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Standpunkt
 
Nicht einmal geistreich

Bundesfinanzminister Schäuble weist den Vorwurf zurück, er habe Putin mit Hitler verglichen. Wird seine mit Blick auf Russlands Vorgehen auf der Krim gemachte Äußerung „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr“ damit richtiger?

Was Schäuble vor Schülern der Staatlichen Europaschule Robert Jungk in Berlin sagte, hat in Moskau Verärgerung ausgelöst, Deutschland geschadet und niemandem genützt – außer vielleicht dem als Benedikt-Hasser bekannt gewordenen Alan Posener, der Schäuble in „Die Welt“ beisprang und die Gebetsmühle („Beschwichtigung funktioniert nicht”) anwarf.

Wenn es Schäuble, wie er betont, nicht um die Akteure ging, sondern um die historische Situation, ist sein Vergleich aus folgenden fünf Gründen Unsinn:

• Das Sudetenland wurde 1919 unter Anwendung von Gewalt von Österreich abgetrennt, während die Krim der Ukraine 1954 – in Verkennung der weiteren Entwicklung – „geschenkt” wurde.

• Im Sudetenland, also dem geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet in Böhmen und in Mähren, lebte 1938 noch die angestammte Bevölkerung, was auf der Krim spätestens seit der Deportation der Krimtataren 1944 nur noch sehr eingeschränkt der Fall ist.

• Moskau hat sich nicht davon abhalten lassen, eine Volksabstimmung durchzuführen, um die Krim anzuschließen. 1938 kam es nicht zu einer Volksabstimmung, die die Regierung in Prag zu vermeiden suchte, war doch eine riesige deutsche Mehrheit gewiss. Auch 1919 war den Sudetendeutschen eine derartige Manifestation ihres Willens verwehrt geblieben.

• Schließlich besaß Moskau für den Anschluss der Krim nicht die Zustimmung aus London, Paris und Rom, wie sie Berlin für den des Sudetenlandes mit dem Münchener Abkommen vom 29. September 1938 erhalten hatte. Damaligen Zeitgenossen erschien München als seltenes Beispiel einer Territorialveränderung im Verhandlungsweg. Das unterscheidet den Sudetenland-Anschluss auch von der Besetzung Prags im März 1939.

• Den Russen auf der Krim wird hoffentlich nie etwas Vergleichbares angetan, wie den Sudetendeutschen ab 1945. Schon das in seiner Art einzig dastehende Schicksal der Deutschen in Böhmen und in Mähren sollte es einem Bundesminister verbieten, hier mit Vergleichen zu hantieren.

Im Ergebnis also zu Recht hat Moskau Schäuble „pseudohistorische Exkurse“ vorgeworfen. Manche solche Exkurse sind zwar wertlos, aber wenigstens geistreich. Nicht einmal das kann man Schäuble attestieren.

Fünfzig Jahre ist es her, dass Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, auch er CDU, die Rückgabe der sudetendeutschen Gebiete „an das sudetendeutsche Heimatvolk“ verlangte. Diese von Seebohm an Pfingsten 1964 gewählte Formulierung ist insofern interessant, als er nicht eine Rückgabe an einen Staat verlangte, sondern an Menschen, womit bis heute offene Menschenrechtsfragen angesprochen waren. Gebiete nämlich können Regierungen abtreten, über unveräußerliche Rechte Einzelner dagegen können sie nicht rechtsgültig verfügen.

B. Schreiber

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 11. April 2014

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HÄNDE WEG VOM
VERFASSUNGSGERICHT!

Der höchstgerichtlich angeordnete Wegfall der Drei-Prozent-Klausel bei Europawahlen hat Politiker aufgeschreckt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière traf sich nun „mit einigen ausgesuchten Staatsrechtlern“, um zu erörtern, wie man die Kompetenzen des Bundesverfassungsgerichts einschränken könnte.

DOPPELPASS:
WAS DIE „GRÜNEN“ WOLLEN

Gerade legte die Große Koalition einen Gesetzesentwurf zum Doppelpass vor. Die „Grünen“ üben harsche Kritik. Deutschland, so Cem Özdemir, nutze „das vorhandene Einbürgerungspotenzial“ kaum aus, noch würden zu wenig „Ausländer zu Inländern“ gemacht.

