Nr. 45 vom 1.11.2019

Nr. 45 vom 1.11.2019

Standpunkt

Wie stirbt ein Hund?
Zu Trumps Tonlage

Donald Trump meint, dass der Tod von IS-Chef Abu Bakr al Bagdadi die Welt zu einem „viel sichereren Ort gemacht“ habe. Die US-Denkfabrik Rand Corporation hingegen vertritt die Ansicht, dass solche Schläge gegen die Köpfe von Terrororganisationen sogar kontraproduktiv sein können, weil sie Sympathien für die Organisation außerhalb ihres Unterstützerkerns wecken könnten.

Die Fotos aus dem Lageraum

Was der Fall ist und welcher Effekt überwiegt, hängt sicher auch von den Umständen ab. Wenn der Präsident das von ihm angeordnete Geschehen im „situation room“ des Weißen Hauses verfolgen wollte, ist dies nachvollziehbar, soweit er in der Lage sein wollte, plötzlich eine Entscheidung zu treffen. Die Zurschaustellung vermeintlicher Allmacht, die in der Veröffentlichung der Bilder aus dem Raum liegt, auf denen fünf beziehungsweise sechs Männer mit entschlossenen Mienen die Jagd auf Bagdadi aus sicherem Abstand wie ein Videospiel zu verfolgen scheinen, ist hingegen mehr als überflüssig. Erst recht, wenn die Bilder gar nicht während der Beobachtung des Angriffs entstanden, sondern gestellt sein sollten, worüber eine breite Diskussion im Netz geführt wird.

Eine Botschaft solcher Fotos, wie sie auch Obama bei der Tötung Osama bin Ladens veröffentlichen ließ, zielt natürlich auf den US-Wahlkampf. Die andere Botschaft ist eine Erneuerung der Aussage „Wir können alles sehen, was sich bewegt, und wir können alles zerstören, was wir sehen“, die Paul Wolfowitz, zur Zeit des 2003 begonnenen Irakkriegs stellvertretender US-Verteidigungsminister, traf.

Nun hat Donald Trump anders als George W. Bush, dem Wolfowitz untergeordnet war, bisher keinen Angriffskrieg geführt. Und es gibt die Hoffnung, dass zu Trumps vielen Untugenden tatsächlich nicht die in seiner Position mit weitem Abstand schlimmste – Kriegslust – zählt.

Gefährliche Rhetorik

Dass die Welt durch das Ende Bagdadis, der drei seiner Kinder mit in den Tod riss, zu einem sichereren Ort wurde, wird auch durch Trumps Rhetorik nicht wahrscheinlicher. Als er die Nachricht verkündete, sagte Trump, Bagdadi sei gestorben „wie ein Hund“. An wen richtete sich diese Aussage? In der islamischen Welt, in der der Hund (jedenfalls sein Speichel) im Allgemeinen als unrein gilt (aber Anspruch auf Mitgefühl und gute Behandlung hat), wird man sie mit gemischten Gefühlen aufnehmen. Manche werden darin eine unnötige Demütigung oder eine letztlich auf überlegenen Machtmitteln beruhende Überhebung sehen.

Man sollte nicht vergessen, wie Terroristen entstehen. Es ist nicht selten ein Prozess. Selbst der einst ruhige und unauffällige Bagdadi, der 1991 schon die B-52-Bombardements auf Bagdad erlebt hatte, wurde erst mit der US-Invasion im Irak und der anschließenden Internierung in Camp Bucca zu dem grausamen Schwerverbrecher, der er schließlich war.
Ob der amerikanische Wähler Sprüche wie „Sterben wie ein Hund“ schätzt? In vier von zehn US-Haushalten lebt mindestens ein Hund, in der Bundesrepublik sind es nur zwei von zehn. Jeder Hundehalter wünscht seinem Tier ein friedliches Ende – und nicht, in einem Tunnel in den Tod gehetzt zu werden.

