Nr. 38 vom 13.9.2019

Nr. 38 vom 13.9.2019

Standpunkt

Scherbengericht statt Diskussion

Ein Scherbengericht über Großbritannien erlebten die Zuschauer von „Anne Will“ am 8. September im Ersten Deutschen Fernsehen. Der Unterhausabgeordnete Greg Hands wehrte sich in hervorragendem Deutsch gegen das Stakkato von Vorwürfen und Übertreibungen, die von den anderen vier Diskutanten, darunter Norbert Röttgen (CDU), sowie von Moderatorin Will gegen seinen Premierminister und sein Land vorgebracht wurden.

Der Konservative Greg Hands, der einst für den Verbleib Großbritanniens in der EU war, hat diesen Abend wie ein Löwe bestritten und dabei auch noch die Regeln demokratischen Diskutierens vorbildlich beachtet, indem er seine Kontrahenten nur in wenigen Fällen unterbrach, um knappe Richtigstellungen anzubringen. Britain at its best!

Schon die Fragestellung der Sendung („Die Methode Boris Johnson – kommt der britische Premier damit durch?“) glänzte nicht gerade durch Objektivität. So verhielt sich auch Moderatorin Anne Will keineswegs neutral, etwa als sie Johnson vorwarf, „einen problematischen Begriff“ zu verwenden, wenn er für sich in Anspruch nehme, „den sogenannten Volkswillen umzusetzen“. Es wird einem Engländer schwer fallen zu verstehen, was an diesem Begriff problematisch sein soll.

Ansonsten wartete Will bedeutungsschwer blickend mit Feststellungen wie dieser auf: „Das ist doch das, worüber sich inzwischen fast alle einig sind, dass es früher oder später Neuwahlen geben wird, oder denken Sie das nicht?“ Über diesen Umstand kann im Falle der britischen Demokratie in der Tat kein Zweifel bestehen, es müsste schon die Welt untergehen, damit es dort nicht früher oder später zu Neuwahlen kommt.

Als Hauptankläger fungierte jedoch Norbert Röttgen, immerhin Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, der ein zweites Referendum verlangte: Wenn die Bürger jetzt entschieden, „dann würde ich es auch akzeptieren“, aber sie müssten diese Entscheidung haben. Zudem witterte Röttgen überall „Extreme“, Labour-Chef Jeremy Corbyn sei ein solcher und die Konservative Partei sei nun ebenfalls eine extreme Partei. Als Röttgen dann auch noch den Untergang Großbritanniens prophezeite, mussten sensiblere Naturen sich fast an längst vergangene Zeiten erinnert fühlen.

Eine Art „Hassgesang gegen England“ – so lautete der Titel eines unseligen Gedichts von Ernst Lissauer aus dem Jahr 1914 („Sie alle haben nur einen Feind: England!“) – stimmte, wenngleich in pastoralem Ton, auch Rolf-Dieter Krause an, indem er pauschale Beschuldigungen gegen „diese Nation, die ein völlig irres Bild von sich selbst hat“, erhob. Für Krause, den ehemaligen Leiter des ARD-Studios Brüssel, ist die EU dasselbe wie „Europa“, als ob Großbritannien im Meer versänke, wenn es die EU verlässt.

Greg Hands hatte das von ihm mitentwickelte Dossier „Alternative Arrangements for the Irish Border“ mit Vorschlägen für eine Änderung des Austrittsabkommens dabei, aber so konkret wollten seine Gesprächspartner nicht werden. Hands‘ Forderung nach ein bisschen gutem Willen in Brüssel und sein Appell, dort „nicht ständig die britische Premierministerin oder den Premierminister zu demütigen“, stießen auf weitgehend taube Ohren. Auch das Publikum, bei dem man EU-Sterne auf der Kleidung bewundern konnte, bekleckerte sich nicht mit Ruhm, sondern lachte bereitwillig ab, wenn Hands‘ Kontrahenten durch eine Pause signalisierten, dass sie gerade eine Pointe formuliert zu haben glaubten.

Der von Röttgen erhobene Vorwurf, Johnson strebe ausschließlich einen No-Deal-Brexit an, ist nebenbei bemerkt substanzlos. Der britische Regierungschef weiß vielmehr, dass Brüssel sich allenfalls dann bewegen wird, wenn auch die Option eines solchen „harten Brexits“ im Raum steht. Solange diese ausgeschlossen erscheint, wird die EU keine echten Verhandlungen führen.