GEFÄHRDETE ENERGIE-
PARTNERSCHAFT MIT RUSSLAND

Seit Jahrzehnten findet zwischen Russland und Deutschland ein reger Erdgashandel statt. Die Sanktionspolitik des Westens gefährdet die bewährte Zusammenarbeit nun und ignoriert auch, dass etwa Deutschland 36 Prozent seiner Gaseinfuhren aus Russland bezieht.

VON DER DOPPELMORAL
Die NATO verlangt von Russland, seine in Grenznähe zur Ukraine stationierten Truppen zurückzuziehen, erhöht aber ihre Präsenz in den osteuropäischen Bündnisstaaten. Ein Spiel mit dem Feuer, das verheerende Folgen haben kann. Dazu der Kommentar „Quer gedacht“.

WIEDER EIN „REGIMEWECHSEL“?
Bis Juli dieses Jahres muss der US-Luftwaffenstützpunkt in Manas, Kirgisistan, schließen. Die Entscheidung des kirgisischen Parlaments dürfte für Washington ein Grund mehr sein, in dem zentralasiatischen Staat eine „zuverlässigere“ Regierung zu installieren. Schließlich hat man hier bereits 2005 und 2010 „Farbenrevolutionen“ angezettelt.

FRANKREICH ALS GEFAHR
FÜR WÄHRUNGSUNION?

Mit der Umbildung der Regierung hat der französische Präsident die wirtschaftlichen Probleme seines Landes noch längst nicht gelöst. Im Gegenteil: Hollande steht nach der jüngsten Wahlschlappe unter Druck. Entzieht sich Frankreich der Brüsseler Umklammerung?

EIN BISSCHEN FÄLSCHUNG?
Vergangene Woche bei München: Kommunikationswissenschaftler Professor Walter Hömberg referierte zum Thema „Lügen wie gedruckt“. Um „Falschmeldungen und Medienfälschungen“, um Manipulationen, Tricks und unbekannte Hintergründe sollte es gehen. Wie war’s?

EIN EXKLUSIVER ZIRKEL
„Der feine Club der ‚Lateiner’ und erst recht der ‚Griechen’ wird immer exklusiver; es gibt darin keine reichen Erben und keine Neureichen. Es ist ein persönliches Privileg der besonderen Art.“ So spricht der Altphilologe Klaus Bartels von einer seltener werdenden Spezies: Schülern, die Latein und Altgriechisch lernen. Haben die „toten Sprachen“ eine Zukunft?

Sie wollen den „Standpunkt“ kommentieren oder uns auf einen Sachverhalt aufmerksam machen? Bitte!
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Standpunkt
 
Schlag nach bei Kant

Bedenkt man den Druck und die Kampagne gegen Russlands Präsidenten Putin, bewies Siemens-Chef Kaeser mit dem Treffen in Nowo-Ogarjowo bei Moskau Mut. Weitere Wirtschaftskapitäne schlagen sich auf seine Seite.

Man könnte dem Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG, Josef „Joe” Kaeser, unterstellen, es ginge ihm ja gar nicht um „die Sache“, sondern um „den Profit”. Siemens-Kritiker monieren aber auch, dass Elektronik des Konzerns in vielen modernen Waffensystemen stecke – und Waffen lassen sich in Zeiten des Kalten Krieges besser verkaufen als in solchen der Entspannung. Persönlich ist es für Kaeser auf keinen Fall ein leichter Weg, jetzt öffentlich den Ausgleich mit Russland zu suchen.

