Nr. 26 vom 23.6.2017

Nr. 26 vom 23.6.2017

Standpunkt

Stichwort „Overblocking“

Heiko Maas’ Entwurf zu einem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, landläufig „Facebook-Gesetz“ genannt, verstößt gegen das Grundgesetz, also die höchste in der Bundesrepublik in Geltung stehende Norm. Das ist das brisante Ergebnis einer 16-seitigen Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages vom 12. Juni 2017. Eine zentrale Rolle spielt darin der von den hohen Bußgeldandrohungen ausgehende Einschüchterungseffekt, der bewirken werde, dass soziale Netzwerke auch legale Inhalte entfernen.

Gegenstand der Ausarbeitung mit dem Aktenzeichen WD 10 – 3000 – 037/17 ist die Frage, ob der vom Bundeskabinett am 5. April 2017 verabschiedete und von den Fraktionen von CDU/CSU und SPD am 19. Mai 2017 in den Bundestag eingebrachte Entwurf eines „Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“ (NetzDG) mit der verfassungsrechtlich verankerten Meinungsfreiheit vereinbar ist. Der Gesetzentwurf beinhaltet Regeln für die Betreiber sozialer Netzwerke mit im Inland mehr als zwei Millionen Nutzern und soll – nach offizieller Lesart – bewirken, dass Beschwerden im Zusammenhang mit bestimmten rechtswidrigen Inhalten (die Entwurfsbegründung spricht von „Hassrede“ und „strafbaren Falschnachrichten“) schneller und umfassender bearbeitet werden. Wie am 19. Juni bekannt wurde, zweifelt inzwischen sogar die EU-Kommission die Verhältnismäßigkeit des geplanten Gesetzes an. Am 1. Juni hatte bereits der Sonderbeauftragte der UNO für die Meinungsfreiheit, David Kaye, schwere Bedenken geäußert – einschließlich der Befürchtung, dass die hohen Bußgelder zur Löschung rechtmäßiger Inhalte führen werden. Das Gesetz wird aber voraussichtlich dennoch vor der Bundestagswahl – möglicherweise mit einigen Abmilderungen – verabschiedet werden. Dies schließt keineswegs aus, dass es den dann Verantwortlichen zu einem späteren Zeitpunkt vom Bundesverfassungsgericht wegen Verstoßes gegen das Grundgesetz um die Ohren gehauen wird.

Löschung rechtmäßiger Inhalte?

Kern des Gesetzentwurfes ist der § 3. Dessen Absatz 1 verpflichtet Anbieter sozialer Netzwerke dazu, ihren Nutzern ein wirksames und transparentes Verfahren für den Umgang mit Beschwerden über rechtswidrige Inhalte zur Verfügung zu stellen. Gemäß Absatz 2 muss dieses Verfahren gewährleisten, dass der Anbieter des sozialen Netzwerks unverzüglich von der Beschwerde Kenntnis nimmt und prüft, ob der Inhalt rechtswidrig und zu entfernen oder der Zugang zu ihm zu sperren ist. Offensichtlich rechtswidrige Inhalte sind innerhalb von 24 Stunden nach Eingang der Beschwerde zu entfernen beziehungsweise zu sperren. Im Übrigen gilt eine Frist von sieben Tagen.

Das Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste geht davon aus, dass die Vorgaben des geplanten Netzwerkdurchsetzungsgesetzes eine dem Staat zurechenbare Grundrechtsbeeinträchtigung zu Lasten der Nutzer sozialer Netzwerke darstellen: „Kritiker sehen aufgrund der festen – insbesondere kurzen – Löschfristen und der hohen Bußgeldandrohung (bis zu 5 Mio. Euro bzw. 50 Mio. Euro) bei Nichteinhaltung der Regelungen des § 3 NetzDG-Entwurf eine Gefahr für die Meinungsfreiheit. Derartige – in vielen Fällen auch existenzbedrohende – Bußgeldandrohungen erhöhten das Risiko, dass Unternehmen ohne sorgfältige vorherige Prüfung und vor allem in Zweifelsfällen auch legale Inhalte entfernten (sog. ‚Overblocking‘). In der Bußgeldandrohung wird somit auch ein Einschüchterungseffekt (Chilling-Effekt) gesehen, dass aus Angst vor Sanktionen auch rechtmäßige Äußerungen gelöscht werden.“

