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Fakten
 
Geprüft – und falsch:
Die „Spiegel“-Titelgeschichte

„Mein Vater, der Mörder“ heißt die Titelgeschichte des „Spiegel“ vom 14. April 2014. Doch anders als Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben und das Magazin schon auf der Titelseite prunken, ist sein Vater gerade nicht wegen Mordes verurteilt worden. Bei seinem Versuch, den Richterspruch vom 18. Juni 1953 abzutun und den damaligen Vorsitzenden Richter abzuqualifizieren, hat Cordt Schnibben Entscheidendes übergangen und schließlich auch noch die handelnden Personen verwechselt. 

 
„Ohne Mörder zu sein”.
Das Urteil, das 1953 wegen der am 14. April 1945 von Angehörigen des Volkssturmbataillons 122 verübten Tötung des vermeintlichen „Plünderers und Verräters” Willi Rogge erging, ist ja kein Geheimnis, sondern wurde 1974 abgedruckt in der von Fritz Bauer herausgegebenen „Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen”. Es lautet: „Das Schwurgericht in Oldenburg hat in der Sitzung vom 18. Juni 1953 für Recht erkannt: Es werden verurteilt: 1. wegen vorsätzlicher Tötung – Verbrechen nach § 212 StGB – der Angeklagte W. zu drei Jahren Gefängnis; 2. wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung – Verbrechen nach §§ 212, 49 StGB – der Angeklagte Schnibben zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis; die Angeklagten P., C., van K. zu je zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis.” 

 
§  212  StGB  handelt  (im  Unterschied  zu  § 211) nicht  von  Mord,  sondern  von  Totschlag: „Wer einen  Menschen  vorsätzlich  tötet,  ohne Mörder zu sein, ... .“ 

 
Der Richter.
Dass sein Vater Georg Schnibben, Adjutant des erwähnten Volkssturmbataillons, trotz des das Gegenteil besagenden Urteils nicht weniger als ein Mörder und in jedem Fall die zentrale Figur („quasi der Drahtzieher”) gewesen sei, lässt sich Cordt Schnibben aber nicht nehmen. Das Urteil von 1953 wird einfach als falsch dargestellt, der Prozess als ein „Muster dafür, wie die deutsche Nachkriegsjustiz daran scheiterte, das millionenfache Unrecht der kleinen Nazis zu ahnden“. Schuld ist in seinen Augen der damalige Vorsitzende des Schwurgerichts: „Der Richter ist August von Döllen” und der sei „während des Krieges Oberstabsrichter bei der 180. Division” gewesen – eine „Information” aus dem „Braunbuch” der DDR. Solche „Wehrrichter”, schwadroniert Schnibben ganz generell weiter, hätten Deserteure zum Tode verurteilt und schließlich seien ja „fast alle“ Juristen belastet gewesen. Der Hinweis auf Filbinger fehlt bei Schnibben nicht. Banalität des Sündenstolzes.
 

Dummerweise ist aber gerade über jenen Richter seines Vaters im Sommer 1953, August von Döllen (1899–1975), einen  gebürtigen Lothringer, bekannt, dass er schon als Amtsgerichtsrat 1935 den Oldenburger Devisenprozess gegen drei Dominikanerpatres, darunter den legendären Titus Horten, sabotiert hatte und deswegen ins Visier des SD geraten war. Pater Dr. Rainer Maria Groothuis bezeichnet August von Döllen in seiner 2002 erschienenen Geschichte der Dominikaner unter der  NS-Diktatur als „überzeugten Katholiken“.   Irgendwelcher   Sympathien   für  NS-Verbrechen  ist  Richter   August   von   Döllen, der   ab   1920  der  im   Dritten   Reich aufgelösten katholischen (CV-)Verbindung  Arminia Heidelberg angehörte, ganz unverdächtig.

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 25. April 2014

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EIN „GROSSARTIGES PROJEKT“?
Die Risiken und Nebenwirkungen des Transatlantischen Freihandelsabkommens zwischen den USA und der EU. Auf die deutschen Steuerzahler könnten Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe zukommen und auch die Demokratie droht Schaden zu nehmen. Proteste gegen das TTIP mehren sich.

