Nr. 18 vom 24.4.2015

 

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Standpunkt

Wie Deutsche sich für die Armenier einsetzten

Die Greuel an den Armeniern – verübt vor einhundert Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, im Osmanischen Reich – beschäftigen derzeit Politik und Medien. Oft taucht dabei eine Behauptung auf wie die folgende in der Tageszeitung „Die Welt“ vom 17. April 2015: „Deutsche Generäle waren bei Planung und Durchführung der Aktionen beteiligt.“ In derselben Ausgabe des Springer-Blattes äußert der Historiker Michael Hesemann, der Völkermord an den Armeniern sei „auch ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte“: „Deutsche Generäle, die als Militärberater im Osmanischen Reich wirkten, haben die Massaker geschehen lassen, ohne zu protestieren.“ Aber stimmt das?

Hesemann räumt in der „Welt“ selbst ein, dass es dem diplomatischen Vertreter von Papst Benedikt XV. „nur mit deutscher und österreichischer Hilfe“ gelang, Sultan Mehmet V. den päpstlichen Protestbrief vom 10. September 1915 zu übergeben.

Ein deutscher Schriftsteller, Franz Werfel aus Prag, war es auch, der mit „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ das Buch des armenischen Untergangs schrieb. In dessen fünftem Kapitel begegnet uns wiederum ein Deutscher, Pastor Dr. Johannes Lepsius (1858 – 1926), der unermüdlich für die Sache der Armenier unterwegs war und für sie in der legendären Begegnung mit dem osmanischen Kriegsminister Enver Pascha am 10. August 1915 in Konstantinopel stritt. Enver Pascha wird neben Innenminister Talaat Pascha als einer der Hauptverantwortlichen der Massaker betrachtet.

Pastor Lepsius’ Aussage in Berlin 1921

Talaat Pascha wurde in Berlin von einem armenischen Rächer erschossen. Der Prozess gegen den Attentäter, der angeklagt war, „am 15. März 1921 zu Charlottenburg den früheren türkischen Großwesir Talaat Pascha vorsätzlich getötet“ zu haben, geriet zum Prozess über den Völkermord an den Armeniern. Er ist dokumentiert in der 1921 erschienenen Schrift mit dem Titel „Der Prozess Talaat Pascha. Stenographischer Bericht über die Verhandlung gegen den des Mordes an Talaat Pascha angeklagten armenischen Studenten Salomon Teilirian vor dem Schwurgericht des Landgerichts III zu Berlin, Aktenzeichen: C. J. 22/21, am 2. und 3. Juni 1921“.

Zentral ist darin die Aussage von Pastor Lepsius, der nach dem Sachverständigeneid vom Vorsitzenden Richter gefragt wurde: „Sind derartige Greuel in größtem Umfange bei den armenischen Massakers im Jahre 1915 vorgekommen und verdienen die Schilderungen der Zeugen und die Angaben des Angeklagten über seine persönlichen Erlebnisse nach den Studien und Erfahrungen, die Sie gesammelt haben, Glauben?“

Das Einschreiten der Generäle

Lepsius antwortete: „Die allgemeine Deportation wurde vom Jungtürkischen Komitee beschlossen, durch Talaat Pascha als Minister des Innern, andererseits wohl auch durch Enver Pascha als Kriegsminister, angeordnet und mit Hilfe der Organisation des Jungtürkischen Komitees durchgeführt. Die Deportation, die allgemeine Verschickung, die wohl schon im April 1915 beschlossen war, betraf die gesamte armenische Bevölkerung der Türkei, mit geringen Ausnahmen, die ich noch nennen werde.“