Die Ausarbeitung bezieht sich auf die Medienrechtler Jörg Wimmers und Britta Heymann und deren im renommierten „Archiv für Presserecht“ erschienene kritische Stellungnahme zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Wimmers und Heymann wiesen „auf die einschränkenden Effekte für die Meinungsfreiheit hin, welche durch die hohe Wahrscheinlichkeit der Entfernung zulässiger Inhalte zu erkennen und zu erwarten seien. Die Meinungsfreiheit sei demnach bereits aufgrund der zu kurzen Prüfungsfristen nicht gewährleistet.“

Das Zwischenergebnis der Wissenschaftlichen Dienste lautet: „Die Vorgaben geben zahlreiche und nachhaltige Anreize für Diensteanbieter, als private zwischengeschaltete Instanz vorsorglich Inhalte zu löschen oder zu sperren, welche sich in einer gerichtlichen Überprüfung als rechtmäßig erweisen könnten. Eine dem Staat zurechenbare Grundrechtsbeeinträchtigung ist zu erwarten.“

Unverhältnismäßig

Bei der anschließenden Prüfung, „ob der Eingriff in die Meinungsfreiheit verfassungsrechtlich gerechtfertigt ist“, bemängeln die Bearbeiter, dass „bestimmte rechtswidrige Inhalte bzw. bestimmte Meinungen stärker geahndet“ würden als andere. Endgültig scheitert der Gesetzentwurf aber an der Verhältnismäßigkeitsprüfung. Um verhältnismäßig zu sein, müsste der Grundrechtseingriff nämlich zur Erreichung eines legitimen Zwecks nicht nur geeignet, sondern auch erforderlich und angemessen sein. Die beiden letzteren Voraussetzungen werden von den Wissenschaftlichen Diensten verneint. „Mit Blick auf die Gefahr des Overblockings für die Meinungsfreiheit und eine voraussichtlich nicht unerhebliche Zahl von Betroffenen“ sprächen „gute Gründe für die Wahl eines milderen Mittels in Form von unabhängigen Selbstkontrolleinrichtungen, da diese bereits eine zufriedenstellende Zweckerreichung gewährleisten können“. Solche Selbstkontrolleinrichtungen hatte schon der Deutsche Anwaltverein vorgeschlagen.

KD

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 23. Juni 2017

EFFEKTIV GEGEN TODESRASER!

Wieder ist bei einem illegalen Straßenrennen ein Fußgänger getötet worden, diesmal in Mönchengladbach. Um die Raser zu stoppen, muss der polizeiliche Druck erhöht werden. Dabei ist allerdings gezieltes Vorgehen notwendig.

KOHLS GRÖSSTER FEHLER …

… regiert heute Deutschland. Der verstorbene Altkanzler konnte „Vaterland“ sagen. Ein Satz wie „Gott segne unser deutsches Vaterland“ ging ihm leicht von den Lippen. Angela Merkel hingegen würde sich eher die Zunge abbeißen. Warum durchschaute Helmut Kohl sie nicht?

„IDENTITÄRE“ BEWEGEN BERLIN

An die Tausend vor allem junge Menschen folgten am 17. Juni dem Ruf der „Identitären Bewegung“ zur Demonstration in der Hauptstadt unter dem Motto „Zukunft Europa – verändern und bewegen“. Sie ließen sich auch durch stundenlange Blockaden das demokratische Recht nicht nehmen, ihre Forderungen auf die Straße zu bringen.

WÄHLERSTREIK UND SCHERBENGERICHT

Sowohl die acht Mandate des „Front National“ als auch die absolute Mehrheit für Emmanuel Macron in Frankreichs Nationalversammlung werden in den Schatten gestellt von einer anderen Zahl: Der historisch niedrigen Wahlbeteiligung, die nicht nur Schwächen des Wahlsystems aufzeigt, sondern auch, dass Macron nicht als der Heilsbringer betrachtet wird, als den ihn viele Medien inszenieren.

WIE GUT IST UNSER TRINKWASSER?