UW

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 13. September 2019

WIE BÜRGERLICH IST MERKELS CDU?

Die Diskussion um das Adjektiv „bürgerlich“ zeigt die „unbürgerliche“ Seite vor allem derjenigen, die aus dem Wort einen Kampfbegriff machen wollen, um – unter Inanspruchnahme der Deutungshoheit – über ein weiteres Mittel der Ausgrenzung eines politischen Konkurrenten zu verfügen.

KANN JOHNSON SEIN
VERSPRECHEN HALTEN?

Anderthalb Monate vor Ablauf der Austrittsfrist am 31. Oktober bauen sich vor Großbritanniens Premierminister Boris Johnson in Sachen Brexit gewaltige Hürden auf. Gibt es Auswege?

„DIE LINKE“ AM ABGRUND

Der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Fabio De Masi, ist ein Freund klarer Worte: „Meine Partei hat im Osten richtig auf die Fresse bekommen. Die AfD ist gestärkt. Wegducken und Schönreden geht jetzt nicht mehr.“ Will die Parteiführung aus den jüngsten Wahlniederlagen überhaupt Schlüsse ziehen?

SALVINIS NACHFOLGERIN

Die parteilose Spitzenbeamtin Luciana Lamorgese ist Nachfolgerin Salvinis auf dem Viminal, wo das italienische Innenministerium seinen Sitz hat. Im Innenministerium war sie zwischen 2013 und 2017 bereits unter mehreren Ministern Kabinettschefin.

TEURER RAT

Neue Zahlen zu „Beraterkosten“ rufen Kritik hervor. Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, bemängelt, „dass das Anheuern von externen Beratern teils exzessiv betrieben wird“. Qualifizierte Beamte in den Ministerien würden viele zu wenig genutzt, findet er.

AUF WEN SICH DIE „GRÜNEN“
VERLASSEN KÖNNEN

Einen Höhenflug stellten die jüngsten Wahlergebnisse der „Grünen“ im Osten der Republik nicht dar. Mitregieren werden sie wohl trotzdem. Der Landesvorstand der CDU in Sachsen hat sich für die Aufnahme von Sondierungsgesprächen mit SPD und „Grünen“ ausgesprochen. Die SPD nickte das ebenfalls ab.

GEKAUFTE MENSCHEN,
ZERSTÖRTE SEELEN

Vor 400 Jahren kauften britische Kolonisten in Virginia erstmals Sklaven. Für viele Afroamerikaner ist der Jahrestag, der jetzt begangen wurde, mit bitteren Emotionen verbunden.

DIE UNVERGÄNGLICHKEIT DER TÖNE

Am 13. September vor 200 Jahren wurde in Leipzig Clara Wieck geboren. Schon als junges Mädchen zu internationalem Ruhm gelangt, blieb der Komponistin und Pianistin auch während ihrer Ehe mit Robert Schumann Erfolg beschieden, der oft den ihres Mannes überstrahlte. Einblicke in ein epocheübergreifendes Leben.

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Nr. 37 vom 6.9.2019

Nr. 37 vom 6.9.2019

Standpunkt

Eine Erde, viele Welten

Die Globalisierung und die technische Entwicklung galoppieren, doch die im Buchhandel erhältlichen Veröffentlichungen (nicht nur die in deutscher Sprache) zu dem komplexen Themenfeld sind teilweise mehr als zehn Jahre alt – und also nicht mehr als „Companion to Globalization“ (Blackwell, 2007) tauglich.

Selbstbestimmung?

