Nr. 6 vom 30.1.2015

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Standpunkt

Freiheit und Respekt

Das Grundgesetz bestimmt in Artikel 8: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Dieses Grundrecht schließt die „negative Versammlungsfreiheit“ ein, also das Recht, nicht an einer Versammlung teilzunehmen.

Doch im „Ich bin Charlie und nicht Pegida“-Fieber häufen sich die Fälle, in denen Klassen und Schulen zur kollektiven Meinungskundgabe gebracht werden. Wie am Mittwoch vergangener Woche in Lübeck. Am nächsten Tag hieß es in den Lübecker Nachrichten: „Ein Zeichen für Toleranz, Freiheit und Respekt haben die fünf Europaschulen Lübecks gestern auf dem Klingenberg gesetzt. Rund 1000 Schüler der Baltic-Schule, der Ernestinenschule, der Friedrich-List-Schule, der Emil-Possehl-Schule und der Thomas-Mann-Schule haben für ihre Werte demonstriert — still und friedlich. Freiheit, Vielfalt, Respekt, Toleranz, Meinungsfreiheit, Menschenwürde und Pressefreiheit prangt auf vielen bunten Handzetteln. Um Punkt 14 Uhr halten die Schüler — im wahrsten Sinne des Wortes — ihre Werte hoch. Auch bunte Transparente und Banner sollen ihre Meinung verdeutlichen.“ Ein Lehrer führte in dem Beitrag aus: „Angesichts der Terroranschläge in Paris und des Zulaufs migrantenfeindlicher Organisationen möchten die Europaschulen (…) ein Zeichen für Freiheit, Respekt und Toleranz setzen.“

Nach dieser Berichterstattung regte sich heftiger Widerspruch auf der Facebook-Seite der Lübecker Nachrichten. Kernaussagen von Schülern: „Das war keine Demonstration. Das war eine Zwangsveranstaltung für uns Schüler.“ „Unsere Klasse erfuhr am Dienstag, einen Tag vor dieser Aktion, dass wir eine Art ,Demo’ haben werden. Freiwillig war das gar nicht.“ „Es bestand für die Schülerinnen und Schüler Anwesenheitspflicht! Es wurde leider ,versäumt’, vorher zu fragen, ob man da hin möchte.” „Uns wurde erst am Tag der Veranstaltung morgens gesagt, dass wir da zu erscheinen haben! Sonst sind es 2 unentschuldigte Fehlstunden auf unserem Bewerbungszeugnis, da geht man natürlich hin.“

Daraufhin erschien in den Lübecker Nachrichten ein Artikel über den „Ärger um Schülerdemo“, in dem zwar reportiert wurde: „Im Internet beschweren sich Schüler, dass sie bei der Kundgebung mitmachen mussten.” Doch im Mittelpunkt stand, wie die Direktoren der Europaschulen die Vorwürfe zurückweisen. So konnte der Leiter der Friedrich-List-Schule seine Ansicht ausbreiten, der zufolge beliebige praktische Überlegungen offenbar über dem Grundgesetz stehen: „Die Demonstration wurde als Schulveranstaltung ausgewiesen, damit die Beteiligten auf dem Weg versichert sind.“ Hanebüchen auch folgende Argumentation: „Zudem weisen alle Schulen darauf hin, dass es keine politische Veranstaltung gewesen sei – es also auch nicht um Meinungen ging.”

Das spiegelbildliche Problem hat Vizekanzler Sigmar Gabriel. Er nahm sich am 23. Januar die Freiheit, in Dresden privat eine Veranstaltung mit Pegida-Anhängern und -Gegnern zu besuchen. Die „Süddeutsche Zeitung“ seift ihn dafür in einem Beitrag mit dem Titel „Dreifach daneben” ein. Respekt, Freiheit, Toleranz? Auch hier: Fehlanzeige.