Den aktuellen Darstellungen, die den deutschen Verbündeten in der Türkei in eine Art Komplizenschaft zu rücken versuchen, widerspricht Lepsius’ Aussage. Das Gegenteil trifft danach zu: „Von der ursprünglichen Zahl von 1.850.000 Armeniern sind etwa 1.400.000 deportiert worden. Es bleiben 450.000 Rest. Davon sind etwa 200.000 von der Verschickung ausgenommen worden, in der Hauptsache die Stadtbevölkerung von Konstantinopel, Smyrna und Aleppo. Um die Erhaltung der Armenier von Aleppo hat sich der deutsche Konsul Rößler verdient gemacht, derselbe, der in der Ententepresse verleumdet wurde, er habe in eigener Person Massakers organisiert. In Smyrna verhinderte der maßlos verdächtigte General Liman von Sanders, wie Sie von ihm selber hören werden, die Deportationen der Armenier. Dasselbe tat Generalfeldmarschall von der Goltz. Als er nach Bagdad kam, erfuhr er, dass die Armenier von Bagdad nach Mossul verschickt worden seien und von dort samt den Armeniern von Mossul nach dem Euphrat deportiert, d. h. in den Tod geschickt werden sollten. Von der Goltz ließ dem Wali von Mossul erklären, er verbiete die Deportation. Als der Wali erneuten Befehl erhielt, die Deportation auszuführen, reichte von der Goltz seine Demission ein. Erst jetzt gab Enver Pascha nach, nicht ohne seinem Schreiben an von der Goltz hinzuzufügen: dass ihn ,seine Oberbefehlshaberbefugnisse nicht berechtigen, sich in die inneren Angelegenheiten des türkischen Reiches einzumischen’.“

Übrigens zeugt auch das Urteil im Berliner Prozess, das am 3. Juni 1921 fiel, von deutschem Mitgefühl für die Armenier. Nach der Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden Richter, der betonte, dass eine strafbare Handlung nicht vorliegt, wenn der Täter in einem Zustande gehandelt hat, der eine freie Willensbestimmung ausschloss, lautete der Spruch der Geschworenen auf die Frage „Ist der Angeklagte Salomon Teilirian schuldig, am 15. März 1921 in Charlottenburg vorsätzlich einen Menschen, den Talaat Pascha, getötet zu haben?“: „Nein.“ Also wurde der Attentäter, dessen Mutter und dessen Bruder im Juni 1915 vor seinen Augen getötet worden waren, auf Kosten der Staatskasse freigesprochen.

Die Proteste der deutschen Botschafter

1919 veröffentlichte Pastor Dr. Johannes Lepsius das Buch „Deutschland und Armenien: Sammlung diplomatischer Aktenstücke“. Lepsius’ Einleitung enthält den Abschnitt „Die Schritte der Botschafter bei der Pforte“ (also bei der osmanischen Regierung), in dem der große Freund des armenischen Volkes die vergeblichen diplomatischen Interventionen des Jahres 1915 Revue passieren lässt:

„Was haben die deutschen Botschafter zur Abwehr des Unheils und zur Eindämmung seiner verhängnisvollen Folgen getan?

Durch die Ankündigung von Verschickungen ,nicht ganz einwandfreier Familien’ aus den ,insurgierten Zentren’ war die Deutsche Botschaft über den Charakter und die Tragweite des Komiteebeschlusses getäuscht worden. Es handelte sich nicht um ,Familien’, sondern um das ganze armenische Volk; nicht um ,insurgierte Zentren’, sondern um ganz Anatolien und Mesopotamien. (…)