Am 9. Juni ließ das Umweltbundesamt als zentrale Umweltbehörde der Bundesrepublik Deutschland mit einer Warnung aufhorchen: Trinkwasser könnte in etlichen Regionen Deutschlands in Zukunft spürbar teurer werden. Grund sei die hohe Belastung des Grundwassers mit Nitrat.

VON DER AFD MISSBRAUCHT?

„Neue Deutsche?“ Machen wir selber! Mit ihrer unlängst vorgestellten Plakatserie zur Bundestagswahl setzt die Alternative für Deutschland auf Humor; sehr zum Unwillen tonangebender Miesepeter. Was hinter der Kampagne steckt.

GELEHRSAMKEIT UND KRITISCHES DENKEN

Peter Sloterdijk zählt nicht nur zu den wenigen originären Denkern der Republik, man kann ihn auch nicht in Schubladen einordnen. Zu vielschichtig, zuweilen auch widersprüchlich erscheinen seine Ansichten. In diesen Tagen wird der Philosoph siebzig Jahre alt.

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Nr. 25 vom 16.6.2017

Nr. 25 vom 16.6.2017

Standpunkt

„Klimaschutz“ über den Wolken?

Nach der Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens durch Donald Trump wurde der US-Präsident von der „taz“ – sie ist hier nur ein Beispiel für eine verbreitete Haltung – unter der Schlagzeile „Na, warte!“ auf sechs Seiten zu gedrucktem Hackfleisch verarbeitet. Doch als man durch war, stieß man in der vermeintlich linksalternativen Zeitung auf ein weißes Kuvert mit Silberfolie. Angeheizt durch die klimabewegten Zeilen und gespannt, was man jetzt für die Welt tun kann, fand man darin das Exklusivangebot („speziell für Sie als treuen Leser der taz“) einer „15-Tage 4-Sterne-Reise“ nach Marokko einschließlich „Hin- und Rückflug mit renommierter Fluggesellschaft“ und „Erholung im 4-Sterne-Traumhotel“.

Macht allein für die 5.800 Kilometer Flug hin und zurück – also ohne „Transfer“, „Rundreise“ und Hotel – einen Ausstoß von zwei Tonnen Kohlendioxid pro Teilnehmer. Das ist so viel, wie ein Inder im ganzen Jahr an CO2-Emissionen verursacht, aber um ein Mehrfaches schädlicher. Der CO2-Rechner belehrt einen ja auch darüber: „Da Flugzeuge klimaschädliche Stoffe in höheren Schichten der Atmosphäre ausstoßen, haben sie einen größeren Einfluss auf das Klima, als ein bodennaher CO2-Ausstoß.“

Vom Umweltbundesamt wird angestrebt, dass jeder Bundesbürger statt bisher zwölf Tonnen CO2 weniger als eine Tonne CO2 pro Jahr verursacht. Trotzdem ist natürlich das Gemeinschaftserlebnis nicht zu unterschätzen, kann man doch in dem Flieger nach Marokko mit anderen „Klimaschützern“ beieinandersitzen und in 12.000 Metern Höhe auf den Klimasünder Trump schimpfen, der sozusagen das Unehrenmitglied des ganzen Vereins ist.

TTIP und TPP

Doch leider gilt in Umweltfragen, und damit auch beim Klimaschutz, die alte Wilhelm-Busch-Weisheit „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt“. Und da hat Trump immerhin das Verdienst vorzuweisen, dass er die Freihandelsabkommen TTIP und TPP ausgebremst hat. Das ist ein konkreter Rückschlag für eine rücksichtslose Globalisierung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass auch Güter, die ohne weiteres lokal oder regional hergestellt werden können, noch stärker zum Gegenstand interkontinentaler Handelsströme werden – wodurch das Transportaufkommen und damit der Energie- und Ressourcenverbrauch immer weiter wachsen.

Merkel hingegen hat TTIP nach Kräften voranzutreiben versucht. Und sie hat gerade erst mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dafür gesorgt, dass Peking seine geplante Elektroquote lockert, wonach schon ab 2018 in China tätige Autohersteller den Anteil von Elektroautos an ihren Verkäufen hätten kräftig steigern müssen. (Die Luft in den chinesischen Städten müssen andere einatmen!)

