Nr. 40 vom 27.9.2019

Nr. 40 vom 27.9.2019

Standpunkt

Greta weiter gedacht

„Fliegen ist das absolut Schlimmste, was man machen kann.“ Diesen Satz ihrer Tochter zitiert Greta Thunbergs Mutter Malena Ernman in dem Buch „Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima“, das im schwedischen Original kurz nach dem ersten Schulstreik der heute 16-Jährigen vor dem Stockholmer Riksdag im Sommer 2018 veröffentlicht wurde.

Ende des Globalismus

Nach dieser Maxime kam es für Greta nicht infrage, nach New York zu fliegen. Die Segeljacht, mit der sie vor gut vier Wochen in Nordamerika ankam, ist ein Symbol. Allerdings nicht dafür, dass klimafreundliche Alternativen für Fernreisen nur einem kleinen Bevölkerungsteil zugänglich sind, sondern dass, wenn man es ernst meint mit dem Klimaschutz, der Bewegungsradius kleiner wird. Und das widerspricht dem globalistischen Ansatz, der die Welt als grenzenlosen Umschlagplatz von Waren – und Menschen – sieht, fundamental.

Wer Gretas Forderungen zu Ende denkt, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, als Mitglied der „frequent flyer elite“ ein modernes Nomadenleben zwischen Boston, London und Singapur zu führen, nur weil man über die finanziellen Mittel verfügt und imstande ist, sich losgelöst von Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft im eigenen sozialen, exklusiven Milieu einen transkulturellen Heimatersatz zu schaffen.

Wer Greta ernst nimmt, kann auch nicht auf die ohnehin menschenfeindliche Idee kommen, Fachkräftemangel und demografische Defizite durch den Geburtenüberschuss anderer Erdteile auszugleichen (was auch die aufs Klima einwirkende hohe Fertilitätsrate in jenen Ländern nicht senken würde). Ökologisch bedeutet es jedenfalls einen großen Unterschied, ob Großeltern, Tanten und Onkel, die es zu sehen gilt, fünf, fünfzig oder fünftausend Kilometer weit weg wohnen.

Der britische Philosoph Roger Scruton erweitert in seinem Buch „Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz“ diesen Aspekt. Umweltschutz sieht er am besten und effektivsten durchsetzbar, wenn ihm die „Liebe zur Heimat“ („Oikophilie“) zugrunde liegt. Insofern kann eine multikulturelle Gesellschaft problematisch sein. „Eine konservative Umweltpolitik, die der Einwanderung keine Grenzen auferlegt und die Neuankömmlinge nicht in die Oikophilie einbindet, von der die gesamte Nation abhängt, hätte keinerlei Aussicht auf Erfolg.“ Die Oikophilie hat auch eine soziale Dimension. Das „Sozialkapital, das sich in Gesetzen, Gepflogenheiten und Institutionen zeigt“, dürfe für multikulturelle Gesellschaftsexperimente nicht aufs Spiel gesetzt werden, so Scruton. Ziel müsse sein, „künftigen Generationen jene Ordnung wiederzugeben, deren zeitweilige Treuhänder wir sind, und diese in der Zwischenzeit aufrechtzuerhalten und zu verbessern“. Die gelegentliche Verwendung des Wortes „Enkeltauglichkeit“ als Synonym für Nachhaltigkeit lässt eine beliebige Austauschbarkeit der Bevölkerung unlogisch erscheinen.

Gretas Trittbrettfahrer

Dass Migration, Flugaufkommen und damit Klimawandel korrelieren, dürfte auch für Gretas Mutter bislang ein Denktabu gewesen sein, die, bevor ihre Tochter weltberühmt wurde, in recht plakativer Weise ihre Sympathien für eine Politik der offenen Grenzen zum Ausdruck gebracht hat.

Obwohl sich etliche mächtige Politiker der 16-Jährigen anzubiedern versuchen, scheint ihnen die wirkliche Bereitschaft zu fehlen, die Globalisierungsbremse zu ziehen. Der erste Satz ihrer viel beachteten Rede beim UN-Klimagipfel – „Meine Botschaft ist, dass wir euch beobachten“ – entlockte dem Auditorium ein Lachen. Dass die Zuhörer offensichtlich glaubten, Greta wolle ihre Ansprache mit einer üblichen Pointe beginnen, ist ein durchaus symbolisches Missverständnis.