Da hebt sich der „Atlas der Globalisierung“, den „Le monde diplomatique“ seit 2003 immer wieder und 2019 nach vierjähriger Pause erneut erscheinen ließ, natürlich schon durch seine Aktualität ab. Man kann bei weitem nicht allen Thesen in den sieben Abschnitten – „Klimakrise und Welternährung“, „Die demografische Herausforderung“, „Der real existierende Kapitalismus“, „Ungelöste Konflikte“, „Flucht und Migration“, „Die Zukunft der Zivilgesellschaft“ und „Demokratie in Gefahr“ – zustimmen. Gerade im letztgenannten Abschnitt des 183 Seiten starken großformatigen Buches wird teilweise recht durchsichtiger Alarmismus betrieben und es werden anscheinend absichtlich Missverständnisse gepflegt. So liest man im Kapitel „Europas neue Rechte“, diese erkläre „Freiheit und Wohlstand zu knappen Gütern“, predige „Wohlstand für uns, Entbehrung für die anderen“. Dass eher die Verfechter der Massenmigration so tun, als seien Freiheit und Wohlstand nur in Europa anzutreffen, dass es der kritisierten „Rechten“, darunter ausdrücklich AfD und FPÖ, hauptsächlich um Selbstbestimmung und Identität geht, wird ausgeblendet. Dass das Völkerrecht anerkennt, „dass jeder Staat selbst bestimmen kann, unter welchen Voraussetzungen ein Ausländer in sein Gebiet einreisen darf“ (Verdross/ Simma, Universelles Völkerrecht), bleibt außer Acht. Und auch dass es im Rahmen des von beiden UN-Menschenrechtspakten verbürgten Selbstbestimmungsrechts über die eigene soziale und kulturelle Entwicklung legitim ist, darauf zu achten, dass nicht plötzlich, wo bislang ein Volk seinen Staat hatte, mehrere Völker siedeln.

Japan, Arbeitskräftemangel
und Modernisierungsschub

Gleichwohl enthält der Atlas Substantielles. So schreibt Dr. Reiner Klingholz, Mitarbeiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, im Kapitel „Alternde Gesellschaften – Wie Japan und Deutschland auf den demografischen Wandel reagieren“: „Vor allem bei der Zuwanderung unterscheiden sich Deutschland und Japan, die beiden Pioniere des demografischen Wandels, fundamental.“ So setze Japan auch bei der Unterstützung der Pflegebedürftigen nicht auf Zuwanderung, sondern habe sich für einen anderen Weg entschieden: „Schon in den 1960er Jahren, als die japanische Wirtschaft ihren größten Aufschwung erlebte, entschloss sich die Regierung, die Lücken im Arbeitsmarkt nicht durch Zuwanderung zu füllen, sondern die Automatisierung der Arbeitsprozesse zu fördern. So kommt es, dass Japan seine globale Führungsposition im Roboterbau zu einem Gutteil der Ablehnung von Ausländern verdankt. Auch in der Alten- und Krankenpflege kommen mittlerweile verstärkt Roboter zum Einsatz, während die Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland weiterhin strengen Regeln unterworfen bleibt.“

Trotz der Begriffsverwirrung – man kann Japan sicher keine „Ablehnung von Ausländern“ vorwerfen, nur weil es Migration nicht als Modell für viele betrachtet – kommt hier doch eine Wahrheit zum Vorschein: Menschen ins Land zu holen, um einen vermeintlichen Mangel an Arbeitskräften auszugleichen, ist absolut kein innovatives Konzept, wie sich von der Antike bis in die heutigen Golfstaaten beobachten lässt. Hingegen kann eine Verknappung der Arbeitskraft einen Modernisierungsschub bewirken.

Da die Automatisierung der Arbeitsprozesse schließlich aber auch vor den Staaten nicht haltmachen wird, die sie nicht aktiv betreiben und einsetzen, löst der anschließende Satz Klingbeils – „Andere Länder können von den Erfahrungen Deutschlands und Japans lernen.“ – für uns nicht unbedingt angenehme Überlegungen aus. Wie wird die Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland, in die Millionen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft einwandern, damit umgehen, wenn in nicht allzu ferner Zukunft Arbeitsplätze in großer Zahl wegfallen?

Zweifelhafter Freihandel

Anregend sind aber auch andere Kapitel in dem Atlas, so jenes mit der Überschrift „Zum Freihandel gezwungen“. „Weltweit werden Freihandelsabkommen forciert. Auch die EU ist bestrebt, mit Ländern auf allen Kontinenten Verträge abzuschließen“, leitet der Beitrag ein. Die Industrieländer handelten im Eigeninteresse, wenn sie darauf verzichten, sich voneinander abzuschotten. Doch könne es vor allem für Entwicklungsländer „sehr sinnvoll sein, gezielt auf Protektionismus zu setzen“. Freihandel begünstige „vor allem die etablierten Industrieländer, die technologisch überlegen sind und daher Konkurrenz nicht fürchten müssen“.