Im Gegenteil, der 1957 geborene Betriebswirt aus Niederbayern wird deshalb angegangen. Eher milde zum Beispiel von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel: „Ich fand den Auftritt ein bisschen schräg.“ Scharf von der unnachgiebig westgebundenen FAZ: „Die westliche Staatengemeinschaft zieht die Sanktionsschraube gegen Russland enger. Und was macht der Siemens-Chef? Er spielt in einem Propagandafilmchen im russischen Fernsehen mit!“

Aber gerade dass Kaeser nicht darauf bestanden hat, Putin „ohne Kameras“ zu treffen, wie ihm der FAZ-Autor nachträglich nahelegt, kennzeichnet ihn als mutigen und überzeugten Anhänger seiner Aussage: „Siemens und Russland verbindet eine 160-jährige Tradition. Die lange Tradition zeigt, dass wir bei Herausforderungen miteinander und nicht übereinander sprechen sollten.“ Schon 1853 eröffnete das Unternehmen für die Errichtung des staatlichen Telegrafennetzes in Russland ein Büro in St. Petersburg. Auch Kaesers Satz, Siemens lasse sich „von kurzfristigen Turbulenzen in der langfristigen Planung nicht leiten“, verrät eine klare Denkart.

Deutsche Wirtschaftskapitäne sind momentan weit näher als die aktive politische Klasse an dem, was die Mehrheit der Deutschen fühlt: „Man sollte vielleicht früher bedenken, was das Ergebnis ist, wenn man im Vorhof einer anderen Großmacht von außen für politische Veränderungen sorgt“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post, Frank Appel. Ähnlich Adidas-Chef Herbert Hainer: „Dass Putin sich nicht einfach bieten lässt, was in der Ukraine passiert, war abzusehen.“

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger beweist historische Perspektive: „Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass gewaltige Veränderungen möglich sind, wenn man sie gemeinsam mit Russland angeht. Viele Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind extrem positiv zu sehen. Denken Sie nur an die deutsche Einheit. In diesem Modus der Verständigung hätte man den Prozess gestalten sollen. Hier ist eine Situation entstanden, in der sich Russland in die Ecke gedrängt fühlte.“ Nun gelte es, einen diplomatischen Weg zu finden.

August Bebel fasste 1907 die marxistische Interpretation des Krieges in die Worte: „Kriege zwischen Staaten, die auf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung beruhen, sind in der Regel Folgen ihres Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkt, denn jeder Staat ist bestrebt, seine Absatzgebiete sich nicht nur zu sichern, sondern auch neue zu erobern, wobei Unterjochung fremder Völker und Länderraub eine Hauptrolle spielen.” Dafür gibt es in der Tat Beispiele.

Dagegen meinte Immanuel Kant 1795 in seinem Traktat „Zum ewigen Frieden”: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt.” Die Haltung von Kaeser, Appel, Hiesinger und Co. scheint in die Waagschale Kants und nicht in die Bebels zu fallen. Wer wäre darüber unglücklich?

In Russland werden die deutschen Stimmen der Vernunft genau wahrgenommen. Dem Umstand, dass sich drei ehemalige deutsche Bundeskanzler, Schmidt, Kohl und Schröder, gegen Wirtschaftssanktionen ausgesprochen haben, widmete die „Nesawissimaja Gaseta“ am Montag breiten Raum. „Auch die deutsche Wirtschaft tritt vehement gegen antirussische Sanktionen auf“, freut sich die Moskauer Nachrichtenagentur RIA Novosti.

B. Schreiber

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 4. April 2014

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„I LOVE EU“
Die EU, das ist der Friedensnobelpreisträger, den viele dieser Auszeichnung für nicht würdig halten, das ist Bürokratie und Regulierungswahn, Lobbyismus, Euro-Krise und Rettungsschirm. Kann man die EU lieben? Ja, findet die „taz“ …

„WIR WERDEN PANZER
REINSCHICKEN“

Weltweit für Aufsehen sorgte jetzt ein auf „YouTube“ veröffentlichter Mitschnitt einer Unterredung zwischen hohen türkischen Amtsträgern, in dem es um einen türkischen Angriff auf Syrien ging, der als Gegenschlag kaschiert werden sollte. Geheimdienstchef Hakan Fidan: „Ein Vorwand lässt sich konstruieren.“

WAS BRINGT DIE BANKENUNION?
Ohne dass es den Menschen richtig bewusst ist, schafft die EU-Kommission immer mehr Fakten, die den Staatenbund Richtung Bundesstaat treiben. So wird die Rettung der Währungsunion genutzt, um weitere Souveränitätsrechte der Brüsseler Bürokratie zu übertragen: durch die Bildung der Europäischen Bankenunion.

