der geringeren finanziellen Spielräume – besser als die Erwachsenenwelt. Man kann auch eine Runde begüterter achtzigjähriger Damen über den Klimaschutz räsonieren hören, die dann das Gespräch direkt zu ihrer bevorstehenden Dubai-Reise überleiten.

Mit „traumhaften Kreuzfahrten“
den Kollaps verhindern?

Trotzdem würde man sich von einer aufbegehrenden jungen Generation wünschen, dass sie die Dinge stärker von der Wurzel her anpackt, also auch den Globalismus und die Doktrin der weltweiten Verfügbarkeit von Menschen, Gütern und „Destinationen“ (zum Siedeln und zum Urlauben) in den kritischen Blick nimmt. Sonst läuft sie Gefahr, über das doppelmoralische Niveau der Meinungsmacher beim „Spiegel“ nicht hinauszukommen, die ihrer Ausgabe vom 2. Februar 2019, in der sie unter der Überschrift „Den Kollaps verhindern“ den Schülerdemonstranten Beifall zollen, eine Hochglanzwerbung für „Spiegel“-Leserreisen mit Kreuzfahrtschiffen unter anderem ins südliche Afrika („inklusive Flüge deutschlandweit über Johannesburg nach Victoria Falls und zurück von Kapstadt sowie Inlandsflug von Victoria Falls nach Kapstadt“) und nach Asien („inklusive Flüge deutschlandweit nach Dubai und zurück von Hongkong“) beifügten. Die „Spiegel“-Redakteure wollen die Demonstrationen wohlweislich nur als „gegen die Umweltpolitik“ gerichtet begreifen. Nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, Kants kategorischen Imperativ wiederzuentdecken.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 1. Februar 2019

SPIELBALL VENEZUELA

Der Versuch, den von den USA unterstützten Gegenpräsidenten Juan Guaidó von außen zu stabilisieren, treibt das geopolitische Tauziehen um Venezuela auf die Spitze. Leidtragender ist vor allem das Volk.

PROCTER & GAMBLE ERKLÄRT DIE WELT

Der P&G-Konzern setzt in einem Werbespot für den Rasierer Gillette auf Plattitüden und Klischees, wo es um die Dekonstruktion traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit gehen soll. Episoden der Unternehmensgeschichte zeigen, dass der Konzern kein Hort von Ethik und Moral ist.

IMMER NUR DRUCK

Das EU-Establishment hat sich beim Ringen um den Brexit verkalkuliert. Brüssel trägt nicht nur wesentlich dazu bei, dass den Politikern in London eine weitere Mitgliedschaft in der Europäischen Union vergällt ist, sondern ließ auch Respekt gegenüber der Entscheidung des britischen Wählers vermissen.

SPRINGT DER FUNKE ÜBER?

Die Dynamik und Anziehungskraft der französischen Gelbwesten-Bewegung ist ungebrochen. Wieder kamen landesweit fast 70.000 Menschen zusammen. Während Macron mit einer großen nationalen Debatte die Proteste einzudämmen versucht, fanden sich in Bundesrepublik Deutschland die ersten Nachahmer in Warnwesten zusammen.

SCHWEDENS NEUE REGIERUNG

Vier Monate nach der Wahl zum schwedischen Riksdag hat das Parlament dem bisherigen Ministerpräsidenten Stefan Löfven eine zweite Amtszeit zugebilligt. Das war nicht selbstverständlich, denn schließlich hätte es andere Optionen gegeben. Doch die Front gegen die Schwedendemokraten hielt vorerst.

DIE SCHNEIDER-BRÜDER AUS SIBIRIEN

„Tiefstpreise jeden Tag“ verspricht „Mere“ in Leipzig, wo die Kette am 29. Januar auf knapp 1.000 Quadratmetern Fläche ihre erste deutsche Filiale eröffnete. Der russische Einzelhändler Torgservis bringt auf diesem Wege das Einkaufserlebnis der sechziger Jahre zurück. Wie die Schneider-Brüder aus Sibirien den deutschen Markt angehen.

AUF DEN SPUREN FRIDTJOF NANSENS

Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ bereitet sich auf eine einzigartige Expedition vor. Ab Herbst wollen die Wissenschaftler ihr Schiff in der Arktis einfrieren lassen und sich dann mit den Eismassen von der Polardrift treiben lassen. Sie erhoffen sich so neue Erkenntnisse über das Klima in der Arktis.

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