Die weit verbreitete Meinung, dass die deutsche Regierung auf die innere Politik der Türkei einen nennenswerten Einfluss hatte, wurde von Talaat Bey nicht geteilt. Er wusste sehr wohl, dass Deutschland bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg (5. Oktober 1915) keinerlei Machtmittel in der Türkei besaß, um seinen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Bis es soweit kam, hoffte die Pforte die ,Armenische Frage’ erledigt zu haben. Die Zahl der deutschen Offiziere und Mannschaften, die sich im Monat April in der Türkei befanden, war eine äußerst geringe, von Militärhandwerkern abgesehen, 75 Offiziere und 150 Mann. Solange die Verbindung zwischen den Mittelmächten und der Türkei durch die Neutralität von Bulgarien gesperrt war, konnte von einer Verstärkung der deutschen Truppen in der Türkei und einem Schutz der christlichen Glaubensgenossen überhaupt nicht die Rede sein. Erst seit Oktober 1915 sind größere deutsche Mannschaftsbestände und auch dann hauptsächlich zum Schutz der Dardanellen in die Türkei gekommen. Im Innern von Anatolien gab es, von einzelnen Offizieren abgesehen, die den türkischen Oberkommandos zugeteilt waren, überhaupt keine deutschen Truppen. Bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg war der Einfluss Deutschlands auf die türkische Regierung auch noch aus einem anderen Grunde sehr prekärer Natur. Die Pforte sah sich in ihren Erwartungen deutschen Beistandes getäuscht und musste monatelang den Albdruck der Dardanellenstürme allein aushalten, ohne dass auch nur in kritischen Situationen in genügendem Maße Munition herbeigeschafft werden konnte. So fühlte sich die Pforte Deutschland keineswegs verpflichtet und ließ bei jeder Gelegenheit die Zentralmächte fühlen, dass sie die größten Opfer für die Bundesgenossen bringe, ohne Gegenleistungen zu empfangen, und dass es sich daher verbitten müsse, wenn man in ihre inneren Angelegenheiten hineinreden wolle.

Im Juni hatte sich der deutsche Botschafter Freiherr von Wangenheim darauf beschränkt, der Pforte die Meldungen aus dem Innern zur Kenntnis zu bringen und die deutschen Konsulate zu beauftragen, dass sie bei den Provinzialregierungen und Oberkommandos eindringliche Vorstellungen erheben sollten, um schmachvolle Dinge abzustellen. Als sich Ende Juni und Anfang Juli die Meldungen über Massendeportationen aus den Wilajets häuften, und es ersichtlich geworden war, dass es sich keineswegs um lokal begrenzte Aussiedelungen aus militärischen Gründen, sondern um Vernichtungsmaßregeln handelte, überreichte der Botschafter dem Großwesir Said Halim Pascha das Memorandum vom 4. Juli. (…)

In der Folgezeit fuhr die Botschaft fort, alle Vorgänge im Innern, die zu ihrer Kenntnis kamen, bei der Pforte zur Sprache zu bringen, und ließ in erneuten Vorstellungen keinen Zweifel über ihre Missbilligung der fortgesetzten Gewalttaten aufkommen. Die wachsende Beunruhigung in den christlichen Kreisen Deutschlands, die Erregung der Neutralen, die Anklagen der feindlichen Mächte, die vorauszusehenden Folgen für den wirtschaftlichen Ruin der Türkei, die ungünstigen Bedingungen, die sie sich für die Friedensverhandlungen schaffe, blieben das dauernde Thema aller mündlichen und schriftlichen Einwirkungen auf Großwesir und Minister. Doch alles war in den Wind geredet.

,Die Pforte’, schreibt Herr von Wangenheim am 16. Juli, kurz vor seiner Abreise resigniert an den Reichskanzler, ,fährt trotz der wiederholten eindringlichen Vorstellungen, die wir dagegen erhoben haben, fort, die Armenier zu deportieren und durch die Ansiedelung in unwirtlichen Gegenden der Vernichtung preiszugeben. Wir können sie nicht daran hindern und müssen ihr die Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Maßregel überlassen.’

Fürst Hohenlohe-Langenburg, der zur Vertretung des Botschafters nach Konstantinopel gesandt wurde, kommt in seinen sofort aufgenommenen persönlichen Besprechungen mit den maßgebenden Männern zu demselben negativen Ergebnis. Said Halim Pascha, Talaat Bey, Enver Pascha und Halil Bey verschanzen sich bei allen ihren Äußerungen unentwegt hinter den Rechten der Souveränität, die nach Aufhebung der Kapitulation keiner fremden Macht – also auch Deutschland nicht – gestatte, sich in die inneren Angelegenheiten des Osmanischen Reiches einzumischen. Daneben nehmen sie zu Ableugnungen, Ausflüchten und vagen Versprechungen ihre Zuflucht.