B. Schreiber

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 30. Januar 2015

PLANET AN DER GRENZE

Forscher schlagen Alarm: Vier von neun „planetarischen Grenzen“, innerhalb derer ein Leben auf der Erde, wie wir es kennen, möglich ist, sind bereits überschritten. Am düstersten sieht es für die Artenvielfalt aus. Höchste Zeit für die Notbremse, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Stattdessen wird die Menschheit in den Kalten Krieg zurückkatapultiert und in einen Kampf der Kulturen gestürzt – ohne Rücksicht auf unsere zerbrechlichen Lebensgrundlagen.

VORURTEILE SIND EIN SCHLECHTER RATGEBER

Nach dem Tod eines Asylbewerbers in Dresden stand für Teile der Presse, der Politik und der Öffentlichkeit das Tatmotiv sofort fest. „Rassismus tötet“, hieß es bei Gedenkveranstaltungen für Khaled Idris Bahray. Tatsächlich wurde er von seinem Mitbewohner Hassan S. getötet.

CHURCHILLS RUHIGER SCHLAF

Winston Churchills 50. Todestag wurde drei Wochen vor dem bevorstehenden 70. Jahrestag der Vernichtung Dresdens begangen. Er habe während des Krieges nicht eine schlaflose Nacht gehabt, sagte Churchill am 13. Februar 1945, also ausgerechnet an jenem Abend, an dem die Bombardierung Dresdens begann, auf die der Kriegspremier persönlich gedrängt hatte. Was die Aufzeichnungen seines Leibarztes noch verraten.

ATHENS NEUE REGIERUNG

Alexis Tsipras ist Griechenlands neuer Ministerpräsident. Die ungewöhnliche Allianz aus seinem linken Parteienbündnis Syriza und den rechtsgerichteten Unabhängigen Griechen kündigt das Ende der Sparpolitik der EU-Troika an. Reaktionen – eher „Ratschläge“ – aus Deutschland ließen nicht lange auf sich warten.

ÖLPREISKRIEG

„Wer das Öl kontrolliert, beherrscht die Staaten“, bemerkte Henry Kissinger einst. Riad und Washington nutzen das, um ihre Antagonisten zu schwächen. Putin ist überzeugt, dass Russland so in die Knie gezwungen und der Iran bestraft werden soll, während Venezuelas Präsident Maduro klagt, sein Land solle auf diese Weise „rekolonisiert“ werden. Welche Folgen hat der Ölpreiskrieg?

DER SCHRECKLICHE VERBÜNDETE

Bei der Wahl seiner Partner ist der Westen nicht besonders wählerisch. Vor massiven Menschenrechtsverstößen, finanzieller Unterstützung für Terroristen und einer absolutistischen Herrschaft verschließt er bewusst die Augen, um Saudi-Arabien einen treuen Verbündeten nennen zu können.

ES GIBT WAS BESS’RES IN DER WELT

Mit seinem berühmten Abendlied („Der Mond ist aufgegangen“) trug Matthias Claudius zu jener Poesie bei, die laut Herder „die Blume der Eigenheit eines Volkes, seiner Sprache und seines Landes, seiner Geschäfte und Vorurteile, seiner Leidenschaften und Anmaßungen, seiner Musik und Seele“ sei. Zum 200. Todestag des Mannes, der auch der „Wandsbecker Bothe“ war, ein Porträt.

 

 

 

 

 

 

 

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Nr. 5 vom 23.1.2015

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Standpunkt

Außer Verletzung nichts gewesen?

Das Wesen und Unwesen von Karikaturen ist schon viele Jahrhunderte alt und diese haben sich mit Vorliebe religiöser Streitfragen angenommen. Die älteste Kreuzigungsdarstellung ist eine Karikatur aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, hingekritzelt an die Wand des römischen Pädagogiums: Man sieht Christus mit einem Eselskopf am Kreuz hängen und vor ihm einen jungen Mann. Die Unterschrift lautet: Alexamenos betet seinen Gott an. Man kann sich den Spott der Kameraden und den Kummer des Verspotteten vorstellen.