Trump – das zeigt schon der riesige ökologische Fußabdruck, den er persönlich seit Jahrzehnten mit seinem pompösen Lebensstil (man betrachte nur seine private, an sich für 200 Passagiere bestimmte Boeing 757) hinterlässt – ist sicher alles andere als ein Umweltheld. Er ist von solchem Denken offenbar so weit weg (und zugleich so schlecht beraten), dass er die Vorzüge, die seine freihandelskritische Politik für die Umwelt bringt, nicht einmal für PR nützt.

Rettende Globalisierungsbremse

Aber wer bei der Globalisierung aufs Gas tritt, wie Merkel, schadet der Umwelt, ob er es beabsichtigt oder nicht. Und wer hier auf die Bremse steigt, der bringt, auch wenn es ihm um etwas anderes geht, Entlastung. Trumps Bilanz wird natürlich auch davon abhängen, ob er Kriege führt wie seine Vorgänger – oder es, wie im Wahlkampf versprochen, bleiben lässt. Und ob er seine maßlosen, offenbar auf Umsätze der amerikanischen Waffenindustrie abzielenden Rüstungspläne in der NATO durchsetzen kann.

Generell aber gilt: Interventionismus und globalistische Ideologie sind für unseren Planeten als Lebensraum Gift. Das gilt auch für die Vorstellung, dass jeder überallhin migrieren können soll – denn schon kurz nach Einwanderung eines Familienmitglieds beginnt der Flugzirkus auch da. Und Familienbesuche lassen sich, wenn denn einmal drastischere Einschränkungen als notwendig erachtet werden, noch schwerer regulieren als „4-Sterne-Reisen nach Marokko“ aus Daffke.

Ulrich Wenk

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 16. Juni 2017

„VERBOTENE VIERTEL“

In Frankreich wird darüber diskutiert, dass Frauen sexuellen Belästigungen auf der Straße ausgesetzt sind, die in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen haben, und „No-Go-Areas“ entstehen. In Deutschland wird das zwar nicht thematisiert, doch gefeit sind wir vor dieser Entwicklung nicht.

MACRONS WÜNSCHE

Kommt jetzt die Vergemeinschaftung der Schulden? Frankreichs Präsident verlangt gemeinsame EU-Anleihen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will ihn unterstützen, um in fünf Jahren eine Präsidentin Le Pen zu verhindern. Ob auch die Kanzlerin – ihr Verhältnis zu Macron basiert auf dem Grundsatz „loben und loben lassen“ – nachgibt?

POKER UM GROSSBRITANNIEN

Eine nordirische Regionalpartei ist nun Zünglein an der Waage. Dass sich die britische Premierministerin Theresa May den Wählern gestellt hat, kann man ihr allerdings nicht vorwerfen.

TRUMPS TWEETS

Nach der London-Bridge-Attacke hatte US-Präsident Trump getwittert: „Mindestens sieben Tote und 48 Verletzte bei einem Terroranschlag, und Londons Bürgermeister sagt, es gebe keinen Grund, alarmiert zu sein!“ Die Reaktionen darauf lassen erstaunen.

DROHT EIN FLÄCHENBRAND?

Mit den offenbar von langer Hand geplanten Anschlägen in Teheran hat der „Islamische Staat“ seinen Terror erstmals auf den Iran und damit die Schutzmacht der Schiiten im Nahen Osten ausgeweitet. Damit legt der IS die Lunte an ein weiteres Pulverfass.

VERÄNDERTE REPUBLIK

Ungewöhnliche Verhaltensregeln für Schüler in Bautzen, Eskalation in einer Dresdner Unterkunft, ein Schleuser außer Rand und Band in Rosenheim und der Mord an einem Fünfjährigen in Arnschwang bei Regensburg.

STADT DER KINDER

„Alle relevanten Kinderorte wie Schule, Spielplätze usw. sind durch ein Wegnetz verbunden, das in Zusammenarbeit mit Kindern ermittelt wurde. 100 Spielobjekte ermöglichen es, sich durch die Stadt hindurchzuspielen.“ Griesheim in Hessen verdeutlicht, wie öffentlicher Raum für Kinder zurückerobert werden kann.