Übrigens, ehe man über die islamische Haltung zum Hund ein Urteil wagt: Man kann nicht sagen, dass das Christentum in seiner Sphäre den Tieren die überfällige Erlösung gebracht hätte. Überwiegend gilt ein Tier (selbst bei der im Markus-Evangelium beschriebenen Heilung des Besessenen von Gerasa durch Jesus, die 2.000 Schweine mit dem Tod durch Ertrinken bezahlen müssen) als vernachlässigenswerte Größe. Persönlichkeiten wie der heilige Franz von Assisi sind die Ausnahme. Klabund schrieb über ihn in seinem Gedicht „Franziskus“:

„Die Tiere alle waren ihm vertraut
Und kamen treu auf seinen Ruf gesprungen. […]
Und ging er auf die Gasse, sprach das Pferd,
Der Hund ließ wedelnd seinen Knochen liegen.
Die Katze hielt ihn ihrer Freundschaft wert […].“

Wenn er nur keinen Krieg beginnt

Trump hat zu den Tieren wie zu vielem anderen offenbar eine unreflektierte Macht-euch-die-Erde-untertan-Haltung wie noch immer die Mehrheit der Menschen. Dass er in seiner groben Rhetorik vor des Amerikaners und Europäers Lieblingstier nicht Halt machte, war vermutlich keine Werbung. Andererseits, wenn er nur keinen Krieg beginnt, der die größte Katastrophe für Mensch und Tier, Natur und Klima bedeutete … Was hülfe ein pastoral auftretender US-Präsident, der jede Hintertür zum Kriege nutzt. Wir werden sehen.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 1. November 2019

NACH DER THÜRINGEN-WAHL

Die AfD lieferte in Thüringen nicht das von Massenmedien erhoffte Ergebnis „unter 20 Prozent“, sondern wurde mit 23,4 Prozent zweitstärkste Kraft. Weder hat sich damit am 27. Oktober „die Demokratie neu sortiert“ – sie hat vielmehr wieder einen Beweis ihres Funktionierens abgeliefert – noch „erschüttert“ das Ergebnis die Republik.

GEFÄHRLICHE SCHAUMSCHLÄGEREI

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer will die Bundeswehr auf den nordsyrischen Kriegsschauplatz schicken. Ein riskanter Plan, hinter dem wohl auch parteipolitisches Kalkül steckt – ebenso wie hinter dem Auftritt von Außenminister Heiko Maas in der Türkei, der den AKK-Vorschlag öffentlich abkanzelte.

NEUES IM WETTLAUF UM AFRIKA

Am 23. und 24. Oktober fand in Sotschi der erste Russland-Afrika-Gipfel statt, an dem rund 40 afrikanische Staats- und Regierungschefs teilnahmen. Was bedeutet die vertiefte Partnerschaft für den Kontinent und die Welt?

RAUS AUS DER BREXIT-ZWICKMÜHLE

Am Montag verkündete EU-Ratspräsident Donald Tusk, dass die 27 verbliebenen EU-Staaten einem Brexit-Aufschub zum 31. Januar 2020 zustimmen. Allerdings kann Großbritannien die EU auch vorher verlassen – und die Briten wählen noch vor Weihnachten ein neues Parlament.

NOTFALL NOTAUFNAHME

Rekordwartezeiten und immer wieder auch aggressive Patienten: Die Notaufnahmen an bundesdeutschen Krankenhäusern sind heillos überlastet. Das Problem ist mittlerweile erkannt, eine zufriedenstellende Lösung aber steht aus.

„DÜRFEN DAS NICHT HINNEHMEN“

Wenn die AfD in der Vergangenheit Gewalt gegen ihre Vertreter angeprangert hatte, wurde ihr vorgeworfen, sich in eine „Opferrolle“ zu drängen. Jetzt aber, da auch Etablierte zunehmend ins Visier von Politgewalttätern geraten, ist die Aufregung groß. Jüngste Beispiele.

30 JAHRE MAUERFALL

Donnerstag, 9. November 1989: Es zeichnet besonders geschichtsträchtige Daten aus, dass man sich auch viele Jahre später noch genau erinnern kann, was man damals gerade getan hat. Wo waren Sie an Deutschlands Freudentag?