Vorgeschlagen werden asymmetrische Freihandelsabkommen: „Für die Industrieländer ist es richtig, keine Zölle mehr zu erheben, denn diese künstliche Barriere würde nur dazu führen, dass sich Unternehmer dem Wettbewerb entziehen und Monopol­gewinne kassieren, die die Konsumenten bezahlen müssen. Doch Entwicklungsländer müssen die Chance haben, ihre jungen Branchen gegen die übermächtige Konkurrenz der Industrieländer zu schützen.“ Dabei wird aber mindestens der Faktor Transport ausgeblendet: Für das Klima macht es keinen Unterschied, ob ein Containerschiff Waren (häufig auch noch solche, die jedes Land selbst herstellen kann) aus einem Entwicklungs- oder aus einem Industrieland über die Weltmeere verfrachtet.

Dennoch: Die Zweifelhaftigkeit von Freihandelsabkommen wie dem zwischen der EU und Mercosur gerade auch aus der Perspektive von Schwellen- und Entwicklungsländern ist ein Faktum, das zu selten beleuchtet wird. Zumal diese Staaten auch unter dem Wegfall der Zolleinnahmen leiden – so wie Kamerun, das mit der Europäischen Union ein sogenanntes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen geschlossen hat, von dem die EU auf Kameruns Markt seit August 2016 profitiert. In der „Cameroon Tribune“ vom 5. August 2019 stellte nun Yves Patrick Tchami von der kamerunischen Generalzolldirektion fest, dass sich inzwischen Zollmindereinnahmen von 10,6 Milliarden CFA-Francs (ca. 16 Millionen Euro) akkumuliert hätten. Tchami: „Im zweiten Jahr des Zollabbaus hat sich das erheblich beschleunigt.“

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 6. September 2019

JOURNALISTISCHE FREIHEIT

MDR-Moderatorin Wiebke Binder hat am Wahlabend nicht exakt den gewünschten Ton getroffen und wird heftig attackiert. Wie viel Freiheit in der Interviewtechnik sowie der spontanen Formulierung und Bewertung steht Journalisten zu – und hat Binder diesen Rahmen wirklich überschritten?

BEBEN AN ELBE UND SPREE

Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben die politischen Gewichte in der Bundesrepublik verschoben. Welche Koalitionen sich nun ankündigen und was die Ergebnisse für die anstehenden Wahlen in Thüringen bedeuten.

EIN ZERBRECHLICHES BÜNDNIS

Die Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento 5 Stelle, M5S) und die italienischen Sozialdemokraten (Partito Democratico, PD) haben eine neue Regierungskoalition gebildet und damit die Pläne von Lega-Chef Matteo Salvini, vorgezogene Neuwahlen herbeizuführen und daraus als Sieger hervorzugehen, durchkreuzt. Wie stabil ist das neue Bündnis?

„PARAGRAFENREITEREI“?

Laut dem Bezirksamt Hamburg-Mitte haben sich die Identitätszweifel im Fall des Fußballspielers Jatta nicht bestätigt. Warum wandte sich eine Reihe von tonangebenden Medien in den vergangenen Wochen so vehement dagegen, ihnen überhaupt nachzugehen?

JOHNSONS ZITTERPARTIE

Die von Premierminister Boris Johnson angesetzte Parlamentspause – ein nicht unüblicher Vorgang im politischen Leben Großbritanniens – wird von seinen Gegnern zur Verfassungskrise stilisiert. Kann sich die Opposition auf einen gemeinsamen Gegner einigen, um den Premier zu stürzen?

ES BRENNT – NICHT NUR IN BRASILIEN

Die G7-Staaten haben ihren Gipfel im französischen Biarritz auch dazu genutzt, den Schutz der Amazonaswälder vor Abholzung und Brandrodung auf die Agenda zu setzen. Aber es brennt nicht nur in Brasilien – und allzu viele Akteure betreiben noch immer in erster Linie Interessenpolitik.

KLEINOD IM DÄNISCHEN WATTENMEER

Die 16 Kilometer lange und bis zu fünf Kilometer breite Insel Fanø überrascht durch die Vielzahl an Landschaftsformen, die hier auf engstem Raum zu finden sind. Die von kleinen Wäldern, aber auch Teichen und Mooren unterbrochene Dünenheide bildet zusammen mit den Sanddünen im Westteil der Insel ein buntes Mosaik.