,Alle diesseitigen Vorstellungen’, so fasst Fürst Hohenlohe das Ergebnis aller Bemühungen zusammen (2. August), ,haben sich gegenüber dem Entschluss der Regierung, die einheimischen Christen in den östlichen Provinzen unschädlich zu machen, als unwirksam erwiesen.’ Um einen verstärkten Druck auf die Pforte auszuüben, überreicht er der Pforte das Memorandum vom 9. August.“

C. Mousa

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 24. April 2015

SCHATTEN ÜBER DER EXPO

Am 1. Mai öffnet die Weltausstellung in Mailand, die Ministerpräsident Renzi zur Chefsache gemacht hat, ihre Tore. Ein Teil der Anlagen wurde nicht rechtzeitig fertig. Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Was erwartet die Besucher der Expo, die bis 31. Oktober läuft? Ein Hintergrundbericht von Dott. Angelo Fedeli.

PROJEKT SPUTNIK

Das staatliche russische Medienunternehmen Rossija Sewodnja und die Redaktion des Auslandsrundfunkdienstes „Stimme Russlands“ wollen über das Nachrichtenportal „Sputnik“ zum westlichen Mainstream „alternative Meinungen“ verbreiten. Kreml-Propaganda oder sinnvolle Ergänzung?

KIPPT KARLSRUHE DAS BETREUUNGSGELD?

Die Frage ist, ob der Bund für diese Leistung zuständig ist. Gegner des Betreuungsgeldes jubeln bereits. Sollte das Gesetz an einem juristischen Fallstrick scheitern, wäre ihnen auch das sehr willkommen.

AU REVOIR, DEUTSCHUNTERRICHT?

Frankreichs Bildungsministerin findet Deutschunterricht an staatlichen Schulen zu elitär und will als Maßnahme gegen soziale Segregation die Stunden reduzieren. Ihr Plan birgt große Gefahren – und ruft Widerstand hervor.

ÜBERFORDERT

Eine Bluttat an einer Schule in Hamburg hat die Aufmerksamkeit auf die Situation von „Internationalen Vorbereitungsklassen“ gelenkt. Während nämlich der Öffentlichkeit hauptsächlich „Erfolgsprojekte“ vorgestellt werden, stoßen viele Schulen an ihre Grenzen.

STRAFRECHT AUSWEITEN?

Trotz anfänglicher Skepsis will Bundesjustizminister Maas das Sexualstrafrecht verschärfen. Gibt es dafür eine Notwendigkeit? Richter, Staatsanwälte, Deutscher Richterbund und Deutscher Anwaltverein sind kritisch. Auch in Österreich stehen Verschärfungen zur Debatte.

GRAB DER FAMILIE JODL SOLL WEICHEN

Das Grab der Familie des Generalobersten Alfred Jodl, der nach seiner vielfach als Fehlurteil kritisierten Verurteilung zum Tod 1946 in Nürnberg hingerichtet wurde, soll aufgelöst werden. Dabei handelt es sich um ein Zeitdenkmal. Eine Klage der grabberechtigten Angehörigen wäre nicht aussichtslos.

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Nr. 17 vom 17.4.2015

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Standpunkt

Wo liegt Moskau?

Wie Deutschland sich an Ostern 1922 im Vertrag von Rapallo mit Russland verständigte, nachdem beide von den Westmächten wie Parias behandelt worden waren, so reiste der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras jetzt kurz nach Ostern nach Moskau und demonstrierte sein gutes Einvernehmen mit Putin. Mit seiner Vorstellung von einem „Neuanfang“ mit Russland sprach Tsipras aus, was sich die Mehrheit der Europäer denkt. Mit dem Besuch stellte er außerdem Athens Fähigkeit zu selbständigen außenpolitischen Schritten unter Beweis und erweiterte die Spielräume seines Landes.