WARUM UMWELTSCHUTZ?
Der britische Schriftsteller und konservative Philosoph Roger Scruton will in seinem Buch „Grüne Philosophie“ klären, was Menschen wirklich dazu motiviert, ihre Umwelt zu bewahren. Seine Antwort ist einfach: Heimatliebe.

HOFFMANN VON FALLERSLEBEN
UND FLANDERN

Mit 22 Jahren, „ein leichtes Ränzelchen auf dem Rücken, ohne Pass und fast ohne Geld“, reiste Hoffmann von Fallersleben in die Niederlande, „nicht um dort mein Glück zu suchen, sondern um einen Teil meiner deutschen Sprachstudien, das Niederländische, weiter zu verfolgen“. Wie der Dichter der deutschen Nationalhymne als Germanist die niederländische Philologie begründete.

NEPP UNTER SOZIALEM
DECKMANTEL

In großen Städten gibt es lokal verwurzelte Straßenzeitungen wie „Hinz und Kunzt“ (Hamburg) oder „BISS“ (München). Neben diesen gemeinnützigen Projekten existiert eine „Zeitung“, die sich „Streetworker“ nennt und angeblich „von Obdachlosen für jedermann“ gemacht ist. Was dort nicht stimmt.

„KRASSER“ ALS SARRAZIN?
Mit seinem Buch „Deutschland von Sinnen“, das mittlerweile in sechs Auflagen gedruckt und fast 200.000 Mal verkauft wurde, hat Akif Pirinçci ein großes Medienecho ausgelöst. Mit zum Teil reichlich schiefen Vergleichen wollen einige Rezensenten auch Pirinçcis „Milieu“ ergründen.

STEUERERHÖHUNG DURCH
DIE HINTERTÜR

Stichwort „kalte Progression“: Warum sich das „Glanzstück“ der Großen Koalition, nämlich ein 2015 ausgeglichener Bundeshaushalt, bei näherer Betrachtung als Mogelpackung erweist.

NEUE HOFFNUNG
FÜR GRIECHENLAND?

Die Hilfspakete der Euro-Partner und des Internationalen Währungsfonds für Griechenland summieren sich auf 240 Milliarden Euro. Doch es bleibt fraglich, ob die griechische Volkswirtschaft den Bedingungen der Währungsunion gerecht werden kann. Warum Finanzexperten vor verfrühtem Optimismus warnen.

HUGO VON HOFMANNSTHAL
„Für immer stolz und glücklich, diesem Volk anzugehören“: Hugo von Hofmannsthal als Dichter, Österreicher und Deutscher im Ersten Weltkrieg. Anmerkungen zur aktuellen Ausstellung im Frankfurter Goethehaus.

Peinliche Verwechslung. Um das Bild eines seinen Vater ungerechtfertigt begünstigenden Richters abzurunden, behauptet Cordt Schnibben auch noch, der Richter habe seinem einstigen Angeklagten wenige Jahre später erneut geholfen: „Die Gerichtskosten wurden ihm übrigens zu großen Teilen erlassen, von einem Mann, der ihn gut kannte aus dem letzten Prozess und der inzwischen ins niedersächsische Justizministerium befördert worden war – Kriegskamerad und Richter August von Döllen.” Auch das ist falsch! August von Döllen, dessen Richterlaufbahn 1927 in Oldenburg begann, wurde am 1. Januar 1950 zum Landgerichtsdirektor beim Landgericht Oldenburg ernannt und war seitdem bis zu seiner Pensionierung 1966 ausschließlich Vorsitzender einer Strafkammer, wie der Spiegel-Reporter zum Beispiel dem Nachruf des Landgerichts Oldenburg auf August von Döllen hätte entnehmen können. Cordt Schnibben verwechselt den angeblich zu milden Richter seines Vaters mit dessen jüngerem Bruder Alexander von Döllen (1903 – 1964), der 1953 Ministerialdirigent im Justizministerium wurde.