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Nr. 36 vom 30.8.2019

Nr. 36 vom 30.8.2019

Standpunkt

Besorgte Presse

Die besorgte Presse, die 2015 den besorgten Bürger erfunden hat, ist jetzt noch viel besorgter, weil dieser Bürger sein Missbehagen an der von einer sorglosen Politik gesteuerten Richtung bei Wahlen kräftig zum Ausdruck bringt. Dabei ist der besorgten Presse keine Vergröberung zu grob, kein Bild zu plump. Der besorgte Bürger erwartet von der Politik eine umfassende Nachhaltigkeit, so dass das Land nicht von einer Generation zur nächsten seine Züge verliert. Die besorgte Presse fordert, dass der Bürger sich politisch nicht neu orientiert. Wessen Sorge ist in einem demokratisch verfassten Staat legitimer?

Ein Begriff wird aus der Versenkung geholt

In der Titelgeschichte „So isser, der Ossi“ des „Spiegel“ vom 24. August 2019 erfährt man angeblich: „Wie der Osten tickt – und warum er anders wählt“. Zu den Albträumen des Autors, Steffen Winter, gehören ein Schulfreund, der „plötzlich Fraktionschef der AfD im Stadtrat“ sei, und ein befreundeter Dachdecker, der „für die Partei im Kreistag“ sitze. Diese Partei ist überhaupt die teils ausgesprochene, teils unausgesprochene Hauptzielscheibe des knapp elfseitigen Beitrags, der vorgibt, ein „Blick in die ostdeutsche Seele“ zu sein. Dieselben Kreise, die bekanntlich kein Problem damit haben, wenn die Existenz einer deutschen Kultur schlechthin in Abrede gestellt wird – was wissenschaftlich unhaltbar ist –, postulieren mir nichts dir nichts eine „ostdeutsche Seele“, für die es nun wirklich keinen wissenschaftlich akzeptierten Anhaltspunkt gibt. Es handelt sich vielmehr um plumpen Kollektivismus und das Schüren von Zwist und Vorurteilen um eines billigen Vorwahlzwecks willen, wozu der von Anfang an idiotische Begriff „Ossi“ wieder aus der Versenkung geholt wird, den kein denkender Mensch mehr hören will, gegen den sich jeder in den gar nicht mehr „neuen Bundesländern“ verwahrt und der wirklich das ist, was man von der deutschen Nation nicht sagen kann: konstruiert.

Westdeutsche sind nicht wie ihre Medien

Wenn es etwas gibt, was das Potenzial zu einem Zerwürfnis zwischen einem Teil der Bewohner des Westens und einem Teil der Bewohner des Ostens der Republik hat, dann sind es diese Titelbilder, für die der „Spiegel“ Spezialist ist. Es ist tatsächlich eine Sorge zu verspüren, Westdeutsche würden ihre Landsleute östlich von Elbe und Werra mit einem ähnlich negativ-beckmesserischen Kritikasterblick betrachten, mit dem die hiesigen Presseorgane das tun.

Zum Glück ist es aber gar nicht so, zum Glück freut sich ein erheblicher Teil der Westdeutschen über die politische Renitenz der Mitteldeutschen sowie der in Mecklenburg-Vorpommern ansässigen Norddeutschen – und wenn man beieinander ist, herrscht meist herzliches Einvernehmen, wo nicht die mediale Gehirnwäsche gefruchtet hat. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ stand ja in ihrer Ausgabe vom 22. August 2019 mit dem Titelbild „30 Jahre nach dem Mauerfall – Warum wir uns nicht mehr verstehen“ dem „Spiegel“ an faktenfreier Kreativität nicht nach. Interessanterweise trägt der in der Wochenzeitung enthaltene Beitrag die Titelbehauptung in keiner Weise.

Durfte Herr Lenke die CDU verlassen?

Ein zweiter Punkt, der zur Entfremdung beiträgt, ist der Versuch, das Anderswählen im Osten der Republik als Ausdruck mehr oder weniger gescheiterter Biografien darzustellen. Kostprobe aus dem Machwerk von Steffen Winter, der über einen 54-jährigen erfolgreichen Zahntechnikermeister aus Dresden, Rudolf Lenke, so berichtet: „Die CDU hat er 2015 verlassen, am 1. September will er AfD wählen. Was ist schiefgelaufen im Leben des Zahntechnikers?“

Ja, was ist schiefgelaufen im Leben eines Mannes, der die CDU verlässt? Und was im Leben eines Mannes, der sich einer anderen Partei zuwendet? Und das noch dazu im Jahr 2015, als die CDU ein in dieser Form noch nicht bekanntes, dem eigenen Volk abgewandtes, ihm gegenüber hartes und gefühlloses Gesicht zeigte? Natürlich ist nichts schiefgelaufen im Leben eines solchen Mannes, eher etwas in der Geschichte des Volkes, dem er angehört.