Obwohl die Außenpolitik zu den Kernbereichen staatlicher Souveränität gehört und auch in der EU in erster Linie Sache der Mitgliedstaaten ist, hatte die EU-Kommission schon vor Tsipras’ Treffen mit Putin behauptet, alle Mitgliedstaaten müssten mit einer Stimme sprechen, auch gegenüber Russland. Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europäischen Parlament, verlangte, Tsipras deutlich zu machen, dass er sich zwar an Moskau binden könne, dann aber auch sagen müssen, dass er „aus Europa raus und in eine andere Hemisphäre wechseln“ wolle. Für den langjährigen Bertelsmann-Manager Brok liegt Moskau offenbar nicht in Europa – eine Ansicht, die ihn für Außenpolitik von vornherein disqualifiziert. Aber auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) wollte Athen „nur raten, die Einigkeit der Europäer nicht aufs Spiel zu setzen“.

Tsipras hingegen betonte das Recht auf eine eigenständige Außenpolitik. „Wir dürfen unsere politische Rolle als ein europäisches, Mittelmeer- und Balkan-Land spielen“, erklärte er in Moskau nach den Verhandlungen mit Putin. „Wir achten unsere Verpflichtungen in allen internationalen Organisationen, an denen wir teilnehmen. Zugleich nutzen wir alle Möglichkeiten auf der internationalen Ebene, um die gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit zu fördern und die Interessen des griechischen Volkes zu schützen.“

Noch einmal die Parallele zu 1922: Auch damals setzten die Westmächte auf die Isolierung Russlands – man sprach vom „Cordon sanitaire“. Und Deutschland befand sich aufgrund der Reparationsforderungen im finanziellen Würgegriff – schlimmer noch als Griechenland unter der Herrschaft der Troika (wie 1921 die Besetzung Duisburgs und Düsseldorfs und 1923 die Besetzung des gesamten Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen zeigte). Außenminister Rathenau erklärte nach Rapallo: „Wir mussten den Vertrag abschließen in dem Augenblick, wo wir erkannten, dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden.“

B. Schreiber

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 17. April 2015

DER QUERDICHTER

Zum Tode von Günter Grass. Durch sein Werk, seine internationale Reputation, durch seine nimmermüde Lust auf Lorbeeren und Konfrontation ist dem Literaturnobelpreisträger ein bedeutender Platz in der Nachwelt sicher. Seine keinesfalls „knitterfreie Biographie“.

ABGESANG DER FASTFOOD-RIESEN

Die Systemgastronomie in Deutschland befindet sich im Wandel – zum Leidwesen von McDonald’s und Co. Die Burger-Ketten klagen über massive Umsatzeinbrüche und stricken an Gegenkonzepten. Was der Verbraucher möchte und wer davon profitiert.

TOLERANZ UND GENDER

Günter Bertram, Vorsitzender Richter a. D. am Landgericht Hamburg, untersucht die Verwendung des Wortes „Toleranz“ in der Gender-Mainstreaming-Rhetorik. Kritischen Haltungen wird bei der Verfolgung des Ziels der „Überwindung der existierenden Geschlechterordnung“ nämlich recht unduldsam begegnet.

JEMEN IN WASHINGTONS VISIER

Saudi-Arabien förderte den Extremismus, und Al Kaida bot den USA den Vorwand zur Einmischung. Nun spitzt sich die Lage bedenklich zu. Dazu ein Hintergrundbericht von Dr. Bernhard Tomaschitz.

EIN WEITES MAGNETFELD

Dieter Romann, Präsident des Bundespolizeipräsidiums, sagt: „Die illegale Migration ist neben dem internationalen islamistischen Terrorismus derzeit die größte Herausforderung für die Bundespolizei.“ 2014 registrierte die Behörde die höchste Zahl von Fällen unerlaubter Einreise seit der Wiedervereinigung.

KAMPF DER KONZERNE

Bayern München oder Bayern München? Langeweile in der Fußball-Bundesliga. Besteht die Gefahr, dass sich deren Erfolgsgeschichte dem Ende zuneigt? Immer mehr Menschen wenden sich jedenfalls unteren Ligen zu, um ehrlichen Fußball zu erleben.