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Nr. 44 vom 25.10.2019

Nr. 44 vom 25.10.2019

Standpunkt

Starke europäische Bande

Der schottische Schriftsteller Thomas Carlyle – in Deutschland vor allem durch sein Buch „Geschichte Friedrichs II. von Preußen“ bekannt – formulierte mit der „Great Man Theory“ die vorrangig auf das Wirken einzelner Persönlichkeiten abstellende Richtung der Geschichtsphilosophie: „Die Weltgeschichte ist nichts anderes als die Biographie großer Männer“ – und natürlich Frauen, wie man ja nicht erst seit Jeanne d’Arc und Katharina der Großen ganz genau weiß. Wenn Carlyle heute nach Argumenten für seine Sichtweise suchen würde, könnte er sich den britischen Premierminister Boris Johnson nicht entgehen lassen. Wie auch immer das Tauziehen endet, selbst der „Spiegel“, der Johnson gerne als Verrückten abstempeln wollte, musste nun einräumen: „Johnson hat geschafft, was bis vor Kurzem noch für nahezu unmöglich gehalten wurde. Er hat der EU neue Zugeständnisse beim Brexit-Deal abgerungen – und es gibt eine reelle Chance, dass das britische Parlament dem Abkommen zustimmt.“ Tatsächlich hat das Unterhaus der „European Union Withdrawal Agreement Bill“ bei der zweiten Lesung am 22. Oktober 2019 abgesegnet (nicht aber Johnsons Zeitplan).

Es ist eine Banalität, doch angesichts der hysterischen Schwarzmalerei hielt es der englische Journalist und Intellektuelle David Goodhart für geboten, sie im Interview mit „Le Figaro“ vom 16. Oktober auszusprechen: „Großbritannien wird nach dem Brexit nicht im Meer versinken.“

Natürlich bleibt das Königreich ein Teil Europas, das ist nur denjenigen schwer begreiflich, die ein politisches Konstrukt mit einem geschichtsträchtigen und kulturreichen Kontinent mutwillig verwechseln. Die Briten bleiben die Briten, auch wenn – oder gerade weil – sie nun ihren eigenen Weg gehen wollen. Großbritannien verliert seine europäische Identität genauso wenig, wie dem übrigen Europa der britische Beitrag zu seinem Wesen abhandenkommt. Der „Single Market“ und die Zollunion können so mächtig gar nicht sein, dass sie Jahrhunderte gemeinsamer (Ideen-)Geschichte und gegenseitiger kultureller Durchdringung, die Großbritannien und den Rest Europas für immer aneinander geschmiedet haben, überwögen.

Interessanterweise nämlich brach sich auch mit dem Brexit-Votum etwas Bahn, das nicht auf die britischen Inseln beschränkt ist, sondern in den meisten europäischen Ländern in mehr oder weniger starker Ausprägung anzutreffen ist. Großbritannien ist auch in dieser Frage keinesfalls entkoppelt vom Kontinent.

Die Sorgen der „Somewheres“,
die Eitelkeit der „Anywheres“

Für David Goodhart geht es hier um den Konflikt zwischen „Somewheres“, also solchen, die an gewisse Orte dauerhaft gebunden sind oder gebunden sein wollen, und „Anywheres“, elitären Kosmopoliten, die sich notfalls überall eine transkulturelle Heimat einrichten können (inklusive eigener Methoden der Abgrenzung wie Habitus oder – etwas konkreter – Gentrifizierung). Überall dort, wo der sogenannte Populismus Erfolge erzielt, haben die „Somewheres“ sich und ihren Interessen Geltung verschafft, lautet eine der Thesen, die man in Goodharts 2017 erschienenem Buch zum Brexit lesen kann.

Dass sich gerade in Großbritannien und den USA mit dem Brexit bzw. der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten die politischen Ansichten der „Somewheres“ durchsetzen konnten, erklärt er mit dem in beiden Ländern herrschenden Zweiparteien-System: In Kontinentaleuropa absorbiert der Parteienpluralismus divergierende Meinungen zu einem guten Teil, die bipartisan geprägten Länder ermöglichen deutlicher zugespitzte Wahlentscheidungen.