Greta wird auch von denen, die von der von ihr ausgelösten Welle von Erfolg zu Erfolg getragen werden, ganz offensichtlich nicht ernstgenommen. Tragischerweise nutzt ihr Engagement nämlich ausgerechnet einer politischen Kraft, die sich zwar ökologisch gibt, aber der globalistischen Agenda verpflichtet ist. Die maßgeblichen Köpfe der „Grünen“ können mit der Etymologie von Ökologie nichts anfangen und leiden eher an „Oikophobie“. Das ist keine gute Voraussetzung für ernst gemeinten, konsequenten Umweltschutz, wie ihn sich Greta vorstellen dürfte.

Amelie Winther

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 27. September 2019

VON DER LEYENS TRÜMMERHAUFEN

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer staunt: „In der Bundeswehr fliegt nichts, fährt nichts, geht nichts zur See.“ Entsprechendes gilt für das Ausbildungsprogramm der Bundeswehr für syrische Migranten, das Ursula von der Leyen 2016 ins Leben gerufen hatte. Inzwischen hat sich der Bundesrechnungshof die Initiative angesehen.

ÖSTERREICH WÄHLT

Die politischen Attacken von SPÖ-Frontfrau Pamela Rendi-Wagner auf Sebastian Kurz könnten mitentscheidend für die künftige Regierungskoalition sein. Ein türkis-rotes Bündnis (ÖVP/SPÖ) gilt dadurch als unwahrscheinlich.

PULL-FAKTOR SEEHOFER

Noch vor einem Jahr hatte er Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet und gab sich als Widersacher von Kanzlerin Merkel. Jetzt hat CSU-Innenminister Horst Seehofer verkündet, dass jeder vierte Bootsmigrant aus Italien nach Deutschland geholt werden solle. Eine Prüfung der genauen Identität, des Vorlebens und der Schutzbedürftigkeit ist dabei zweitrangig.

WO TOLERANZ NICHT ZÄHLT

Darf Professor Dr. Hans Joachim Mendig, erfolgreicher Filmproduzent sowie Geschäftsführer der „HessenFilm“, mit Professor Dr. Jörg Meuthen, Wirtschaftswissenschaftler sowie Chef der größten Oppositionskraft im Lande, Kaffee trinken, ohne anschließend Kopf, Kragen und Reputation zu verlieren?

NERVENSACHE

Gelingt Boris Johnson in der „Brexit-Frage“ doch noch der Durchbruch? Immerhin deuteten höchste EU-Kreise zuletzt an, dass alternative Regelungen zum „Backstop“ unter bestimmten Voraussetzungen akzeptabel wären. Währenddessen gibt die Opposition unter Labour-Chef Jeremy Corbyn keine gute Figur ab.

MYSTERIÖSE SICHERHEITSLÜCKE

Die brennenden Ölanlagen in Saudi-Arabien werfen Fragen auf. Das Königreich Saudi-Arabien verfügt über die modernsten Raketenabwehrsysteme und das weltweit dritthöchste Militärbudget. Wie verwundbar ist Riad?

WIDERSTAND UND DÉSINVOLTURE

Ernst Jüngers Erzählung „Auf den Marmorklippen“ erschien vor 80 Jahren in der Hanseatischen Verlagsanstalt und gilt als Musterbeispiel für die „innere Emigration“. Was hat es mit der „hoch-romantischen und symbolistischen“ Parabel vom Untergang einer Zivilisation auf sich?

REMBRANDT ZUM 350. TODESTAG

Die rätselhafteste und abgründigste Erzählung der Bibel findet sich im 1. Buch Mose und beschreibt, wie Abraham seinen Sohn Isaak zu opfern bereit ist. Auch Rembrandt nahm sich des erschütternden Themas mehrfach an, so mit dem Historiengemälde „Der Engel verhindert die Opferung Isaaks“, dem Pfarrer Paul Fischer eine nähere Betrachtung widmet.

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