MEHR ALS EIN FREIZEITVERGNÜGEN

„Turner, auf zum Streite …“ Unter den Liedern der deutschen Turner ist dieses aus den 1840er-Jahren das bekannteste. In der DDR, die das von Friedrich Ludwig Jahn begründete Turnwesen als kulturelle Tradition aufgriff, wurde es markig-zackig dargeboten. Bundespräsident Heuss erhielt 1950 beim Deutschen Turnfest stürmischen Beifall, als er anmerkte, es gebe „keinen proletarisch-marxistischen Klimmzug und keinen bürgerlich-kapitalistischen Handstand“.

DER AUFTRAG VON U 35

Im Museo Naval de Madrid steht ein U-Boot-Modell mit der Erläuterung: „Ein Geschenk Seiner Majestät des deutschen Kaisers Wilhelm II. an Seine Majestät den König Alfonso XIII., als das deutsche U-Boot U 35 am 21. Juni 1916 – mitten im Krieg – mit einer Botschaft des Kaisers an den König in Cartagena einlief.“ Dahinter verbirgt sich eine spannende Geschichte.

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Nr. 16 vom 10.4.2015

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Standpunkt

Kein Austragsstüberl

Was ist so besonders an dem Schritt, den Peter Gauweiler vollzog? Er legte sein Mandat im Deutschen Bundestag (ebenso wie sein Amt als stellvertretender CSU-Parteivorsitzender) nieder, „da ich es nicht mehr so ausüben kann, wie ich es für richtig halte“. Nun, Politiker gehen selten aus freien Stücken. Wenige verzichten auf ihren Sitz und die damit verbundenen Diäten. Zumal sich für manchen gegen Ende der Laufbahn ein lukrativer Posten in einem öffentlichen Unternehmen oder einer parteinahen Stiftung auftut. Und das schon auf kommunaler Ebene, so dass plötzlich ein langjähriger Fraktionschef im Stadtrat zum Geschäftsführer des städtischen Altenheimträgers avanciert – und dergleichen.

Der erfolgreiche Rechtsanwalt Dr. Peter Gauweiler legt auf ein solches „Austragsstüberl“ keinen Wert. Zum Schweigen neigt er ohnehin nicht, wie er auch im Zusammenhang mit den Kriegen gegen den Irak und in Afghanistan sowie der Krim-Krise unter Beweis stellte. Seine Beweggründe zum Rücktritt legte Gauweiler in seiner Erklärung vom 31. März 2015 dar. Gauweiler machte darin letztlich geltend, seine Stellung als Abgeordneter, der nach dem Grundgesetz Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur seinem Gewissen unterworfen ist, sei nicht respektiert worden. Was ihn von anderen Abgeordneten mit demselben Problem unterscheidet, ist der Umstand, dass er den auf ihn ausgeübten Druck öffentlich machte.

Der einstige bayerische Umweltminister, berufen noch vom Ministerpräsidenten Max Streibl, fühlt sich von seiner Partei auch in der Sache zu Unrecht gemaßregelt. Heiße es doch im Europaplan der CSU vom 10. Mai 2014: „Krisenstaaten dürfen auch künftig nur Hilfen bekommen, wenn sie im Gegenzug Reformen durchführen und ihre Verschuldung bekämpfen. Wenn ein Staat den Auflagen nicht nachkommt, müssen die Hilfen entsprechend gekürzt oder ganz gestrichen werden.“ Und: „Für überschuldete Staaten soll eine geordnete Staateninsolvenz möglich sein. Dazu soll auch die Möglichkeit gehören, die Eurozone vorübergehend zu verlassen und wieder eine eigene Währung einzuführen. Dieser Prozess soll durch gezielte Wirtschaftshilfe und die Möglichkeit zum Wiedereintritt in die Eurozone begleitet werden.“

Gauweiler sieht sich daher im Recht und konstatiert: „Die Staatsverschuldung Griechenlands ist, wie der griechische Ministerpräsident und der neue Finanzminister ehrlicherweise erklärt haben, nicht tragfähig. Griechenland – so beide ausdrücklich – ‚ist seit 2010 ein bankrotter Staat’. Warum angesichts dessen meine Gegenstimme gegen eine Verlängerung des aktuellen (offensichtlich völlig wirkungslosen und möglicherweise kontraproduktiven) Programms meinerseits ein Verstoß gegen die CSU-Parteidisziplin gewesen sein soll, ist mir unklar.“ Und so musste das CSU-Drama seinem entscheidenden Wendepunkt zustreben.

