Nr. 25 vom 16.6.2017

Nr. 25 vom 16.6.2017

Standpunkt

„Klimaschutz“ über den Wolken?

Nach der Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens durch Donald Trump wurde der US-Präsident von der „taz“ – sie ist hier nur ein Beispiel für eine verbreitete Haltung – unter der Schlagzeile „Na, warte!“ auf sechs Seiten zu gedrucktem Hackfleisch verarbeitet. Doch als man durch war, stieß man in der vermeintlich linksalternativen Zeitung auf ein weißes Kuvert mit Silberfolie. Angeheizt durch die klimabewegten Zeilen und gespannt, was man jetzt für die Welt tun kann, fand man darin das Exklusivangebot („speziell für Sie als treuen Leser der taz“) einer „15-Tage 4-Sterne-Reise“ nach Marokko einschließlich „Hin- und Rückflug mit renommierter Fluggesellschaft“ und „Erholung im 4-Sterne-Traumhotel“.

Macht allein für die 5.800 Kilometer Flug hin und zurück – also ohne „Transfer“, „Rundreise“ und Hotel – einen Ausstoß von zwei Tonnen Kohlendioxid pro Teilnehmer. Das ist so viel, wie ein Inder im ganzen Jahr an CO2-Emissionen verursacht, aber um ein Mehrfaches schädlicher. Der CO2-Rechner belehrt einen ja auch darüber: „Da Flugzeuge klimaschädliche Stoffe in höheren Schichten der Atmosphäre ausstoßen, haben sie einen größeren Einfluss auf das Klima, als ein bodennaher CO2-Ausstoß.“

Vom Umweltbundesamt wird angestrebt, dass jeder Bundesbürger statt bisher zwölf Tonnen CO2 weniger als eine Tonne CO2 pro Jahr verursacht. Trotzdem ist natürlich das Gemeinschaftserlebnis nicht zu unterschätzen, kann man doch in dem Flieger nach Marokko mit anderen „Klimaschützern“ beieinandersitzen und in 12.000 Metern Höhe auf den Klimasünder Trump schimpfen, der sozusagen das Unehrenmitglied des ganzen Vereins ist.

TTIP und TPP

Doch leider gilt in Umweltfragen, und damit auch beim Klimaschutz, die alte Wilhelm-Busch-Weisheit „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt“. Und da hat Trump immerhin das Verdienst vorzuweisen, dass er die Freihandelsabkommen TTIP und TPP ausgebremst hat. Das ist ein konkreter Rückschlag für eine rücksichtslose Globalisierung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass auch Güter, die ohne weiteres lokal oder regional hergestellt werden können, noch stärker zum Gegenstand interkontinentaler Handelsströme werden – wodurch das Transportaufkommen und damit der Energie- und Ressourcenverbrauch immer weiter wachsen.

Merkel hingegen hat TTIP nach Kräften voranzutreiben versucht. Und sie hat gerade erst mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dafür gesorgt, dass Peking seine geplante Elektroquote lockert, wonach schon ab 2018 in China tätige Autohersteller den Anteil von Elektroautos an ihren Verkäufen hätten kräftig steigern müssen. (Die Luft in den chinesischen Städten müssen andere einatmen!)

Trump – das zeigt schon der riesige ökologische Fußabdruck, den er persönlich seit Jahrzehnten mit seinem pompösen Lebensstil (man betrachte nur seine private, an sich für 200 Passagiere bestimmte Boeing 757) hinterlässt – ist sicher alles andere als ein Umweltheld. Er ist von solchem Denken offenbar so weit weg (und zugleich so schlecht beraten), dass er die Vorzüge, die seine freihandelskritische Politik für die Umwelt bringt, nicht einmal für PR nützt.

Rettende Globalisierungsbremse

Aber wer bei der Globalisierung aufs Gas tritt, wie Merkel, schadet der Umwelt, ob er es beabsichtigt oder nicht. Und wer hier auf die Bremse steigt, der bringt, auch wenn es ihm um etwas anderes geht, Entlastung. Trumps Bilanz wird natürlich auch davon abhängen, ob er Kriege führt wie seine Vorgänger – oder es, wie im Wahlkampf versprochen, bleiben lässt. Und ob er seine maßlosen, offenbar auf Umsätze der amerikanischen Waffenindustrie abzielenden Rüstungspläne in der NATO durchsetzen kann.

Generell aber gilt: Interventionismus und globalistische Ideologie sind für unseren Planeten als Lebensraum Gift. Das gilt auch für die Vorstellung, dass jeder überallhin migrieren können soll – denn schon kurz nach Einwanderung eines Familienmitglieds beginnt der Flugzirkus auch da. Und Familienbesuche lassen sich, wenn denn einmal drastischere Einschränkungen als notwendig erachtet werden, noch schwerer regulieren als „4-Sterne-Reisen nach Marokko“ aus Daffke.

Ulrich Wenk

Einige der aktuellen Themen in der Ausgabe vom 16. Juni 2017

„VERBOTENE VIERTEL“

In Frankreich wird darüber diskutiert, dass Frauen sexuellen Belästigungen auf der Straße ausgesetzt sind, die in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen haben, und „No-Go-Areas“ entstehen. In Deutschland wird das zwar nicht thematisiert, doch gefeit sind wir vor dieser Entwicklung nicht.

MACRONS WÜNSCHE

Kommt jetzt die Vergemeinschaftung der Schulden? Frankreichs Präsident verlangt gemeinsame EU-Anleihen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will ihn unterstützen, um in fünf Jahren eine Präsidentin Le Pen zu verhindern. Ob auch die Kanzlerin – ihr Verhältnis zu Macron basiert auf dem Grundsatz „loben und loben lassen“ – nachgibt?

POKER UM GROSSBRITANNIEN

Eine nordirische Regionalpartei ist nun Zünglein an der Waage. Dass sich die britische Premierministerin Theresa May den Wählern gestellt hat, kann man ihr allerdings nicht vorwerfen.

TRUMPS TWEETS

Nach der London-Bridge-Attacke hatte US-Präsident Trump getwittert: „Mindestens sieben Tote und 48 Verletzte bei einem Terroranschlag, und Londons Bürgermeister sagt, es gebe keinen Grund, alarmiert zu sein!“ Die Reaktionen darauf lassen erstaunen.

DROHT EIN FLÄCHENBRAND?

Mit den offenbar von langer Hand geplanten Anschlägen in Teheran hat der „Islamische Staat“ seinen Terror erstmals auf den Iran und damit die Schutzmacht der Schiiten im Nahen Osten ausgeweitet. Damit legt der IS die Lunte an ein weiteres Pulverfass.

VERÄNDERTE REPUBLIK

Ungewöhnliche Verhaltensregeln für Schüler in Bautzen, Eskalation in einer Dresdner Unterkunft, ein Schleuser außer Rand und Band in Rosenheim und der Mord an einem Fünfjährigen in Arnschwang bei Regensburg.

STADT DER KINDER

„Alle relevanten Kinderorte wie Schule, Spielplätze usw. sind durch ein Wegnetz verbunden, das in Zusammenarbeit mit Kindern ermittelt wurde. 100 Spielobjekte ermöglichen es, sich durch die Stadt hindurchzuspielen.“ Griesheim in Hessen verdeutlicht, wie öffentlicher Raum für Kinder zurückerobert werden kann.

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