In Großbritannien und den USA finde man nichtsdestoweniger eine innerparteiliche Spaltung. So gebe es bei den Tories solche, die einen „harten“ Brexit befürworten, und solche, die eher einen Austritt à la Theresa May wollten, während manche Parlamentarier der Labour Party nicht müde werden, zu sagen, dass sie das Mehrheitsvotum für den Brexit in den von ihnen repräsentierten Gegenden im Norden und in den Midlands respektieren werden. Doch aus narzisstischen Gründen hätten diese „Linken“ nicht einmal für den May-Deal stimmen wollen. (Im Übrigen glaubt Goodhart, dass Johnsons Vorschlag besser ist, der auch den Schwierigkeiten in Nordirland gerecht werden kann.)

Die „Anywheres“ sind in seinen Augen die Verlierer im Brexit-Referendum, und zwar schlechte Verlierer, wie er im „Figaro“ erklärte. Sie seien es schlicht nicht gewohnt, dass „ihre Autorität und ihre ‚politischen Visionen‘ infrage gestellt werden“. Goodhart erkennt eben darin eine große Portion von dem Narzissmus, der auch zu der aktuellen Krise beigetragen habe.

Ein Durcheinander, mag sein, aber ein demokratisches

Goodhart findet es „hysterisch“ wegen des Brexits von einer demokratischen Krise zu sprechen. Im Gegenteil spricht er hier von einer funktionierenden Demokratie. Im Gespräch mit „Le Figaro“ führt er aus: „Das Vereinigte Königreich erlebt eine verrückte Krise, aber wir hatten zuvor eine politische Krise! Nämlich eine Krise der Nichtrepräsentation zahlreicher Meinungen.“

Goodhart meint, dass entgegen der auch von hiesigen Medien verbreiteten Ansicht eine Mehrheit der Briten dafür ist, den Brexit durchzuziehen – nicht unbedingt, weil sie so abgestimmt haben, sondern weil sie die demokratische Entscheidung von 2016 respektiert sehen wollen. „Man muss wissen, dass ein Teil der Leute, die für einen Verbleib in der EU gestimmt haben, glauben, dass man sie nun verlassen sollte, um dem Willen des Volkes gerecht zu werden. Wie in meinem Fall. Das heißt, dass 65 Prozent der britischen Bevölkerung immer noch gehen wollen.“

Goodhart sagt: „Ja, wir sind in einem großen Durcheinander, aber demokratisch! Das ist alles nichts Neues, wir produzieren politische Dramen seit Shakespeare.“ Und was könnte britischer sein?

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 25. Oktober 2019

ZDF: WARUM NICHT MIT OFFENEN
KARTEN?

Kürzlich präsentierte das ZDF eine Bundestagsabgeordnete der „Grünen“ als gewöhnliche Kundin einer Bio-Lebensmittelkette, die Produkte einer Hirsemühle aus ihren Regalen verbannt hatte, weil der Betreiber der AfD nahesteht. Die „Kundin“ – in Wahrheit die „grüne“ Politikerin Monika Lazar – begrüßte den Boykott.

SYRIEN-KRIEG: WAS KANN PUTIN ZUM
FRIEDEN BEITRAGEN?

Der Schlüssel zur Beendigung der von der Türkei zu verantwortenden neuerlichen Eskalation könnte in Moskau liegen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat betont, dass sein Land bereit sei, einen „Dialog zwischen den Kurden und Damaskus“ zu fördern. Wie die Putin-Regierung jetzt vorgehen will.

BERECHTIGTE PANIK?

Immer wieder wird als Argument dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland Einwanderung großen Stils benötige, die Wirtschaft ins Spiel gebracht, die unter dem demografischen Wandel so sehr leide, dass sie auf Fachkräfte aus der Fremde dringend angewiesen sei. Was stimmt?