Auch Reformator Luther scheute sich nicht, die Waffe der Karikatur in den Dienst seiner Sache zu stellen. Schon in der ersten Lutherbibel, im sogenannten Septembertestament, wird auf Bildern zur Offenbarung St. Johannis der Papst als das prophezeite Tier aus dem Abgrund mit seiner dreifachen Krone, der Tiara, dargestellt. Diese Papstverhöhnung hat sicher nicht nur Gelächter und Spott erregt, sondern auch den Hass gegen das Papsttum „vom Teufel gestiftet“. Die Gegenseite zögerte nicht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Luther als inspiriert vom Satan, oder: Luther, der nachts im Bett von seiner Nonne erwürgt wird.

All diese Bilder, die ja nicht nur zur Belustigung der Leser dienten, sondern zur Aufstachelung höchst unchristlicher Hassgefühle, dienten in keiner Weise der Wahrheitsfindung oder einem verträglichen Meinungsstreit. Immanuel Kant, der ja von politischen und kirchlichen Machthabern arg bedrängt wurde, verzichtete auf billige Polemik und schreibt in einem Kapitel „Die Verhöhnung“: „Die bittere Spottsucht hat etwas von teuflischer Freude an sich und ist gerade darum eine desto härtere Verletzung der Pflicht der Achtung gegen andere Menschen.“

Pfarrer Paul Fischer

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 23. Januar 2015

VERBOT UND IRRTUM

Hätte am 19. Januar in Dresden keine aus der Mitte des Volkes entstandene Demonstration auf dem Programm gestanden, sondern eine jener derzeit zu beobachtenden Regierungsdemonstrationen – die zuständige Polizeidirektion hätte wohl kaum eine Verbotsverfügung erlassen.

WER HAT DAS RECHT, GLÄUBIGE ZU VERSPOTTEN?

Wer die Freiheit der Meinung und der Presse verteidigt, kommt nicht umhin, auch über Grenzen dieser Freiheit nachzudenken.

DAS ENDE DES FRACKING-BOOMS

Nach der Firmenpleite des texanischen Unternehmens WBH Energy wackelt die Frackingindustrie. Bleiben Mutter Natur künftig durch Bohrungen verursachte Erdbeben, Erdrutsche, Gifte, Ölteppiche, gefährlicher Müll und Gaslecks erspart?

FREIBRIEF FÜR DRAGHI?

Der Europäische Gerichtshof wird wohl das Programm der Europäischen Zentralbank zum unbeschränkten Ankauf von Staatsleihen mit ein paar Auflagen durchwinken. Eine Frage ist, ob sich das Bundesverfassungsgericht mit Einschränkungen des Anleihekaufprogramms zufrieden geben wird.

GRIECHENLAND VOR DER WAHL

In Athen steht nach Einschätzung von Wahlforschern ein einschneidender politischer Machtwechsel bevor. Ein Linksrutsch ist wahrscheinlich. Was sind die Konsequenzen, und wohin werden die neuen Verantwortlichen das Land führen?

ENDE DER PAPIERGELD-ÄRA?

In Zeiten turbulenter Finanzmärkte und geldpolitischer Lockerungen der Zentralbanken besinnen sich viele Anleger auf Investments in Sachwerte wie Gold. Fünf Experten kommen in der Buch-Neuheit „Insiderwissen Gold“ zu Wort.

ABSEITS DER SZENERIE

Kaum hatten Sprachwissenschaftler den Begriff „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres 2014“ gekürt, flog auf: Die Staats- und Regierungschefs waren, anders als es Medien zeigten, bei dem Republikanischen Marsch in Paris gar nicht vorangegangen.

DER ARME HEINRICH

Kleist im Kino: „Amour fou“ soll eine romantische Komödie über die Konsequenzen der „verrückten Liebe“ zwischen dem todessehnsüchtigen Dichter und seiner sterbenskranken Freundin Henriette Vogel sein, „frei inspiriert durch den Suizid Heinrich von Kleists 1811“. Eine Kritik.