Nebenbei bemerkt war auch Alexander von Döllen dem SD ein Dorn im Auge gewesen. Der SD-Führer des SS-Oberabschnitts Nordwest schrieb am 25. November 1937 an das Sicherheitshauptamt, Alexander von Döllen sei „streng katholisch und kirchlich stark gebunden. Ich halte seine Verwendung als Richter in politischen Prozessen (…) für direkt gefährlich.“ (Dies und die Rolle der Brüder von Döllen in jenen Jahren ist hervorragend dokumentiert bei Maria Anna Zumholz, Der Devisenprozess gegen die Dominikanerpatres Laurentius Siemer, Titus Horten und Thomas Stuhlweißenburg in Oldenburg, in: Baumann/Hirschfeld, Christenkreuz oder Hakenkreuz, Zum Verhältnis von katholischer Kirche und Nationalsozialismus im Land Oldenburg, Vechta 1999, S. 275-312.)

 
Der Anspruch. „Natürlich stimmen die Fakten, die im SPIEGEL stehen”, hatte das Magazin noch am 30. März 2014 per Rundbrief verkündet. „Und falls wir mal einen Fehler schreiben (was passiert), haben wir die besten Fact-Checker des Landes in unserem Haus versammelt, die jeden Text prüfen, bevor er erscheint, damit Sie unsere Fehler nie gedruckt finden.” Nie? Hier zumindest haben Spiegel-Reporter und -Faktenprüfer kläglich versagt. 

 
Eine Verschwörung? Für so etwas wie eine klammheimliche positive Einstellung des Landgerichtsdirektors August von Döllen zu der Tat des Angeklagten Georg Schnibben gibt es keinen Anhaltspunkt; vielmehr spricht die Persönlichkeit August von Döllens deutlich gegen eine solche Annahme. Zudem ist die Urteilsbegründung für Schnibben senior wenig schmeichelhaft. Er wird als „völlig unglaubwürdig” beschrieben, was Cordt Schnibben auch gerne zitiert. 

 
Wie August von Döllen, ein integrer und geachteter Mann, ohne jede Substanz von Cordt Schnibben angepatzt und schließlich noch ins Justizministerium „versetzt” wird, wo er nie war, nur um einem größtmöglichen Publikum plausibel zu machen, „dass ich von zwei unrühmlichen Bastarden [gemeint sind Vater und Mutter] groß gezogen worden bin”, ist ein eigenes Kapitel: Das Grundrecht auf Achtung der Menschenwürde gewährt dem Richter Persönlichkeitsschutz über den Tod hinaus. 

 
Degradiert. Es tut uns furchtbar leid, Cordt Schnibben, Ihr Artikel ist voller Fehler und, was für Sie noch bitterer sein dürfte, Ihr Vater war nicht Mörder, sondern „nur“ Gehilfe eines Totschlägers. Das ist an sich schlimm genug, aber eben nichts für die Titelseite: „Mein Vater, der an einem Totschlag beteiligt war” – wie klingt denn das? Auflage ist damit nicht zu machen! 

 
B. Schreiber

Sie wollen den „Standpunkt“ kommentieren oder uns auf einen Sachverhalt aufmerksam machen? Bitte!
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Standpunkt
 
Drie jongens en drie meisjes

Oft muss man nur eine kleine Barriere überwinden, um Neuland zu erschließen. So ist es mit dem Niederländischen und dem Hochdeutschen. Das jeweils andere klingt zunächst ungewohnt und schreibt sich auch anders.

Man kann es so lernen: Niederländisch oe liest sich wie u, eu wie ö, ij wie ei, s wird scharf und z wird weich gesprochen. Oder man taucht ein!

Unser Nachbarstaat, die Niederlande, zählt fast siebzehn Millionen Einwohner, so viele wie die untergegangene DDR. Wie ein Blick in den Brockhaus, Stichwort deutsche Mundarten, verrät, sprechen diese Menschen einen deutschen Dialekt, und zwar, weil sie die hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitvollzogen haben, eine niederdeutsche Mundart. Hinzu kommen mehr als sechs Millionen Flamen in Belgien, deren Muttersprache ebenfalls Niederländisch ist.