ÖSTERREICH: ALLE OPTIONEN OFFEN

Die Alpenrepublik nach der Wahl: Nach ersten Sondierungsgesprächen zwischen ÖVP-Chef Sebastian Kurz und SPÖ-Obfrau Pamela Rendi-Wagner zeigten sich beide Seiten vorsichtig optimistisch. Kommt also eine Neuauflage der Großen Koalition? Entschieden ist nichts.

OPTIMISTISCH, ABER NICHT OHNE
SORGEN

Gemäß aktueller Shell-Jugendstudie beklagen 68 Prozent der 12- bis 25-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland, dass man nicht offen über bestimmte Themenfelder diskutieren könne. Außerdem verschweige die Regierung der Bevölkerung die Wahrheit, findet eine Mehrheit der jungen Leute.

PROBLEMATISCHES VERGNÜGEN

Urlaub auf dem Meer ist so stark gefragt wie selten zuvor, die Kreuzfahrtbranche wächst und wächst. Doch der anhaltende Boom hat eine ausgeprägte Schattenseite, denn kaum ein anderes Fortbewegungsmittel stößt so viele Schadstoffe aus wie die riesigen Pötte der Tourismusindustrie, die schwimmenden Städten gleichen.

REISEN IM SCHLAF

Spätestens seit Klima- und Umweltschutz Tag für Tag an Präsenz und Aufmerksamkeit gewinnen, rückt die Reise auf Schienen wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit. Während die Österreichischen Bundesbahnen die Potenziale des Nachtzugs erkannt haben, scheint die Deutsche Bahn sich an dessen Renaissance nicht beteiligen zu wollen.

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Nr. 43 vom 18.10.2019

Nr. 43 vom 18.10.2019

Standpunkt

Ein schlimmes Signal an junge Leute

Auf einflussreiche Freunde konnte Dr. theol. Carsten Rentzing, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, in der Not nicht bauen. Denn ein vernehmlicher Hinweis auf die im christlichen Glauben zentrale Vergebung oder auf den Gedanken der Verjährung, der doch erst recht greifen muss, wo gar keine Straftat vorliegt, blieb aus.

Bischof Rentzing befand sich schon seit Mitte September unter zunehmendem Druck. Anfangs hielt man ihm die Tatsache vor, dass er, 1967 in West-Berlin geboren, als Student in Frankfurt am Main in der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia (einer schlagenden Verbindung im Coburger Convent, dem Dachverband von akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften, nicht der Burschenschaften) aktiv wurde. Und auch, dass er dieser Korporation gemäß dem Lebensbundprinzip weiter als Alter Herr angehört. Dann warf man ihm vor, im Dezember 2013, eineinhalb Jahre vor seiner Wahl zum Landesbischof, einen Vortrag („Kirche in der Krise – Wohin treibt die EKD?“) bei der Bibliothek des Konservatismus gehalten zu haben. Schließlich förderten seine innerkirchlichen Kontrahenten einige Artikel zutage, die Rentzing in den Jahren 1989 bis 1992 in einem praktisch unbekannten Miniaturblatt mit dem Titel „Fragmente. Das konservative Kulturmagazin“ veröffentlichte. Die daraus bekannt gewordenen Stellen haben den Duktus eines ganz jungen Mannes, der sich mit Fragen von Staat und Gesellschaft auseinandersetzt und mit entsprechend großer Geste seine fast unvermeidlicherweise unausgegorenen Überlegungen in den Raum stellt.

Sonderbarerweise finden die Demokratie, zu der es doch überhaupt keine sinnvolle Alternative gibt, auf teils schockierende Art relativierende Sprüche, die heute von ausgewachsenen Stützen der bundesdeutschen Gesellschaft verbreitet werden, nicht den gleichen Widerspruch wie die dreißig Jahre alten Überlegungen des geistigen Adoleszenten Rentzing. Ein Fenster des Münchner Prinzregententheaters – Rechtsträger ist der Freistaat Bayern – ist zum Beispiel mit dem Satz „dekoriert“: „Demokratie ist ein wertvolles Gut, aber sie wird gefährlich, wenn die Mehrheit zum Bösen tendiert.“ Das wird wohl deshalb widerspruchslos so akzeptiert, weil es sich mutmaßlich gegen „rechts“ richtet. Dabei zeigt sich hier letztlich dasselbe „elitäre“ Denken, dem Rentzing einst angehangen haben soll.