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Nr. 24 vom 9.6.2017

Nr. 24 vom 9.6.2017

Standpunkt

Umbenennung des Nachtigalplatzes:
Roh gegen einen Einfühlsamen

Deutsche Gründlichkeit und „German Efficiency“ in einer schlimmen Ausprägung zeigen sich, wenn Mitbürger, die einer Berufung zur Politik folgen, sich in eine Ideologie hineinsteigern. Wie man auf dem Höhepunkt des Dritten Reiches, 1939, auf die Idee kam, dem „Kolonialpionier“ Dr. Carl Peters in der Hauptstadt eine Straße zu widmen (obwohl schon Ludwig Thoma 1907 im Simplicissimus über Peters das gereimte, aber durchaus begründete Urteil getroffen hatte: „Hinter Wortschwall, hinter Phrasen, steckt ein rohes Menschenbild.“), so hat jetzt die ebenso abwegige Absicht Gestalt angenommen, den Nachtigalplatz im Berliner Wedding seines Namens zu entkleiden.

Dabei war Gustav Nachtigal ein vornehmer Charakter. Sogar der „Spiegel“ verteidigte den Sklavereigegner Nachtigal 2016 dagegen, ein „Finsterling“ gewesen zu sein, und kam zu dem Ergebnis: „Aus politischer Korrektheit Gustav-Nachtigal-Straßen oder -Plätze umzubenennen – das erscheint ein wenig albern.“ Nach dem Willen der Berliner Bezirksverordnetenversammlung Mitte sollen nun auch die Lüderitzstraße und die Petersallee fallen, obwohl letztere bereits 1986 umgewidmet wurde und seitdem an den Juristen Professor Hans Peters erinnert, ein Mitglied des widerständigen Kreisauer Kreises, das nach dem Krieg in Berlin CDU-Politiker und Dekan und später in Köln Universitätsrektor war.

Wird der Nachtigalplatz umbenannt, ist dies freilich nicht nur albern, sondern auch eine Verzerrung des Lebensbildes von Gustav Nachtigal und ein Angriff auf dessen postmortales Persönlichkeitsrecht, das ein Ausfluss der grundgesetzlich verbürgten Menschenwürde ist.

Ein hervorragender Kenner von Leben und Werk des Afrikaforschers ist der 1933 in Neuseeland geborene Historiker Humphrey J. Fisher, der seine akademische Karriere an der renommierten Londoner Universität „School of Oriental and African Studies“ verbracht und Nachtigals Werk ins Englische übersetzt hat. Die Beschreibung der über 10.000 Kilometer langen, fünfeinhalbjährigen Reise durch die Sahara und den Sudan sei eine der wichtigsten Quellen über Afrika im 19. Jahrhundert und „von größerem Wert als die meisten Berichte berühmter britischer Forscher“, so Fisher. „Nachtigal bietet außerdem kritische historische Einblicke in viele gegenwärtige Herausforderungen, in Dafur, im Tschad und in Libyen. Es ist zum Beispiel nicht übertrieben zu sagen, dass seine Berichte über das Volk der Tubu von enormer Wichtigkeit sind, will man die bewegte Geschichte des Tschads seit der Unabhängigkeit 1960 und auch das Libyen nach Gaddafi verstehen.“

Das „International Journal of Middle East Studies“ kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Gustav Nachtigal zählt zu den bedeutendsten Afrikareisenden aufgrund des Umfangs, der Genauigkeit und Exaktheit seiner Beobachtungen und aufgrund des Mitgefühls, das er denen entgegenbrachte, in deren Mitte er sich bewegte.“