GOLD-YUAN UND GOLD-RUBEL
Kommt die Währungsrevolution aus dem Osten? Mit der Unterlegung ihrer Währungen durch das Edelmetall könnten China und Russland das westliche Papiergeldsystem erheblich unter Druck setzen. Was das nicht nur währungspolitisch zu bedeuten hat.

KAMPF UM DIE MITTE EURASIENS
Nach dem Patt in der Ukraine wird Washington versuchen, Moskaus Einfluss in Zentralasien zurückzudrängen, ein Gebiet, das nicht nur reich an Rohstoffen ist, sondern auch von großer geostrategischer Bedeutung. Die Hintergründe erläutert Dr. Bernhard Tomaschitz.

„GEMÜTLICHKEIT“
Germanismen, also deutsche Wörter, die in andere Sprachen übernommen wurden, finden sich rund um den Globus, neben dem berühmten „kindergarten“ zum Beispiel kulinarische Vokabeln, aber auch Begriffe wie „weltschmerz“, „waldsterben“ sowie neuerdings „energiewende“ und „fahrvergnügen“. Was das über das Ansehen Deutschlands in der Welt verrät.

DER WELT-NACHTWÄCHTER?
Als Barack Obama kürzlich die Niederlande besuchte, hielt er unter anderem eine Rede zum engen Verhältnis der beiden NATO-Partner und posierte dabei im Amsterdamer Rijksmuseum vor Rembrandts „Die Nachtwache“. Ein Bild mit Symbolwert: das weltberühmte Gemälde zeigt eine zum Schutz und Trutz gerüstete Bürgerwehr. Doch inwieweit taugt Rembrandts Meisterwerk zur politischen Parabel?

„WEG VOM STAATSFUNK!“
Dass das Bundesverfassungsgericht den ZDF-Staatsvertrag mal eben in wesentlichen Teilen als verfassungswidrig zerrissen hat, ist ein politischer Paukenschlag. Schließlich pochen die Richter hier auf Einhaltung des Kleinen Einmaleins der Meinungsfreiheit.


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Standpunkt
 
Lieber Herr Morgenstern!

Es gibt Namen, die man von klein auf nachspricht, die sich ganz deutlich eingeprägt haben ins Bewusstsein und über die man, weil man sie eben schon so lange kennt, nicht weiter nachdenkt.

Ihr Name ist für mich aufs Engste verknüpft mit einem der ersten Gedichte, an die ich mich überhaupt erinnern kann. Wohl als ABC-Schützin habe ich es im Lesebuch entdeckt. Wenn ich ehrlich bin, ist mir aber nicht das ganze Gedicht im Gedächtnis geblieben, sondern nur einer seiner Protagonisten: das Mondkalb.

Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte später, suche ich die Verse noch einmal heraus, die ich damals sicherlich kaum begriffen habe, deren phantastisches Tier sich mir aber so fest ins Ohr gesetzt hat – lange bevor ich vom alten Hexenmeister, von der Glocke, dem blauen Band des Frühlings oder anderen Gedichten überhaupt gehört hatte –, dass ich seinen lyrischen Beschwörer nie vergessen habe.

Vielleicht war gerade die Begegnung mit Ihrem Mondkalb in „Das ästhetische Wiesel“ die Initialzündung für meine Liebe zur Dichtung. Es geht hier um den Reim und darum zu zeigen, wie „raffiniert“ und kunstvoll man ihn finden kann, die Verse folgen, wenn wir Literaturwissenschaftler sprechen lassen wollen, damit sogar einer poetologischen Pflicht.

Genau das fühlte ich als Sechsjährige: Der Reim war der Grund des Gedichts, war die Daseinsberechtigung des Wiesels, war die Funktion auch meines Mondkalbs. Daraus wurde Poesie. Ich spürte: Der ganze Zauber der Literatur liegt in diesem Mondkalb. Sie sagen es selbst an einer anderen Stelle: „Lesen können – darauf läuft schließlich alles hinaus.“ Lesen können und fühlen können ist manchmal eins.