Bekenntnis zum Grundgesetz

Ein interessantes Licht wirft ein Text Rentzings aus dem Jahr 1989, von dem der MDR einen Auszug im Faksimile veröffentlichte, auf den jungen Mann. Darin heißt es: „Das 1949 verabschiedete GG der Bundesrepublik Deutschland gibt der Gesellschaft ganz klare Grundwerte vor, auf die man sich im Großen und Ganzen allgemein verständigte. […] Es war das deutsche Volk, das sich hiermit explicit eine vorübergehende staatliche Ordnung gab. Niemals gab es auch nur den leisesten Zweifel, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland um den Rumpf eines Nationalstaates(!) handelte, der wiederhergestellt werden sollte. Auch die sonstigen Werte Freiheit, Würde und als Keimzelle des Staates die Familie, waren Gemeingut.“ Diese „Grundfesten des Staates“ sah der junge Mann nun in Gefahr, bemängelte zum Beispiel, dass die Leistung von Hausfrauen nicht mehr genügend gewürdigt werde, oder sorgte sich um die „geradezu lawinenartig gewachsenen Scheidungsraten“. Das waren gewiss konservative, doch das Grundgesetz und übrigens auch das darin enthaltene, seinerzeit oft missachtete Wiedervereinigungsgebot respektierende Gedanken.

Joschka Fischer – ein Vergleich

Der Theologe Rentzing bekundet heute, dass er sich für seine alten Texte schäme (für sein Bekenntnis zum Grundgesetz wird dies, das darf man zu seinen Gunsten wohl unterstellen, nicht gelten). Diese Distanzierung aber reicht offenbar nicht. Es gibt im Falle Rentzing, anders als bei der Wandlung des Joschka Fischer vom Anführer der gewalttätigen Frankfurter „Putztruppe“ zum deutschen Außenminister, kein Pardon. Dabei hat Rentzing, der sich von vornherein dem geistigen Diskurs zuwandte und auf diesen beschränkte, im Unterschied zu Fischer durch sein abgeschlossenes Studium der Theologie und die anschließende Promotion einen sichtbaren Beweis dafür abgelegt, wie sich sein Denken entwickelt hat, wie es fundierter und differenzierter geworden ist.

Was erwartet man von ihm noch? Was müsste der nicht vorbestrafte, unbescholtene Theologe tun, um zur „Resozialisierung“ zu gelangen? Das Landeskirchenamt teilte am 13. Oktober mit, die Kirchenleitung halte zwar „die Distanzierung des Landesbischofs von seinen Positionen vor 30 Jahren in Anbetracht seiner Arbeit in unserer Landeskirche für glaubwürdig“. Doch: „Sie hat aber auch die Problematik gesehen, dass eine solche öffentlich gewordene Vergangenheit das Handeln als Landesbischof und Repräsentant der Landeskirche gegenüber der Öffentlichkeit nachhaltig beeinträchtigen würde.“ Wird man ihm nun noch eine Pastorenstelle zubilligen? Oder steht seine „Vergangenheit“ auch dem entgegen?

Im Deutschlandfunk erhob der Journalist Philipp Greifenstein nach Rentzings Rücktritt sogar noch weiter gehende Forderungen. So habe dieser „eben noch nicht deutlich gemacht, wie er zum Beispiel mit den Freundschaften und Bekanntschaften aus dieser Zeit bis heute verfährt“. Sollte Rentzing etwa gar mit – in biblischen Kategorien – Zöllnern und Huren reden? Wie unchristlich wäre das?