Kurzes Aufatmen

Aber wo die Gefahr am größten, da ist das Rettende nah: Zum Beispiel in Form des 64-jährigen Leipziger Farbengeschäftsinhabers Lutz Damm, der „sich damals unter der SED-Herrschaft arrangiert“ hat und dies „auch heute tut“. Dieser nervenstarke Mann ist nämlich für Steffen Winter „der Gegenentwurf des besorgten Bürgers, der in der Eisenbahnstraße vor allem eine No-go-Area sieht“. Und es kommt noch besser: „Bei der Europawahl hat er nach eigenem Bekunden die Grünen gewählt, die in Leipzig stärkste Kraft wurden. Es gibt weltoffene, tolerante, großstädtische Milieus, die auch in den wenigen anderen Großstädten im Osten existieren.“ Hoffnung keimt auf!

Opposition, eine neue Geisteskrankheit?

Am Ende des Beitrags wird eine abweichende politische Meinung nach alter sowjetischer Methode direkt ins Reich der Psychopathologien verwiesen. Da findet sich nämlich der Appell an „die anderen Parteien“ (also alle außer der AfD), „ihre potenziellen Wähler zwischen Prenzlau und Leipzig, Spremberg und Bitterfeld trotz all ihrer Ängste und Neurosen ernst zu nehmen“. Es muss ein schönes Gefühl sein, wenn man sich so sicher ist, dass die anderen – die Andersdenkenden – die „Verrückten“ sind und man selber der „Normale“.

Ulrich Wenck

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 30. August 2019

ENTSPANNT EUCH!

Die Ablösung herrschender Eliten bestimmt den Gang der Weltgeschichte. In der Demokratie, die Herrschaft nur auf Zeit vermittelt, ist sie sogar das Kennzeichen für das Funktionieren. Daher ist es keine Tragödie, wenn viele Deutsche nun eine andere Kraft wählen als die allgegenwärtige „Globalpartei“.

WAS BRACHTE DIE MAASSEN-DEBATTE?

Der Angriff von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf den vormaligen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes hat sich als politisches Eigentor erwiesen und konservative Wähler abgeschreckt.

KEIN INTERESSE AN NEUWAHLEN

Das Tauziehen um die Macht in Italien ist in die entscheidende Phase getreten. Viele Kräfte haben ein Interesse daran, Neuwahlen zu verhindern. Was bleibt dann von der Handschrift Matteo Salvinis?

ÖSTERREICH: HEISSE
WAHLKAMPFPHASE

Am 29. September wählt Österreich den neuen Nationalrat. Für großes Aufsehen sorgte der Auftritt von Schauspielerin Christiane Hörbiger, deren Herz für Sebastian Kurz schlägt. Währenddessen tut sich die SPÖ unter Pamela Rendi-Wagner im Wahlkampf schwer.

ZIELE HINTER DEN PHRASEN

Seit Juni kommt es in Hongkong regelmäßig zu Massenprotesten – hierzulande wird über die Hintergründe meist selektiv berichtet. Mancher Unterstützer der angeblichen Demokratiebewegung verfolgt ganz eigene Ziele und die Schlüsselfigur Jimmy Lai unterhält seit langem enge Beziehungen in die Chefetagen der US-Regierung.

PANIKMACHE AUF DER ZIELGERADEN

In Großbritannien sorgt ein geheimes Regierungspapier für Aufsehen. Premierminister Boris Johnson bleibt auf Brexit-Kurs: „Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass Großbritannien aufblühen wird, nachdem es die EU verlassen hat, egal ob mit oder ohne Deal.“

UNSER FREUND, DER BAUM

Dass urbane Grünanlagen und insbesondere Bäume die psychische und allgemeine Gesundheit fördern sowie das Depressionsrisiko der Stadtbevölkerung lindern, haben Studien, nun zum ersten Mal auch neuronal, nachgewiesen. Bei der Stadtplanung muss Begrünungsmaßnahmen also größere Bedeutung zugemessen werden.

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