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Nr. 4 vom 16.1.2015

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Standpunkt

So viel Differenzierung muss sein

Nach den fürchterlichen Attentaten von Paris wird auch in Deutschland, bis hin zu Außenminister Steinmeier, propagiert: „Je suis Charlie“. So terroristisch und schockierend die Ermordung der „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter ist, hat diese Identifikation doch etwas Erstaunliches.

Wer die französische Satirezeitung kennt und sie vorher selten lustig fand, wer die teils primitiven, auf Verletzung zielenden Karikaturen nicht mochte, sollte auch dabei bleiben dürfen. Eine nüchterne Einschätzung von „Charlie Hebdo” macht den Terror vom 7. bis 9. Januar ja keinen Deut erträglicher.

Es verrät einen Mangel an logischem Differenzierungsvermögen, dass offenbar angenommen wird, der Abscheu vor dem und die Verurteilung des grauenhaften Verbrechens an „Charlie Hebdo“ setzten eine Glorifizierung des Blattes voraus. Das ist genauso wenig nötig wie bei den anderen, weniger bekannten Opfern der Brüder Kouachi und von Amedy Coulibaly, ob Polizisten oder Geiseln.

B. Schreiber

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 16. Januar 2015

BIN ICH CHARLIE?

Schon trägt die unreflektierte Identifizierung auch staatlicher Stellen mit „Charlie Hebdo“ weltweit schlimme Früchte. Nicht nur „das Frankreich, das nicht Charlie ist“ (Le Monde), wehrt sich gegen die Vereinnahmung.

MACHT ATHEN DEN ANFANG?

Ist der Bestand der Währungsunion in ihrer jetzigen Form nicht mehr so alternativlos, wie Kanzlerin Merkel seit Jahren predigt? Der mögliche „Grexit“, Griechenlands Abschied von der Gemeinschaftswährung, würde wohl nur den Beginn eines Schrumpfungsprozesses bedeuten.

„TANNBACH“: DORF VOLL KLISCHEES

Mehr als sechs Millionen Fernsehzuschauer schalteten beim ZDF-Dreiteiler „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ ein. Großes Interesse also an der deutschen Nachkriegsgeschichte. Konnte das Zweite mit dem Film aber wirklich überzeugen? Eine Kritik.

LINDNERS LEBENSGEFÜHL

Die FDP hat auf ihrem Dreikönigstreffen nicht nur ihr neues Logo präsentiert, sondern auch die Marschrichtung für die kommenden Monate vorgegeben. Ist da noch etwas zu erwarten? Meinungsumfragen dokumentieren Skepsis.

DRESDNER PARADOX

Während Medien und Politik das die islamische Welt empörende französische Blatt verherrlichen, halten sich die Ausdrucksformen auf den schwarz-rot-gold dominierten Pegida-Kundgebungen vom harten Charlie-Hebdo-Stil fern. Der Hauptvorwurf gegen Pegida scheint zu sein, dass dieses Bündnis nicht zum Establishment gehört.

ALS TRUPPENARZT IN RUSSLAND

Als Baustein der neuen Vorwürfe gegen Altbundeskanzler Helmut Schmidt dient dessen Einsatz als Offizier im Osten. Der Bericht von Professor Dr. Eberhard Willich, Jahrgang 1919, der als Truppenarzt an der Ostfront war, beinhaltet seine Wahrnehmung, wonach bei der kämpfenden Truppe ideologische Hetze keinen Fuß fasste.

FRUCHT DER HOFFNUNG

Erdbeeren gehören zu den wenigen Früchten, die Gazas Bauern momentan ausführen dürfen. Das macht den Menschen in Palästina Hoffnung. Wie die Frucht zum Symbol wird. Dazu ein Bericht von Mohammed Omer.

CARTIERS „VICTORY WATCH“

Ein Panzer am Handgelenk: Die in Deutschland nicht bekannte bellizistische Geschichte des Modells „Tank“. Wie die Uhr 1917 entstand, wem sie als „Uhr des Sieges“ galt und wieso es eine „Maison Cartier“ eigentlich gar nicht mehr gibt.

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