„Trial and error“

Das Schlimmste an der Sache ist das Signal an die Jugend. Wenn das Recht auf Irrtum nicht mehr anerkannt wird, aber Irren doch menschlich ist und bleibt, gibt es nur einen sicheren Weg: nämlich den Mund zu halten. Das aber widerspricht demokratischen Grundsätzen tatsächlich vollkommen. Denn der Willensbildungsprozess in der freiheitlich demokratischen Ordnung ist vom Bundesverfassungsgericht nicht umsonst als ein Prozess von „trial and error“, von Versuch und Irrtum, beschrieben worden. In denselben Bahnen verläuft auch die Entwicklung jedes Einzelnen.

Wenn jemand für seine ersten, aufgrund studentischen Engagements unternommenen Gehversuche im Rahmen der für die Demokratie unentbehrlichen ständigen geistigen Auseinandersetzung noch nach drei Jahrzehnten beruflich vernichtet werden kann, mag dies von Schnüfflern und anderen Akteuren vielleicht als Triumph der eigenen Hypermoral empfunden werden – es ist aber ein Unrecht und wird in weiteren dreißig Jahren vielleicht auch so bewertet werden.

UW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 18. Oktober 2019

WIE KANZLERTAUGLICH IST AKK?

Nur elf Prozent der Bundesdeutschen halten die CDU-Chefin für befähigt, das höchste Regierungsamt zu bekleiden. Auch innerparteilich wachsen die Zweifel. Davon kündet die Forderung der Jungen Union, den Kanzlerkandidaten der CDU per Urwahl zu bestimmen.

DIE KURDISCHE TRAGÖDIE
SETZT SICH FORT

Mit dem Einmarsch der türkischen Armee in nordsyrische Gebiete ist eine neue Eskalationsstufe erreicht. Sind die Kurden tatsächlich dazu verurteilt, „ewige Verlierer“ der Geschichte zu sein?

BREXIT: DIE UHR TICKT

Die britische Königin hat mit der „Queen’s Speech“ die Sitzungen des Unterhauses offiziell wiedereröffnet. Premierminister Boris Johnson bleibt nun wenig Zeit, um sein Land aus der Europäischen Union zu führen.

HOFFNUNG FÜR DIE UKRAINE?

Präsident Wolodymyr Selenskyj, dessen Wahlziel das Ende des Konflikts im Land war, hat der Steinmeier-Formel zugestimmt. Das heißt für die Ostukraine: Abzug der fremden Truppen, freie Wahlen nach internationalen Standards, Sonderstatus. Doch schon werden Stimmen laut, die ihm eine Kapitulation vor Moskau unterstellen.

ABSOLUT BÖSE

Dem Mörder von Halle wird es recht sein, dass er durch seine grausame Schandtat so viel Aufmerksamkeit erfährt wie niemals zuvor in seiner gescheiterten Existenz. Die Gesellschaft muss sich wohl mehr einfallen lassen, als – was sicher auch wichtig ist – die verwerflichen politischen oder religiösen Deckmäntelchen von Tätern zu ächten.

STILLE KATASTROPHE

Die Brandrodungen in Indonesien haben möglicherweise schwere Auswirkungen auf das globale Klima. Zudem sollen mittlerweile eine Million Menschen allein auf Borneo und Sumatra an Atemwegserkrankungen leiden. Und das Biotop der Orang-Utans, die in freier Wildbahn nur auf diesen beiden Inseln vorkommen, geht in Rauch auf

WIR SIND – NACHDENKLICH

Die Bundesregierung setzt derzeit auf von der Agentur Ballhaus West in Szene gesetzte Werbung, die unser aller „Vertrauen in den Rechtsstaat“ stärken soll. Kern des Rechtsstaatsprinzips ist die Unterwerfung der gesamten Staatsgewalt unter das Recht. Wird dem Genüge getan, fördert dies das Vertrauen mehr als eine „Kommunikationskampagne“, zumal wenn sie recht oberflächlich bleibt.

WAS IST „GLOTTOPHOBIE“?

Der französische Linguist Philippe Blanchet hat für sprachliche Diskriminierung den Neologismus „Glottophobie“ eingeführt, der in Frankreich Kreise bis in die hohe Politik zieht. Doch das Konzept lässt sich auf Deutschland nicht übertragen und ist ungeeignet, Kritik an Entwicklungen abzuwürgen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

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