Peter Gauweiler wird im Juni 66, erreicht also das Alter, mit dem bekanntlich noch lange nicht Schluss ist und mancher erst in Schuss kommt. Doch den Wechsel zur AfD schloss er vergangene Woche aus. Trotzdem kann Bernd Luckes Partei von seinem Schritt profitieren. Die Union wird das eurokritische Wählersegment nun voraussichtlich weniger als bisher erreichen.

BS

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 10. April 2015

ANNE IM DROHNENKRIEG

Schauspielerin Anne Hathaway ist derzeit in dem Stück „Grounded“ am Public Theater in New York als Drohnenpilotin zu sehen. Die Popularität der Oscar-Preisträgerin könnte die Öffentlichkeit dazu bewegen, sich gegen Drohnenkriege zu engagieren. Der US-Journalist und Friedensaktivist David Swanson berichtet.

„DIE EINFÜHRUNG ERFOLGT TOP-DOWN“

Um Gender Mainstreaming geht es in Politik, Gesellschaft, internationalen Resolutionen und Programmen, in Rechtssprache und Rechtsordnung sowie in einer Flut weltlichen und kirchlichen Papiers. Und um dieses Thema dreht sich auch ein kritischer Vortrag von Günter Bertram, Vorsitzender Richter a. D. am Landgericht Hamburg.

„WIR UNTERRICHTEN DAS LEBEN“

Bei einem israelischen Raktenangriff hat er beide Beine und den rechten Unterarm verloren, doch durch sein Beispiel zeigt ein junger Lehrer in Gaza seinen Schützlingen, wie man die Not bezwingt. Eine Reportage unseres Mitarbeiters Mohammed Omer.

„KATASTROPHALE ZUSTÄNDE“

Die gestiegenen Versicherungsbeiträge verschlechtern die Situation von Hebammen dramatisch. Die Sicherheit in der Geburtshilfe in Deutschland ist schon jetzt stark bedroht, doch ein wirksame politische Kurskorrektur steht weiterhin aus.

AUSLEGUNGSSACHE

Wirbel um den angesehenen Handwerksbetrieb Neger in Mainz. Ist das seit Jahrzehnten etablierte Firmenlogo politisch nicht korrekt? Oder liegt ein Missverständnis vor? Die Debatte schlägt über Rheinland-Pfalz hinaus Wellen. Was würde wohl Firmengründer und Fastnacht-Legende Ernst Neger dazu sagen?

„GEDENKET DER 224 TOTEN DES FLIEGERANGRIFFS“

Wer durch die oberbayerische Kurstadt Bad Reichenhall spaziert, ahnt kaum, was viermotorige Bomber der 8. US-Luftflotte dort vor 70 Jahren auslösten. Doch entgeht dem aufmerksamen Beobachter nicht das große Gemälde an der St. Ägidikirche, das der bekannte Kirchenmaler Georg Gschwendtner schuf. Spuren des 25. April 1945.

TANNHÄUSER-STREIT

Die Inszenierung des Regisseurs Timofej Kuljabin von Wagners Tannhäuser in Nowosibirsk hat zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Schließlich wurde die Aufführung abgesetzt. Eine Niederlage der Kunst?

DIE MORGENLAND-MALER

Das Londoner Auktionshaus Sotheby’s beginnt am 21. April mit der Versteigerung islamischer und orientalistischer Kunst. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr der Wiener Maler Ludwig Deutsch (1855 – 1935). Sein Ölbild „Der Palastwächter“ wird auf 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund geschätzt.

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