Irgendwie merkwürdig also, wenn Bundesdeutsche/ Österreicher auf der einen Seite und Niederländer/Flamen auf der anderen auf Englisch kommunizieren, ohne überhaupt zu schauen, was die gemeinsame Grundlage hergibt. Im Urlaub in Tirol haben zwei Familien kürzlich die Probe aufs Exempel gemacht, dass der englische Umweg unnötig ist. Ein niederländischer Vater, Jahrgang 1971, ermunterte seine vier Kinder, mit den zwei Hamburgern am Nachbartisch in der Muttersprache zu reden: „Das sind nur zwei verschiedene Dialekte, sprecht langsam und ihr werdet einander verstehen. Wer Niederländisch kann, kann auch Deutsch.“ Was für eine Ansage!

Also zusammengesetzt, Stift und Papier für alle Fälle zur Hand. Eines der Mädchen aus der niederländischen Provinz Zeeland beginnt: „Mijn naam is Demi.“ Verstanden! „Mein Name ist Anna“, kommt es zurück.

Natürlich gibt es auch viele ungewohnte Ausdrucksweisen. „Ik zit in groep zeven.“ Hm? Niederländer sitzen also in der Gruppe sieben, statt in die siebte Klasse zu gehen. Warum nicht. Ein interessanter Unterschied zeigt sich auch beim Geburtstag. Niederländer haben nur einen Geburtstag, den Tag, an dem sie geboren sind. Eigentlich logisch. Wenn sich dieser Tag jährt, dann haben sie (ver)jaardag.

Manche Wörter sind näher: paard heißt Pferd und spoorweg Eisenbahn. Andere sind etwas entfernter. Ein Fahrrad zum Beispiel nennen Niederländer fiets und wenn sie Rad fahren, dann fietsen sie. Oft verwenden sie aber nur einen etwas anderen Ausdruck, den man auch im Hochdeutschen getrost gebrauchen kann. Zum Beispiel Tafel statt Tisch: „Aan tafel zitten drie jongens en drie meisjes.“ Und alle sind sich einig: „Het is een gezellige avond.“

Karl Diefenbach

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 18. April 2014

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DER UNBESTECHLICHE BLICK
Seine Porträts sollten „unbedingt wahrheitsgetreu“ sein und die Abgebildeten „in ihrer ganzen Psychologie wiedergeben“. Nichts wird geschönt und idealisiert, nichts dramatisiert oder überbetont: Diesen Anspruch stellte der Fotograf August Sander an sich, als er für sein Mammutprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ seine Zeitgenossen fotografierte, vom erdgebundenen Bauern bis zum progressiven Künstler.

ECHTE WIENER
FPÖ-Spitzenpolitiker Mölzer ist politisch über einen zwei Jahre alten Artikel gestürzt, in dem Zweifel an der Selbsteinschätzung „I bin a echter Wiener“ des 1992 in der österreichischen Bundeshauptstadt geborenen und dort aufgewachsenen Fußballers David Alaba geäußert wurden. Wann ist man eigentlich echter Wiener? Und wie wird diese Frage in anderen Städten beantwortet?

SIEG FÜR DEN DATENSCHUTZ
Eine schallende Ohrfeige verpasste der Europäische Gerichtshof der EU-Kommission und maßgeblichen Politikern der EU-Staaten mit seinem Urteil vom 8. April. Die Luxemburger Richter erklärten die EU-Richtlinie über die Vorratsspeicherung von Daten für ungültig, beinhalte diese doch „einen Eingriff von großem Ausmaß und besonderer Schwere in die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und auf den Schutz personenbezogener Daten“.

EUROPARAT CONTRA RUSSLAND
Mit großer Mehrheit hat die parlamentarische Versammlung des Europarates in Straßburg den russischen Abgeordneten wegen der Ukraine-Krise vorläufig das Stimmrecht entzogen. Was steckt dahinter? Wird sich Moskau beeindrucken lassen?