Merkwürdig fand ich dieses Gedicht, gerade seine zwei seltsamen Gestalten, hier das irdische Wiesel, da das fabelhafte Mondkalb, und den Bezug der beiden zueinander, der erst durch den Reim entsteht.

Also behielt ich Ihren Namen, Herr Morgenstern, in Erinnerung. Habe ich in den folgenden Jahren noch viel an das Mondkalb und an Sie gedacht? Hin und wieder bestimmt, und sicherlich gab es Zeiten, da ich im Vergleich zu anderem, was ich las, dieses erste Gedicht als Nonsens abtat, seinen Verfasser als schrulligen Unsinnspoeten, der mir nichts Gehaltvolles geben kann – allem kindlichen Gefühl zum Trotz. Verzeihen Sie mir, ich kannte Sie nicht.

Jahre nach dem Mondkalb begegnete mir „Sophie“, Ihr „Henkersmädel“. Sie passte gut zu solchen „Galgenbrüdern“, die meine schwärmerischen Phantasien zu dieser Zeit bevölkerten. Zum Henkersbeil gebunden habe ich Ihre Gedichtsammlung „Galgenlieder“ vor gar nicht langer Zeit im Literaturmuseum der Moderne in der Schillerstadt Marbach gesehen. Die nächste Schublade war also aufgesprungen: der schräge Dichter meines Mondkalbs ist in Wirklichkeit ein Gesetzesloser und tritt das vogelfreie Erbe Villons an. Ausschließliche Räuberromantik suchte ich aber in den „Galgenliedern“ vergeblich (fand aber das Mondkalb hier). Das „Kind im Dichter“ Morgenstern, das sich voll Geist und Witz und Ironie ausschrieb, schloss also die Schublade wieder – von außen.

Als nächstes stieß ich auf Ihren Namen, als ich meine Hamsun-Sucht befriedigen wollte. Morgenstern – Hamsun-Übersetzer. Donnerwetter, dachte ich, der ist ja vielseitig! Und irgendwie unfassbar. Ich wollte mehr über Sie wissen, mehr von Ihnen lesen. Zum Glück wollte ich das!

Man weiß von manchem, dem die Menge ein Übermaß an Humor zugesteht, dass er ganz bei sich, in seinem Innern die großen Traurigkeiten kennt. Sie auch, Herr Morgenstern? Ich glaube ja, auch wenn Sie es immer wieder bestreiten und die Fähigkeit zur Freude betonen. Das sind dann solche Seelen, die die Welt lieben müssen, weil es keine andere gibt, und aus demselben Grund die Menschen.

Herr Morgenstern, Sie haben einen Pfad gefunden, den willkürlichen Schwertstreichen der Unzulänglichkeit des Daseins auszuweichen. Was den Lesenden erhebt, was Sie selbst erhebt, ist der trotzige Glaube in Ihren Gedichten und Gedanken an das Gute in der Welt, komme es, wann es wolle. Was sind schon Äonen vor diesem Wissen? Und doch ist nichts bezeichnender für eine wunde Seele als Ihr Tagebucheintrag aus dem Jahr 1906: „Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: ‚Und er entwich vor ihnen in die Wüste.’“

„Über all meinen Werken soll es wie ein großes Verstehen liegen – und davon werden viele glücklich werden“, schreiben Sie einmal. Wir wollen verstehen, und Sie haben Verständnis. Das ist Ihr Geheimnis. Kein Zweiter hat dem schweren Selbstverständlichen so zum leichten Wort verholfen. Ich lese Morgenstern und ich werde ruhig, Drängendes, Zweifelndes, Unheilvolles fällt ab von mir und scheint so gering vor dem, was Ihre Zeilen sind. Ein ähnliches Gefühl wie jenes, das sich einstellt, wenn man voll Hingabe (wörtlich gemeint!) den Sternenhimmel betrachtet, sich einer Unendlichkeit bewusst wird und Entspannung bis zur Erschöpfung erlangt.

Über die „Stufen“ gelangte ich zu Ihren Tiefen. Ich war dort und daher müssen Sie mir glauben, Herr Morgenstern: Sie haben die Vertiefung, um die Sie gebetet und gerungen haben, erreicht!