Dieses Mitgefühl wird Nachtigal mehrfach attestiert und tatsächlich liest man trotz der Bedrohungen, Angriffe und Misshandlungen, die er als Reisender von Einheimischen während seiner Expeditionen zwischen 1869 und 1874 erfuhr, keine Pauschalvorwürfe und Anklagen aus seinen Berichten. Zu seinem 100. Geburtstag hieß es in der Zeitschrift „Der Schweizer Geograph“ über den 1834 in der Altmark geborenen studierten Arzt, der an Tuberkulose erkrankt 1862 zunächst nach Nordafrika ging: „Dankbarkeit über die wiedererlangte Gesundheit, neuerworbene Freunde, der natürliche Reichtum, das glückliche Klima und die unverfälschte Eigenart von Land und Volk fesselten den jungen Mediziner, der als Leibarzt des bedeutendsten tunesischen Ministers bald zu hohem Ansehen und ausgedehnter Praxis gelangte.“ Und: „Sich einfühlend in den Charakter und die Art der Völker, unter denen er lebte, ihre Sprache vollkommen beherrschend, wandelt unser deutscher Doktor rascher auf jenem Wege vor“, nämlich „durch das seltsam bunte und verworrene und doch nach einem großen Gedanken dahinströmende arabisch-maurische Leben“. Als erster Europäer wagte er sich in das Hochland von Tibesti im heutigen Tschad, fand in Kuka (heute Nigeria) im Scheich Omar „einen großmütigen Freund“ und selbst in Wadai (heute Tschad) konnte er „den gefürchteten Christenhasser Sultan Ali“ für sich einnehmen.

In der „Neuen Deutschen Biographie“ schreibt der Wissenschaftshistoriker Prof. Claus Priesner über Nachtigals Werdegang nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1874: „1882 wurde er zum Generalkonsul des Deutschen Reichs in Tunis ernannt, 1884 entsandte man ihn als Reichskommissar nach Westafrika.“ Die deutschsprachige Wikipedia zieht Nachtigals Briefe und Tagebucheinträge heran, um sein Widerstreben zu verdeutlichen. „Lediglich die Hoffnung, durch eine europäische Intervention dem Sklavenhandel einen Riegel vorzuschieben, ließ ihn Bismarcks Auftrag annehmen.“ Am 20. April 1885 erlag Gustav Nachtigal an Bord der „SMS Möwe“ auf der Rückreise nach Europa der Malaria. Seine letzte Ruhe fand er 1888 vor dem ehemaligen Regierungsgebäude in Kamerun.

Jürgen Schwaiger

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 9. Juni 2017

AFGHANISTAN IST GROSS

Die Bundesregierung hat Rückführungen abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan ausgesetzt. Die jetzige Wende wird mit dem Anschlag in Kabul begründet. Aber Afghanistan ist groß –  34 Provinzen mit zusammen 650.000 Quadratkilometern.

„PAKT MIT DEM TEUFEL“

Die Vereinigten Staaten von Amerika und Saudi-Arabien rücken gegen den Iran enger zusammen. Welche Strategie verfolgt US-Präsident Donald Trump in diesem Zusammenhang? Dr. Bernhard Tomaschitz beleuchtet die Zusammenhänge.

DIGITALER GOLDRAUSCH

Soll man auf den US-Dollar setzen, den Schweizer Franken, das Britische Pfund oder doch lieber auf den Euro? Immer mehr Investoren griffen zuletzt zu einer dezentralen Währung, die weltweit verfügbar ist und für deren Erwerb man keine Banken in Anspruch nehmen muss. Das Auf und Ab der Internetwährung „Bitcoin“.

ZUM FALL AMRI

Die Berliner Polizei hat nach Lage der Dinge im Fall des tunesischen Attentäters Anis Amri Fehler gemacht. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Eine unvoreingenommene Analyse des Falles wirft in erster Linie Fragen zu der politischen Verantwortung auf.

KEIN KINDERSPIELZEUG

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass durch intensive Smartphone-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen das Risiko unter anderem von Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität steigt. Welche Gefahren drohen noch? Dazu der Kommentar „Quer gedacht“.

INKLUSION: MANGELHAFT

Für die gemeinsame Unterrichtung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf und Schülern, die einen solchen nicht haben, zahlen Pädagogen und Kinder einen hohen Preis. Es fehlt an Ausstattung, Ressourcen und Personal.

NIEDERGANG ALS CHANCE

Wieder verabschiedet sich ein Traditionsverein aus dem Fußball-Oberhaus. Der Abstieg von 1860 München unterstreicht den Wandel, den der frühere Volkssport insgesamt erlebt. Große Klubs können finanziell nicht mehr mithalten und dümpeln in dritter, vierter oder fünfter Liga herum. Was kann die Münchner Löwen retten?

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