GEZERRE UM SCHAVAN
Die Ludwig-Maximilians-Universität in München wollte Merkels einstige Vorzeige-Ministerin Annette Schavan, längst über Plagiatsvorwürfe gestürzt, nicht mehr länger in ihrem Hochschulrat; die Universität Lübeck hingegen verlieh ihr die Ehrendoktorwürde.

WARUM NICHT VERMITTLER?
Die Bundesrepublik bringt sich mit ihrer Westorientierung unter Washingtons Führungsanspruch um die Rolle, die ihr bei ihrer zentralen Lage in Europa und der wirtschaftlichen Stärke besser zu Gesicht stünde: als Vermittler zwischen Ost und West.

PROTEST GEGEN
VERORDNETE „VIELFALT“

Weiterhin Zankapfel: Der baden-württembergische Bildungsplan 2015. Schulfächerübergreifend sollte hier für die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ geworben werden. Mit den anhaltenden Großprotesten haben die Verantwortlichen nicht gerechnet. Jetzt gab es erste Korrekturen.

UNSER SHAKESPEARE
England bereitet sich auf den 450. Geburtstag von William Shakespeare vor. Doch auch der „rivalisierende Fanclub jenseits der Nordsee“ wird den Dichter groß feiern: Denn in Deutschland wird Shakespeare öfter gespielt als auf der Insel, er beflügelt hierzulande seit 400 Jahren die Übersetzer und verführte August Schlegel gar zu der Annahme, Shakespeare sei „ganz unser“.

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Standpunkt
 
Nicht einmal geistreich

Bundesfinanzminister Schäuble weist den Vorwurf zurück, er habe Putin mit Hitler verglichen. Wird seine mit Blick auf Russlands Vorgehen auf der Krim gemachte Äußerung „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr“ damit richtiger?

Was Schäuble vor Schülern der Staatlichen Europaschule Robert Jungk in Berlin sagte, hat in Moskau Verärgerung ausgelöst, Deutschland geschadet und niemandem genützt – außer vielleicht dem als Benedikt-Hasser bekannt gewordenen Alan Posener, der Schäuble in „Die Welt“ beisprang und die Gebetsmühle („Beschwichtigung funktioniert nicht”) anwarf.

Wenn es Schäuble, wie er betont, nicht um die Akteure ging, sondern um die historische Situation, ist sein Vergleich aus folgenden fünf Gründen Unsinn:

• Das Sudetenland wurde 1919 unter Anwendung von Gewalt von Österreich abgetrennt, während die Krim der Ukraine 1954 – in Verkennung der weiteren Entwicklung – „geschenkt” wurde.

• Im Sudetenland, also dem geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet in Böhmen und in Mähren, lebte 1938 noch die angestammte Bevölkerung, was auf der Krim spätestens seit der Deportation der Krimtataren 1944 nur noch sehr eingeschränkt der Fall ist.

• Moskau hat sich nicht davon abhalten lassen, eine Volksabstimmung durchzuführen, um die Krim anzuschließen. 1938 kam es nicht zu einer Volksabstimmung, die die Regierung in Prag zu vermeiden suchte, war doch eine riesige deutsche Mehrheit gewiss. Auch 1919 war den Sudetendeutschen eine derartige Manifestation ihres Willens verwehrt geblieben.

• Schließlich besaß Moskau für den Anschluss der Krim nicht die Zustimmung aus London, Paris und Rom, wie sie Berlin für den des Sudetenlandes mit dem Münchener Abkommen vom 29. September 1938 erhalten hatte. Damaligen Zeitgenossen erschien München als seltenes Beispiel einer Territorialveränderung im Verhandlungsweg. Das unterscheidet den Sudetenland-Anschluss auch von der Besetzung Prags im März 1939.

• Den Russen auf der Krim wird hoffentlich nie etwas Vergleichbares angetan, wie den Sudetendeutschen ab 1945. Schon das in seiner Art einzig dastehende Schicksal der Deutschen in Böhmen und in Mähren sollte es einem Bundesminister verbieten, hier mit Vergleichen zu hantieren.

Im Ergebnis also zu Recht hat Moskau Schäuble „pseudohistorische Exkurse“ vorgeworfen. Manche solche Exkurse sind zwar wertlos, aber wenigstens geistreich. Nicht einmal das kann man Schäuble attestieren.