Und wenn von außen etwas über Ihr Leben zu sagen bleibt, dann das:
Wir sind von hier, Sie sind von dort. Danke, dass Sie unser Gast waren.

Amelie Winther

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 28. März 2014

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DEUTSCHLAND VON SINNEN?
Akif Pirinçci, geboren 1959 in Istanbul, legt als erster intellektueller Einwanderer der Bundesrepublik ein lautes nationales Bekenntnis ab – zu Deutschland. In den betreffenden Passagen seines neuen Buches „Deutschland von Sinnen“ verzichtet er auf vulgären Wortschatz, wie er seine Stellungnahmen zu von ihm als solchen wahrgenommenen Missständen sonst oft prägt.

STREIT UM
RUSSLAND-SANKTIONEN

Kanzlerin Merkel unterstützt  nicht   nur  die von USA  und  EU   erlassenen  Kontosperren und Einreiseverbote  gegen russische und ukrainische Staatsbürger,  sie  scheint  auch  eine treibende Kraft hinter den geplanten Wirtschaftssanktionen zu sein. Ein Schuss, der nach hinten losgehen könnte. Außerdem: Wer den Ball im Verhältnis zu Russland flach halten will.

WIRF DAS HANDY WEG!
„Wehrt Euch“ nennt Hans Magnus Enzensberger seine jüngste Kampfansage an Datenkontrolle, Mobiltelefonterror, E-Mail-Bombardements oder grelle Werbeaufrufe. Was ist von den „zehn einfachen Regeln“ des Schriftstellers und Dichters gegen Ausbeutung und Überwachung zu halten?

MYTHEN DER BILDUNGSPOLITIK
Sind kleinere Schulklassen wirklich entscheidend für bessere Leistungen? Ist der wegweisende Wechsel an der Schwelle von der vierten zur fünften Klasse zu früh angesetzt? Die Antworten auf solche Fragen sind oft von Irrtümern, diesbezügliche Fachdebatten von falschen Annahmen bestimmt.

LEST MORGENSTERN!
Christian Morgenstern ist zu recht vor allem für seine brillanten Sprachgrotesken bekannt. Doch der Dichter, der von Nietzsche, Paul de Lagarde und zuletzt Rudolf Steiner beeinflusst wurde, hat weit mehr als diese „Galgenlieder“ zu bieten. Zu seinem 100. Todestag beleuchten wir Leben und Werk des Unvergessenen.

EINGEKREIST, ABER WARUM?
Herfried Münkler, Professor an der Humboldt-Universität Berlin, gehört zu den renommierten Politikwissenschaftlern der Bundesrepublik. Als Vertreter der „Realistischen Schule“ rückt er in seinem Buch „Der Große Krieg“ die Lage Deutschlands in der Mitte des Kontinents in den Fokus und korrigiert jahrzehntelang gepflegte Klischees über den Weltkonflikt der Jahre 1914 bis 1918.

KARLSRUHE UND DAS
EZB-ANLEIHEKAUFPROGRAMM

Nach dem Urteil des 18. März 2014, mit dem die Klagen gegen ESM und Fiskalpakt abgewiesen und zugleich die Rechte des Parlaments gestärkt wurden, steht die entscheidende Auseinandersetzung noch bevor: Was passiert, wenn das Bundesverfassungsgericht das Anleihekaufprogramm der EZB stoppt?

STREBEN NACH UNABHÄNGIGKEIT
Die Loslösung der Krim von der Ukraine hat Autonomiebestrebungen in weiter westlich gelegenen Staaten Europas neuen Auftrieb gegeben. Wo Grenzen willkürlich gezogen wurden oder Volksgruppen in einem fremden Staat leben, haben sich nicht selten Bewegungen etabliert, die nach mehr Unabhängigkeit oder gar Sezession streben.

STEUER:
WIE GERECHT GEHT’S ZU?

Das Urteil gegen den früheren FC-Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß hat zu einer breiten Diskussion in Medien, aber auch innerhalb der Bevölkerung geführt. Dabei geht es nun auch ganz grundsätzlich um Steuergerechtigkeit.