Fünfzig Jahre ist es her, dass Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, auch er CDU, die Rückgabe der sudetendeutschen Gebiete „an das sudetendeutsche Heimatvolk“ verlangte. Diese von Seebohm an Pfingsten 1964 gewählte Formulierung ist insofern interessant, als er nicht eine Rückgabe an einen Staat verlangte, sondern an Menschen, womit bis heute offene Menschenrechtsfragen angesprochen waren. Gebiete nämlich können Regierungen abtreten, über unveräußerliche Rechte Einzelner dagegen können sie nicht rechtsgültig verfügen.

B. Schreiber

 

Einige der aktuellen Themen in der
Ausgabe vom 11. April 2014

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HÄNDE WEG VOM
VERFASSUNGSGERICHT!

Der höchstgerichtlich angeordnete Wegfall der Drei-Prozent-Klausel bei Europawahlen hat Politiker aufgeschreckt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière traf sich nun „mit einigen ausgesuchten Staatsrechtlern“, um zu erörtern, wie man die Kompetenzen des Bundesverfassungsgerichts einschränken könnte.

DOPPELPASS:
WAS DIE „GRÜNEN“ WOLLEN

Gerade legte die Große Koalition einen Gesetzesentwurf zum Doppelpass vor. Die „Grünen“ üben harsche Kritik. Deutschland, so Cem Özdemir, nutze „das vorhandene Einbürgerungspotenzial“ kaum aus, noch würden zu wenig „Ausländer zu Inländern“ gemacht.

GEFÄHRDETE ENERGIE-
PARTNERSCHAFT MIT RUSSLAND

Seit Jahrzehnten findet zwischen Russland und Deutschland ein reger Erdgashandel statt. Die Sanktionspolitik des Westens gefährdet die bewährte Zusammenarbeit nun und ignoriert auch, dass etwa Deutschland 36 Prozent seiner Gaseinfuhren aus Russland bezieht.

VON DER DOPPELMORAL
Die NATO verlangt von Russland, seine in Grenznähe zur Ukraine stationierten Truppen zurückzuziehen, erhöht aber ihre Präsenz in den osteuropäischen Bündnisstaaten. Ein Spiel mit dem Feuer, das verheerende Folgen haben kann. Dazu der Kommentar „Quer gedacht“.

WIEDER EIN „REGIMEWECHSEL“?
Bis Juli dieses Jahres muss der US-Luftwaffenstützpunkt in Manas, Kirgisistan, schließen. Die Entscheidung des kirgisischen Parlaments dürfte für Washington ein Grund mehr sein, in dem zentralasiatischen Staat eine „zuverlässigere“ Regierung zu installieren. Schließlich hat man hier bereits 2005 und 2010 „Farbenrevolutionen“ angezettelt.

FRANKREICH ALS GEFAHR
FÜR WÄHRUNGSUNION?

Mit der Umbildung der Regierung hat der französische Präsident die wirtschaftlichen Probleme seines Landes noch längst nicht gelöst. Im Gegenteil: Hollande steht nach der jüngsten Wahlschlappe unter Druck. Entzieht sich Frankreich der Brüsseler Umklammerung?

EIN BISSCHEN FÄLSCHUNG?
Vergangene Woche bei München: Kommunikationswissenschaftler Professor Walter Hömberg referierte zum Thema „Lügen wie gedruckt“. Um „Falschmeldungen und Medienfälschungen“, um Manipulationen, Tricks und unbekannte Hintergründe sollte es gehen. Wie war’s?

EIN EXKLUSIVER ZIRKEL
„Der feine Club der ‚Lateiner’ und erst recht der ‚Griechen’ wird immer exklusiver; es gibt darin keine reichen Erben und keine Neureichen. Es ist ein persönliches Privileg der besonderen Art.“ So spricht der Altphilologe Klaus Bartels von einer seltener werdenden Spezies: Schülern, die Latein und Altgriechisch lernen. Haben die „toten Sprachen“ eine Zukunft?